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Flucht eines Leistungssportlers: "Ich komme von drieben"

Vor mehr als 40 Jahren schwamm Axel Mitbauer von der DDR-Küste aus 25 Kilometer durch die Lübecker Bucht, ehe ihn ein westdeutsches Fährschiff aufnahm. Von Marcus Bölz

Das Wasser in der Lübecker Bucht hatte nur 18 Grad, als Axel Mitbauer im August 1969 von der DDR in Richtung Westen schwamm.
Das Wasser in der Lübecker Bucht hatte nur 18 Grad, als Axel Mitbauer im August 1969 von der DDR in Richtung Westen schwamm.
Foto: Imago

In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1969 versteckt sich Axel Mitbauer nahe Boltenhagen am DDR-Ufer der Lübecker Bucht. Er ist nur mit einer Badehose bekleidet, seinen Körper hat er dick mit Vaseline eingeschmiert - er wartet auf seine Chance, denn er ist ein hervorragender Schwimmer.

Die DDR hatte ihre Grenze nach Westen nicht nur mit Mauer und Stacheldraht verriegelt. Dort, wo der Todesstreifen am Wasser endete, waren ihre Grenzposten besonders wachsam. "Schussanlagen, Boote, Beleuchtungsapparate: Die dachten, da kommt keiner durch. Aber die Rechnung haben sie ohne mich gemacht", erzählt Axel Mitbauer. Nachdem der damals 19-Jährige eine Woche lang das Verhalten der DDR-Grenzer beobachtet hatte, setzte er seinen spektakulären Fluchtplan um: Mitbauer schwamm 25 Kilometer durch die offene Ostsee vom Strand in Boltenhagen in die Lübecker Bucht hinein.

Zur Person

Axel Mitbauer ist einer von 600 Leistungssportlern, die der DDR den Rücken kehrten. Er war Meister über 400 Meter Freistil. Im Jahr 1969 schwamm er 25 Kilometer durch die Ostsee von Boltenhagen im Osten in die Lübecker Bucht, bis ihn ein westdeutsches Fährschiff aufnahm. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer erinnert er sich an seine spektakuläre Flucht.

Der 59-Jährige lebt heute in Riehen bei Basel. Nach seiner Flucht studierte er in Köln Sport und arbeitete zunächst als Nachwuchstrainer. Seinen ersten Cheftrainerposten übernahm er in der 70er-Jahren in Düsseldorf. Danach tourte er als Coach durch Europa, arbeitete auf Sardinien, in der Schweiz und wieder Deutschland. Derzeit ist er Trainer in Karlsruhe. (fr)

"Mir war aufgefallen, dass die Grenzer einmal pro Stunde für 60 Sekunden ihre Suchscheinwerfer löschen mussten zum Abkühlen der Graphitstifte der grellen Lampen", sagt Mitbauer. Gegen 21 Uhr nutzte er einen solchen Moment zum Sprung in die kalte Ostsee. "Ich musste in einer Minute über die erste und zweite Sandbank hinweg." Als die Suchscheinwerfer ihn zu erfassen drohten, tauchte er unter. Nach langer Zeit unter Wasser kraulte er um sein Leben.

Nach etwa 25 Kilometern und rund fünf Stunden später krallte sich Mitbauer an einer Leuchtboje fest, die er zwischen den tosenden Wassermassen entdeckte. "Ich konnte nicht mehr. Ich wollte mich ausruhen und vor allem von der bald aufgehenden Sonne aufwärmen lassen. Das war ja schweinekalt in dem Wasser." 18 Grad hatte die Ostsee im August 1969.

"Früh, um sieben Uhr, hat mich ein Seemann eines westdeutschen Fährschiffes entdeckt. Er rannte zum Kapitän, der nicht glauben wollte, dass sich hier Mitten in der Ostsee ein Mensch an einer Boje festhält." Mit einer Flüstertüte fragte der Kapitän Mitbauer, wer er sei. Der antworte, "ich kommen von drieben". "Das hört man", antwortete der Kapitän und hievte den durchgefrorenen Schwimmer an Bord.

"Natürlich habe ich bei meiner Flucht Glück gehabt - und auch richtig viel Angst. Aber wenn man einmal solch ein Projekt begonnen hat, zieht man es durch. Das ist wie bei großen Sportwettkämpfen. Man macht sich vorher Gedanken, hat Respekt vor der Aufgabe - aber wenn die Aufgabe beginnt, treibt einen der Ehrgeiz an. Und dann kann der Mensch unglaubliche Grenzen überwinden. Selbst die Mauer." Der in Leipzig geborene und aufgewachsene Mitbauer war zur Zeit seiner Flucht Hochleistungssportler. "Ich hatte bereits den Titel des DDR-Meisters über 400 Meter Freistil. Als Leistungssportler habe ich die DDR akzeptiert und respektiert. Als Mensch aber sind mir früh die eklatanten Widersprüche des Systems aufgefallen", erinnert sich Mitbauer. Sein Schwimmtalent wurde früh entdeckt und gefördert. Mitbauer bekam Einzelunterricht und wurde systematisch an den Leistungssport herangeführt. "Es klingt im Nachhinein perfide: Ich habe die ausgezeichnete DDR-Sportförderung dazu benutzt, um die DDR zu verlassen."

Als Leistungssportler war er bereits als Teenager im Ausland. "Dort erkannte ich den Unterschied zwischen der DDR-Propaganda und der Realität. Ich begann, mein Heimatland als einen Unrechtsstaat anzusehen." Die Stasi bemerkte, dass der Schwimmer bei Wettbewerben den Kontakt zum sportlichen Klassenfeind suchte - und sperrte ihn für fast zwei Monate in den Stasi-Knast Hohenschönhausen bei Berlin ein. "Dunkelzelle, Einzelhaft, Schlafentzug, Folter. Die wendeten das volle Programm an. Doch ich sagte nichts und kam nach sieben Wochen wieder frei", erzählt Mitbauer. Mehr als 600 DDR-Leistungssportler und -sportlerinnen flohen nach Stasi-Erkenntnissen aus der DDR. Fußballer wie Falko Götz, Radfahrer wie Jürgen Kissner, Trainer wie Jörg Berger. Mitbauer war der einzige, der den eisernen Vorhang kraft seines Sports überwand.

Im Westen angekommen, blieb die Angst vor dem langen Arm der Staatssicherheit. Mitbauer: "Die Stasi hat ja auch im Westen einige umgebracht. Manche sind narkotisiert und wieder zurück in den Osten verschleppt worden. Auch mir hat man mal am Auto alle Radmuttern abgedreht. Am Anfang habe ich vor die Türe noch einen Schrank geschoben."

Den Mauerfall vor 20 Jahren erlebte Axel Mitbauer mit feuchten Augen. Aus Angst vor der Stasi reiste er jedoch erst 1992 zurück in seine Heimatstadt Leipzig. Bei der Lektüre seiner Stasi-Akte, stellte er fest, "dass die Staatssicherheit keinen gefunden hatte, der mich genauer unter die Lupe nehmen wollte. Das habe ich als ungeheuere Wertschätzung meiner Person wahrgenommen. Das war einer der schönsten Momente meines Lebens."

Mitbauer studierte an der Kölner Sporthochschule und arbeitete als Schwimmtrainer in Italien und der Schweiz. Heute lebt er in der Nähe von Basel und trainiert in Karlsruhe Nachwuchsschwimmer.

Zu den Höhepunkten seiner Trainertätigkeit gehört die Betreuung des berühmten französischen Weltrekordtauchers Jacques Mayol, dessen legendärer Weltrekord-Zweikampf mit dem Italiener Enzo Mairoca später als Film ("Im Rausch der Tiefe" ) in die Kinos kam. Mitbauer: "Auch dabei ging es um das Überwinden von Grenzen. Die Fähigkeit, Menschen nicht nur an ihr Limit zu führen, sondern mit ihnen Grenzen zu überwinden, habe ich mir zu eigen gemacht - und nutze sie bis heute, um damit Geld zu verdienen und mein Leben zu bestreiten."

Dass die Menschen im Osten und Westen Deutschlands auch 20 Jahre nach dem Mauerfall im Umgang miteinander noch immer fremdeln, kann er, der beide Teile kennt, verstehen: "Man muss das realistisch sehen: Es gibt in politischen Systemen, so totalitär und menschenverachtend sie auch sind, immer auch Menschen, die davon profitieren. Ich glaube, dass die Generationen, die die DDR nicht mehr miterlebt haben, sich eher als Deutsche fühlen werden, egal, in welchem Teil des Landes sie aufgewachsen sind."

Autor:  Marcus Bölz
Datum:  9 | 11 | 2009
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