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Feminismus: Endlich ist das "Fräulein" weg

Warum Frauen heute besser leben, aber die Dritte Welle des Feminismus noch genug zu tun hat.

Sprachlos: Der Frankfurter Oberbürgermeister Willi Brundert, umgeben von demonstrierenden Feministinnnen des SDS.
Sprachlos: Der Frankfurter Oberbürgermeister Willi Brundert, umgeben von demonstrierenden Feministinnnen des SDS.
Foto: dpa

Als ich letztens in Gisela Notz' Buch über die autonomen Frauenbewegungen der 70er Jahre vom feministischen Protest gegen "revolutionäres Gefummel" und "sozialistischen Bumszwang" las, musste ich laut lachen. Nicht, weil mir die - heute immer noch sehr reale - Bedrohung durch sexuelle Gewalt in irgendeiner Form lachhaft erschiene, sondern weil die Formulierung aus heutiger Sicht eher sexy als empörend klingt. "Kevin, Honey, Lust auf ein bisschen revolutionäres Gefummel?" Wie gerne sähen viele moderne Frauen ihren zum Glück weitestgehend von überkommenen Moralvorstellungen befreiten Sex-Alltag mit ein wenig politisch aufgeladenem Radical Chic aufgepeppt, der der enttabuisierten Gymnastik etwas Verruchtheit und Rebellion verliehe.

Dies lässt sich heute selbstverständlich nur deswegen so flapsig äußern, weil die sogenannte Dritte Welle des Feminismus, die in den USA etwa 1990 anrollte und nun zähflüssig auch in den deutschsprachigen Raum herüberschwappt, den feministischen Vorreiterinnen der sogenannten Zweiten Welle der 60er und 70er Jahre in Bezug auf die Neuverortung der Geschlechterrollen so viel zu verdanken hat. Hätten unsere Mütter nicht in den Ende der 60er Jahre gegründeten Weiberräten auf die Befreiung der Frau von patriarchalen Strukturen und die Abschaffung sexueller Unterdrückung gedrungen, auf die Politisierung des Privaten sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sähen wir jetzt ganz schön alt aus. Obwohl viele Konflikte noch nicht beigelegt sind, wäre es für Frauen meines Alters beispielsweise unvorstellbar, klaglos die alleinige Verantwortung für alle Reproduktionsarbeiten zu übernehmen, wie das damals noch üblich war - auch in den revolutionären Kreisen des SDS, was ja zum vielzitierten Tomatenwurf anlässlich der aufrüttelnden Rede von Helke Sander im September 1968 führte.

Auftritt der Weiber: Am 50. Jahrestag des Frauen-Wahlrechts demonstrieren 1968 weibliche SDS-Mitglieder in Frankfurt gegen die SPD.
Auftritt der Weiber: Am 50. Jahrestag des Frauen-Wahlrechts demonstrieren 1968 weibliche SDS-Mitglieder in Frankfurt gegen die SPD.
Foto: dpa

Auch im sexuellen Bereich hat die Emanzipation den Frauen - und Männern! - gebracht, dass weibliches Begehren ganz selbstbewusst und -verständlich geäußert werden kann und die Orgasmen im Schlafzimmer nicht mehr mit der Lupe gesucht werden müssen. Wenn ich heute in meiner Wahlheimat Wien durch die Straßen schlendere und an Baustellen Schilder sehe, auf denen "RadfahrerInnen bitte absteigen" zu lesen steht, erfüllt mich die selbstverständliche Durchdringung irdischster Details von feministischen Prinzipien mit einer nicht unbeträchtlichen Befriedigung. Die auch an die beruhigende Feststellung gekoppelt ist, dass es - zumindest an einigen Orten - vorangeht, trotz aller Unterminierungsversuche einer geschlechtergerechten Sprache aufgrund vorgeschützter "grammatikalischer", "praktischer" oder gar "ästhetischer" Befindlichkeiten. Wie die Kulturwissenschaftlerin Julie Miess hellsichtig äußerte, war das "Fräulein" neben der "Frau" stets umständlich, wenig platzsparend und zudem hässlich und trotzdem bis vor einigen Jahren auf allen offiziellen Formularen zu finden.

Es hat sich also etwas bewegt und es bewegt sich immer noch. Was aber ist mit den Forderungen, die nur halbherzig oder gar nicht eingelöst wurden? Wo bleibt der gleiche Lohn für die gleiche Arbeit, die bei Frauen immer noch rund 25 Prozent weniger wert ist? Was ist los mit der gleichmäßigen Verteilung von Erziehungsaufgaben, die ganz ungleichmäßig immer noch eine riesige Anzahl von Müttern, aber nicht Vätern, in die Karriere-Sackgasse Teilzeitarbeit drängt? Was ist mit dem uneingeschränkten Recht auf Abtreibung, einem zentralen feministischen Kampfthema der 70er? Wo sind die vielen Frauen auf Uni-Lehrstühlen und in Unternehmens-Vorständen, die ganzen meritokratischen Alpha"mädchen"?

Während sich Medien und Diskurs-Gesellschaft trendverliebt seit einiger Zeit auf die Suche nach einem "neuen" Feminismus machen, wäre es angesichts dieser überwältigenden Evidenz an uneingelösten Forderungen doch viel sinnvoller, an einer Kontinuität der Frauenbewegung zu arbeiten, statt "alt" und "neu" gegeneinander auszuspielen. Gerne auch mit verschobenen Prioritäten, denn nichts ist bekanntlich so stark dem Wandel unterworfen wie Ästhetik und Codes von Lebensentwürfen. Aber dass Feminismus mittlerweile als eine Art Präfix auch das Wörtchen "Pop" führen darf, weil viele der jüngeren Frauen massiv durch Popkultur sozialisiert wurden und ihre unmittelbare Lebensrealität auch gerne mit spitzem feministischem Besteck auseinandernehmen würden, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Auseinandersetzungen und Ziele im Wesentlichen noch dieselben sind.

Immer wieder sind Klagen zu hören, die Jüngeren, aufgerieben durch prekäre Lebensumstände und verstrickt in popversessene Nischenbildungen, seien nicht radikal genug, wohingegen die Älteren von ihren gesicherten Positionen innerhalb der Institutionen aus Radikalität nur predigten, die verbindende Hand aber nicht reichen würden. Gemeinsam gilt es aber doch, diejenigen in die Schranken zu weisen, die Emanzipation verstärkt, wie schon Ende der 60er, wieder nur als Nebenwiderspruch und kleinbürgerliches Projekt diskreditieren wollen, während gleichzeitig versucht werden muss, die Frauen außerhalb der Akademien und Riot-Grrrl- und Queer-Szenen zu erreichen. Denn während die Zweite Frauenbewegung noch von vielen Frauen aus proletarischen oder zumindest Pink-Collar-Milieus mitgetragen wurde, ist diese Basis mittlerweile verloren gegangen, weil stets signalisiert wird, es sei doch eh schon alles erreicht.

Dass dem nicht so ist, sieht man unter anderem daran, dass unter dem Deckmantel einer sogenannten Rhetorik der Wahlfreiheit neue alte Konzepte von Häuslichkeit und Sexismus an Frauen als ihr freier Wille zurückverkauft werden sollen. Gerne unter dem Motto: "Wenn ich es wähle, ist es doch automatisch feministisch, oder?" Nein. Was daneben aber seit 1968 fast vollständig aus dem Blickfeld geraten ist, ist die längst überfällige Emanzipation der Männer von überkommenen Rollenbildern. Die müssen sie aber bitte selbst anschieben - das können nicht auch noch die Frauen leisten. Wir applaudieren aber gerne.

Sonja Eismann, geboren 1973, freie Autorin und Literaturwissenschaftlerin, arbeitet an einem neuen Frauenmagazin, das im Herbst erscheinen soll: "Missy. Für Frauen, ohne Scheiß".

Autor:  SONJA EISMANN
Datum:  10 | 4 | 2008
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