Das Deutsche Fernsehen gab bekannt, dass es einen Filmbericht vom Qualifikationsspiel zur Fußball-Europameisterschaft zwischen Albanien und Deutschland am Montagabend in der Zeit von 23.55 bis 0.20 Uhr senden wird.
Meldung in der FR vom 15.12.1967
Wer das wohl noch geschaut hat? Einen Tag alt, vom Sonntag, "eine der schwärzesten Stunden für den deutschen Fußball", wie die FR schrieb. Auf holprigem Platz, vor "fanatischen Fans" hätte die deutsche Mannschaft in Albanien an diesem 17. Dezember 1967 einen Sieg, nur einen ganz schlichten und unspektakulären Sieg gebraucht, um ins Viertelfinale der Europameisterschaft einzuziehen. Heraus kam auf dem mal "Kartoffelacker", mal "Betonboden" genannten Platz ein mieses 0:0 - und die "Sensation eines Fußballzwerges" (FR).
Zwar hatten die deutschen Spieler (Wolter, Patzke, Schulz, Weber, Höttges, Netzer, Overath, Held, Küppers, Meyer, Löhr) sich ordentlich gemüht, hatten in der letzten halben Stunde das Tor der Gastgeber derart berannt, dass die mit elf Mann in der eigenen Hälfte verteidigen mussten. Heraus aber sprang nichts, gar nichts.
Netzer und Overath standen nur
Und so reduzierte sich die erste Europameisterschaft (vorher hieß der Wettbewerb Europa-Nationenpokal), für die Deutschland, der Vize-Weltmeister von 1966, gemeldet hatte, auf ein einziges Spiel, auf eine einzige trübselige Erinnerung: Albanien. Die Deutschen waren für die Qualifikation in eine Dreiergruppe gelost worden, mit dem späteren Finalisten Jugoslawien und eben Albanien, der "gemeinsam mit Luxemburg wohl bescheidensten europäischen Ländermannschaft", wie France Soir schrieb. Die Gruppenersten erreichten das Viertelfinale, Halbfinale und Finale wurden dann in einem Teilnehmerland ausgetragen - Italien, wie sich später ergab.
Die Deutschen spielten eigentlich eine ordentliche Qualifikation. Gegen die starken Jugoslawen unterlag das Team in Belgrad 0:1, gewann aber eine verregnete Partie in Hamburg nach Toren von Löhr, Müller und Seeler ("Endlich reichte es einmal zum ersten Länderspieltor vor eigenem Publikum") mit 3:1. Albanien war zuvor in Dortmund 6:0 abgefertigt worden (viermal Gerd Müller) und wegen des besseren Torverhältnisses bedurfte es nur noch eines klitzekleinen Sieges in Tirana.
Reine Formsache - mochte man meinen. Doch Willi Schulz vom HSV, der Kapitän der Nationalmannschaft, hatte schon lange vor dem Spiel ein mulmiges Gefühl. "Ich glaube, dass wir es in Tirana nicht leicht haben werden", sagte er gleich nach dem 6:0. "Ich habe keinen Albanien-Komplex", meinte Bundestrainer Helmut Schön nach dem Sieg über Jugoslawien, "aber die Elf wird es in Tirana noch schwer haben." Und kündigte vor dem Spiel an: "Wir dürfen diesmal kein Brillantfeuerwerk vom Angriff erwarten". Wie wahr, auch weil Netzer und der äußerst schwache Overath sich "neunzig quälende Minuten" (FR) auf den Füßen herumstanden - und sich gegenseitig blockierten.
"Wir brauchen Spieler, die losgehen, wenn sie geschickt werden, und die dann auch schießen", hatte Schön gefordert - Gladbachs neuer Wunderstürmer Peter Meyer (19 Tore in 17 Saisonspielen) klagte hinterher, er sei nicht ein einziges Mal ordentlich angespielt worden. Das Resümee des Bundestrainers: "Alles ist recht unglücklich gelaufen".
Mit dem Pech hatte es aber noch kein Ende. Auf der Rückreise aus Albanien, dessen Diktator Enver Hodscha das kleine Land gerade zum atheistischen Staat erklärt hatte und in entsetzlicher Konsequenz alle Priester hatte einsperren oder umbringen lassen, auf der Rückreise also war die deutsche Mannschaft in Rom zur Audienz beim Papst geladen - aber Paul VI. war krank.
Andere hatten mehr Glück, unverschämt viel mehr: die Italiener. Im Halbfinale spielten die Azzuri 0:0 n.V. gegen die Sowjetunion. Das bedeutete im Zeitalter vor Erfindung des Elfmeterschießens Entscheidung per Münzwurf. Kopf auf dem Handrücken des deutschen Schiedsrichters Kurt Tschenscher brachte Italien ins Finale gegen Jugoslawien. Das endete 1:1 n.V. und musste also wiederholt werden, denn über den Titel sollte nun doch keine schnöde Münze entscheiden. Dieses erste Finale leitete übrigens der Schweizer Gottfried Dienst, der auch schon das WM-Finale zwei Jahre zuvor gepfiffen hatte, das mit dem Wembley-Tor - und er bevorteilte erneut die Gastgeber. Das Wiederholungsspiel zwei Tage später gewannen die Italiener 2:0 - und hatten so in den 330 Minuten Fußballspielens während des Finalturniers drei Tore geschossen.
In Deutschland haderte man derweil mit Bundestrainer Helmut Schön, dem unerträgliches Zaudern vorgeworfen, von dem mehr Mut verlangt wurde. Den bewies er bei der EM 1972.