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Flugblatt-Zeit: Billig, schnell, zielgerichtet

Über die fortwährende Produktion des Flugblatts im Zeitalter studentischen Protestes in Frankfurt. Von Anita Strecker

Ein Flugblatt aus der Ostermarsch-Apo-Zeit.
Ein Flugblatt aus der Ostermarsch-Apo-Zeit.
Foto: FR/Klaus Vack

"Warum brennst du Konsument?" Der Titel des berühmten Flugblatts Nr. 7 der Kommune 1 ist bis heute Kult. Dokument einer neuen Protestkultur, obwohl Flugblätter so alt sind wie die Druckkunst des späten Mittelalters. Für die Studentenbewegung und außerparlamentarische Opposition der 60er werden sie zu dem Medium schlechthin, das eine eigene Gegenöffentlichkeit zu schaffen vermag und eben jene neue, freche Protestkultur jenseits von Demonstrationsmärschen und Diskussionen bis zur Ohnmacht. Provokation, politische Aufklärung, Satire, Spaß - mit einem simplen Matrizenabzug ist plötzlich alles möglich.

Was die Berliner Kommunarden mit ihren Aufsehen erregenden, provokanten Flugblatt-Serien in die Welt flattern lassen, ist für Klaus Vack, linker Naturfreund-Bewegter, Cheforganisator der Ostermarsch-Bewegung und Berater für Kriegsdienstverweigerer, schon in den 50ern gängiges Medium. In seiner Offenbacher Bürogemeinschaft stand eine alte, gebrauchte Wachsmatritze, "irgendwann billig gekauft", die im Handumdrehen Botschaften und Aufrufe in 500er oder noch mehr Auflage ausspuckte. Seine Frau Hanne war Meisterin im Drucken. "Die hat 2000 Kopien von einer Matrize geschafft." Wer ruppiger zu Werke ging, riss schon nach 500 Exemplaren Löcher in die Vorlage. Neue Matrize tippen und alles von vorn.

Eng beschriebene Blätter in mechanischer Schreibmaschinen-Schrift-Manier, Tippfehler zum Teil von Hand ausgebessert. Karikaturen wurden mit Nagel oder Drahtstift auf das Gazepapier gezeichnet. Vack lacht über Anfänge. Wie viele Blätter er im Laufe der Jahrzehnte von der Maschine gezogen hat, alles handgetippt auf wachsbezogener Gaze, kann der heute 73-Jährige nicht mal schätzen. "Aber ich habe alle meine Flugblätter selbst gemacht." Sich Gehör und Öffentlichkeit für das verschaffen, was in den einschlägigen Medien damals keine Aufmerksamkeit erhielt. Billig, schnell, zielgerichtet. "Geld für Anzeigen oder Aufträge in Druckereien hatten wir ja nicht."

Das Mittel wird beliebt. Mit der Nachfrage revolutioniert sich auch die Drucktechnik. Billig-Offset löst die Wachsmatritze ab. Und nicht nur in der Vackschen Bürogemeinschaft wird produziert, was das Zeug hält. Studenten, Apo, Kommunarden, Schüler, linke Gruppe - die Szene wird kreativ. "Was kümmert Meier der Vietkong", eine "Bald-Zeitung" in BildZeitungs-Anmutung zieht imaginäre Bilanz nach fünf Jahren Notstandsgesetzen. Ein Volkssarg-Bevorratungsgesetz wird via Flugblatt "erlassen", ein Notstands-Stall eingerichtet. Satirische Schlagworte, Aufmachungen, Karikaturen, die Vack beim Erzählen spontan einfallen. Das Flugblatt wird zur Projektionsfläche für Phantasie und Provokationen - und zur Schnittstelle zwischen Kunst und Politik.

Vor allem aber bleibt es ein brandaktuelles Medium, geeignet für das Sofortige. Klaus Vack erinnert sich noch gut, wie er sich, kaum dass der Anschlag auf seinen Freund Rudi Dutschke am Gründonnerstagnachmittag 1968 in Berlin die Runde auch in Frankfurt am Main machte, an die Schreibmaschine setzte. Noch am Abend wurde das Flugblatt großflächig verteilt, der bevorstehende Ostermarsch prompt zum Protest gegen den Anschlag und die "Springer-Hetze" umfunktioniert.

Klaus Vack hat Exemplare aller seiner Schätze jahrzehntelang gehütet - stapelweise Flugblätter. Vor Jahren hat er sie verkauft, um Freizeiten für kriegstraumatisierte Kinder vom Balkan zu finanzieren. Alles hat seinen Sinn.

Autor:  ANITA STRECKER
Datum:  30 | 4 | 2008
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