Alle trieb es in den Westen. Hunderttausende, wenn nicht Millionen erinnern sich in diesen Tagen, wie sie vor 20 Jahren loszogen. Zu Fuß. Auf dem Fahrrad. Mit der Simson. Im Trabbi. Auch ein Professor der Medizin denkt zurück. Einziger Unterschied: Ihn zog es in die Gegenrichtung.
Der Titel "Erster West-Student im Osten" ist nicht offiziell verliehen. Gäbe es ihn, dürfte ihn Oliver Ullrich bekommen. In der Nacht zu Freitag fiel die Mauer. Am Montag klopfte der 19-Jährige bei der Humboldt-Universität an die Tür: "Guten Tag. Ich komme aus dem Westen. Ich möchte hier studieren."
Nur drei Wochen zuvor hatte der gebürtige West-Berliner sein Medizin-Studium an der Freien Universität angetreten. Als Günter Schabowski am Abend des 9. November vor die Presse trat, saß er zu Hause und lernte. Ein Anruf kam: "Die Mauer ist gefallen." Oliver Ullrich stürmte, mit all den anderen Berlinern, aus dem Haus. Erklomm die Mauer, in deren unmittelbarer Nähe er aufgewachsen war. Tanzte. Feierte. Genoss den Augenblick. Die ganze Nacht lang. "Jeder, der dabei war, spürte, dass wir Zeugen eines ganz unglaublichen Ereignisses waren", schwärmt er noch heute. "Es war überwältigend."
Noch etwas benommen fuhr er am nächsten Morgen zur Uni. Der Tag war noch nicht vorbei, da kam ihm eine Idee. Was könnte es Spannenderes geben, als im anderen Teil der Stadt zu studieren? Gleich Montag machte er sich auf den Weg ins Studentensekretariat der Humboldt-Uni. Hier wollte er künftig einen Teil seines Studiums absolvieren. "Verblüfft, aber nicht abgeneigt", erzählt er, schickte man ihn zum Studiengangsleiter der Charité. "Der war ebenso überrascht wie offen für mein Anliegen", erinnert sich Oliver Ullrich. "Geholfen hat dabei sicher, dass es mir ernst war."
Forscher und Forschung auf Exzellenzniveau
Natürlich zog es den Studienanfänger wegen des einzigartigen Moments nach Ostberlin. Wegen großer Emotionen; des Gefühls, an der Weltgeschichte teilhaben zu können. Mindestens ebenso reizte ihn aber auch die Chance, an der Charité etwas lernen zu können. Das Universitätsklinikum der Humboldt-Uni nämlich konnte nicht allein auf eine 280jährige Geschichte verweisen.
Das führende Krankenhaus der DDR, erklärt der heutige Medizinprofessor, habe damals auch schon Forscher und Forschung auf Exzellenzniveau hervorgebracht. "Man vergisst das heute gern - aber auch im Sozialismus hatte die Charité Weltruf", sagt Ullrich. Und klingt dabei so überzeugt, als wäre es für einen Medizin-Studenten schon aus fachlicher Sicht töricht gewesen, sich diese Studienchance entgehen zu lassen.
Es klappte. Der Student aus dem Westen wurde angenommen. Und: Die Freie Universität sicherte zu, die Scheine aus der damals noch existierenden DDR anzuerkennen. Der 19-Jährige begann ein Leben als Grenzpendler. Mehrmals in der Woche reiste er zum Institut für Biochemie nach Berlin-Mitte. Und fand dort Studienbedingungen vor, von denen er in West-Berlin nur träumen konnte: Jede Seminargruppe wurde intensiv von einem Wissenschaftler betreut.
"Es gab regelmäßige Hausaufgaben, viele Prüfungen und strenge Regeln", erinnert sich Ullrich. "Aber es gab auch jede Menge Unterstützung. Die Professoren kannten uns alle persönlich. Und sie hatten immer ein offenes Ohr." Und die Labore? Museumsreifes Material in heruntergekommenen Räumen? Keine Spur, sagt der Professor. "Ehrlich gesagt: Die Ausstattung war nicht schlechter als im Westen." Aber ausschließlich im Labor stehen wollte er an seiner Zweituniversität ohnehin nicht.
"Offene und kritische Diskussionen"
Noch aufgewühlter als Oliver Ullrich waren seine Kommilitonen. Was würde aus dem Land werden, in dem sie groß geworden waren? Nächtelang diskutierte der Zugereiste mit seinen Studienkollegen. Sie waren vom DDR-Staat zwar gründlich auf politische Opportunität überprüft worden. Dennoch lernte Ullrich kluge und selbstständig denkende Köpfe kennen. "Selbstverständlich waren Marx und Lenin allen vertraut und bei vielen beliebt", erzählt er, "aber stromlinienförmige Sozialisten habe ich nicht getroffen."
Stattdessen erinnert er sich an "offene und kritische Diskussionen". Dass die DDR schon ein Jahr später Teil der BRD werden würde - "damit hat direkt nach dem Mauerfall niemand gerechnet." Auch die Wiedervereinigung erlebte der heute 39-Jährige im neuen Teil der Republik. Ab 1990 schrieb er sich neben Medizin für Biochemie ein; in beiden Fächern promovierte er an der Humboldt-Uni.
Vor sechs Jahren habilitierte er sich an der Charité und hat sich seitdem nie ganz von den neuen Ländern verabschiedet: Heute lehrt er als Honorarprofessor für Weltraumbiotechnologie an der Uni Magdeburg. Den größeren Teil seines Lebens verbringt er allerdings außerhalb Deutschlands: Als Professor für Anatomie an der Uni Zürich. In der neutralen Schweiz.