Der Remer. Den Remer kennt fast jeder. Zumindest auf den Dörfern. "Der Name Remer", heißt es in einem Bericht des Presse- amts der Bundesregierung, "bringt vor allem in ländlichen Wahlkreisen Massen in Bewegung." Otto Ernst Remer. Die Öffentlichkeitsarbeiter der noch jungen und in mancher Hinsicht unerfahrenen Bonner Republik registrieren nicht ohne eine gewisse Missgunst, dass der Remer und seine Sozialistische Reichspartei (SRP) ungeahnten Zulauf bekommen: "Wo Regierungssprecher vor 20 bis 30 Besuchern reden, stellen sich bei SRP-Kundgebungen 1000 Zuhörer ein. Man hat das Gefühl, dass die SRP die einzige Partei ist, die heute in den kleineren Städten Niedersachsens und auf dem flachen Land ihre Versammlungslokale zu füllen versteht."
Mit Remer. Einem Mann, der gerade auf die 40 zugeht. Und schon einiges hinter sich hat. Nicht lange her. In Berlin. Remer als Kommandeur des Wachbataillons "Großdeutschland". Schöne Zeit für ihn. Vorbei. In seiner von Ressentiments genährten Innensicht fügt sich ein "Leider" an. Deswegen diese ständige Suche nach einer neuen politischen Heimat, deswegen das Engagement bei der Gründung der SRP. Und daher Remers Agitieren im Sinne rechtsradikaler Hinterlassenschaften.
Fritz Bauer stört das schon lange. Eigentlich bereits, seit der Jurist, am 16. Juli 1903 in Stuttgart geboren, von seinen Zufluchtsorten in Skandinavien zurückgekehrt ist und wieder in Deutschland lebt. Bundesinnenminister Robert Lehr kann Remers Propaganda auch nicht leiden.
Also strebt der CDU-Politiker ein Verbot der SRP an. Adenauers Kabinett erklärt die neonazistische Partei zwar für "staatsfeindlich", ein Verbot aber lässt sich nicht durchsetzen. Denn das Bundesverfassungsgericht gibt es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Anfang Mai 1951 allerdings ist für Lehr doch der Punkt erreicht, an dem etwas unternommen werden muss. Als Privatmann bringt er ein Strafverfahren gegen Remer auf den Weg, weil er sich beleidigt fühlt. Remer hat sich ein paar Wochen zuvor wieder damit gebrüstet, sich damals "den Eidbrechern" entgegengestellt und zum Scheitern "der Verschwörer, die vom Ausland bezahlt wurden", beigetragen zu haben.
Er meinte die Attentäter vom 20. Juli 1944, die, die mit der Ermordung des Tyrannen ein Ende des Kriegs herbeiführen wollten. Vor einem Gericht in Braunschweig muss sich Remer verantworten. Die Anklage hält ihm "üble Nachrede und Beschimpfung des Andenkens Verstorbener" vor. Generalstaatsanwalt Fritz Bauer vertritt sie. Für den Mann, den die Nazis 1933 in so genannte Schutzhaft genommen hatten, der sich nach Dänemark und dann nach Schweden absetzen konnte, für diesen sozialdemokratisch orientierten Mann geht es darum zu klären, ob die Widerständler Hochverräter gewesen sind. Roland Freisler, berüchtigter Präsident des "Volksgerichtshofs", hatte diese Frage 1944 bejaht.
"Das Ziel dieses Prozesses", sagt Bauer im März 1952 in seinem Plädoyer, "ist nicht, Zwietracht zu säen, sondern Brücken zu schlagen und zu versöhnen. "Freilich nicht "durch einen faulen Kompromiss". Bauer geht es um Richtigstellung und Tiefenwirkung. Die Richtigstellungen zielen auf die Rezeption des Widerstands in der deutschen Öffentlichkeit während der stillen 50er Jahre. In dem Verfahren in Braunschweig werfen Anhänger Remers immer wieder ein, das alles sei nichts anderes als "ein Schauprozess".
Bauer lässt sich nicht beirren. Ihm geht es um die Bedeutung des Widerstands für Nachkriegsdeutschland. Am 20. Juli 1944, daran lässt Bauer im Gerichtssaal keinen Zweifel, "war das deutsche Volk total verraten, verraten von seiner Regierung, und ein total verratenes Volk kann nicht mehr Gegenstand eines Landesverrats sein". Ein knappes Jahr später habe der Widerstand, wenn auch nicht mehr aus eigener Kraft, sondern mit Hilfe der Alliierten, zum Sturz der Tyrannei geführt: "Was die Widerstandskämpfer vollbracht haben, war das größte nationale Aktivum, mit dem wir Deutschen am Ende des Kriegs den Alliierten entgegentreten konnten; es war das einzige Aktivum, das wir ins Feld führen konnten, als die Kollektivschuld uns ins Gesicht geschleudert wurde."
Das Gericht verurteilt Remer. Schließlich habe er ausreichend Zeit gehabt, sich von seiner Vergangenheit zu distanzieren. Der Rechtsextremist flieht nach Ägypten.
Doch Bauers Plädoyer wirkt nach. Allerdings nicht so tief, wie sich das der Jurist gewünscht hat. Bauer stößt an die Grenzen aufklärerischer Potenziale in der nachtotalitären Gesellschaft. Der Integrationsprozess geht über die Vergangenheit hinweg. Mitte der 50er Jahre muss in der Bundesrepublik kaum jemand fürchten, sich für seine Nazi-Vergangenheit verantworten zu müssen, schreibt der Historiker Norbert Frei. Erst sechs Jahre nach dem Remer-Verfahren entsteht in Ludwigsburg die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen.
Bauer, inzwischen als hessischer Generalstaatsanwalt nach Frankfurt am Main übergesiedelt, ist enttäuscht. Bei ihm verfestigt sich der Eindruck, dass "die Probleme, die die Bewältigung der Vergangenheit aufwirft, leider nur selten oder unzulänglich behandelt werden". Schon zu lange tue man in der jungen Republik so, als sei das gesamte Volk "über Nacht einigen abgefeimten Schurken zum Opfer gefallen". Von 1962 an bereitet Bauer in Zusammenarbeit mit Staatsanwälten und Historikern einen Prozess vor, der die Verbrechen ins Licht der Öffentlichkeit rückt: Im Frankfurter Auschwitz-Prozess, der im Dezember 1963 als "Strafsache gegen Mulka u. a." beginnt, geht es für ihn um die Strafverfolgung der Täter, vor allem aber zielt er auf die Verdrängung des Unrechts im Bewusstsein der Deutschen. Damit will er nachhaltig dem Geschichtsbild entgegenwirken, dass "Deutschland sozusagen nicht ein weitgehend besessenes, auf den Nazismus versessenes, sondern ein vom Feind besetztes Land war".
Zum Umgang mit der Geschichte gehörte für Bauer stets die Verpflichtung zu Toleranz und Liberalität. Deshalb setzte er sich zeit seines Lebens für eine Liberalisierung des Strafrechts ein. Denn trotz aller Rückschläge im Ringen um die Vernunft hielt Fritz Bauer, der am Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre, an seinem Diktum fest: "Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird."