Es war nicht die fehlende Urteilskraft, für die Lafontaine nach dem Mauer-Fall abgestraft wurde. Es war das Kalkulieren, dass man der historischen Situation nicht alleine mit doppelter Buchführung gerecht werden kann. Von Gert Keil
Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten errichtet eine Ostberliner Maurerkolonne im August 1961 an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze am Potsdamer Platz eine mannshohe Mauer.
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Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten errichtet eine Ostberliner Maurerkolonne im August 1961 an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze am Potsdamer Platz eine mannshohe Mauer.
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Der Bau der Mauer in Berlin am 13. August 1961 markierte zugleich das Ende der sozialdemokratischen Wiedervereinigungshoffnungen und den Beginn der neuen Ostpolitik. Der Fall der Mauer 1989 markierte deren triumphales Ende.
Bis heute allerdings bleibt die Frage, ob die Sozialdemokratie - und speziell ihr Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine - aus diesem Triumph damals die angemessenen Konsequenzen zogen.
Am 30. Juni 1960 hatte der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, Herbert Wehner, in einer Grundsatzrede die Westbindung der Bundesrepublik begrüßt und alle früheren Bedenken, dadurch sei die Wiedervereinigung gefährdet, zurückgestellt. Aber erst durch die Brutalität des Mauerbaus verstummte die auf Wiedervereinigung abzielende Grundhaltung in der Partei gänzlich.
Der Mauerbau und die ausbleibende Reaktion der Westmächte signalisierten dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt, dass man jetzt die Dinge selbst in die Hand nehmen müsse. Die neue Ostpolitik nahm alsbald Gestalt an: Knapp zwei Jahre später, am 15. Juli 1963 hielt Egon Bahr seine berühmte Tutzinger Rede "Wandel durch Annäherung".
Die Mauer - Symbol der Teilung
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Die Mauer - Symbol der Teilung
Kurz zuvor, am Morgen des 13. August 1961, haben DDR-Streitkräfte im Ostteil der Stadt Straßensperren aus Stacheldraht in Richtung Westen aufgebaut.
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Der Grund für die Abriegelung: Der DDR laufen die Bürger scharenweise davon - die Mauer soll den ständig steigenden Strom von Flüchtlingen nach Westberlin aufhalten.
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Am 15. Juni 1961 fragt die Berliner Korrespondentin der Frankfurter Rundschau, Annamarie Doherr, DDR-Staatschef Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz, ob er "mit allen Konsequenzen" am Brandenburger Tor eine Staatsgrenze einrichten wolle. Seine Antwort geht in die Geschichte ein: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."
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Dabei drängt Ulbricht gegenüber der Vormacht Sowjetunion schon seit 1952 auf einen Riegel mitten durch Berlin. Doch Moskau zögert, fürchtet die Reaktion der Westmächte.
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Die Entscheidung fällt offenbar erst wenige Tage vor dem 13. August 1961. Einige Historiker glauben, der Mauerbau sei Anfang August in Moskau beschlossen worden, wo die Ostblockführer zusammentrafen.
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Der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls", der unter dem Decknamen "Aktion Rose" läuft, besiegelt die Teilung Deutschlands.
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Die Mauer trennt Familien: Zwei Berliner Mädchen sprechen mit ihren Großeltern im Ostteil von Berlin.
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Mütter winken ihren Kindern und Enkelkindern in Ostberlin zu.
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In der DDR aber gibt es von Anfang an Widerstand gegen die Mauer. Stasi-Berichte verzeichnen "größeren Unmut bei Jugendlichen". Es gab Aufschriften wie "Wer Mauern baut, hat es nötig".
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In den drei Wochen nach dem Mauerbau werden 6000 Menschen festgenommen, 3000 bleiben inhaftiert. Das Bild zeigt amerikanische Soldaten an der alliierten Kontrollbaracke am "Checkpoint Charlie".
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17. August 1962: DDR-Grenzposten tragen den leblosen Körper des Flüchtlings Peter Fechter weg. Einem Freund, mit dem der 18-Jährige über die Mauer geklettert war, gelingt die Flucht; Fechter selbst wird auf der Mauer niedergeschossen und fällt auf die Ostberliner Seite zurück.
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Die DDR-Grenzer lassen den 18-Jährigen 50 Minuten lang hilflos liegen, bevor sie ihn bergen. Fechter verblutet. Sein Tod erregt großes Aufsehen, wird zum Symbol der Unmenschlichkeit dieser Grenze.
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Zwischen 1961 und 1989 sterben an der Grenze mehr als 900 Menschen, darunter Rudolf Urban. An ihn erinnert diese Tafel an der Bernauer Straße.
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Immer wieder wird die deutsch-deutsche Grenze in Berlin zum Schauplatz der Konfrontation: Am 28. Oktober 1961 fahren sowjetische Panzer am "Checkpoint Charlie", dem Sektorengrenzübergang für Diplomaten und Ausländer in der Friedrichstraße, auf. Tags zuvor haben amerikanische Panzer unmittelbar an der Grenzlinie Aufstellung genommen.
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26. Juni 1963: US-Präsident John F. Kennedy schaut von einer Plattform in der Friedrichstraße über die Berliner Mauer in den Ostsektor der geteilten Stadt. Hunderttausende jubeln Kennedy zu, als er vor dem Schöneberger Rathaus seine Rede mit den berühmten Worten "Ich bin ein Berliner" hält.
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Der Berlin-Berater Kennedys, Lucius D. Clay, zieht sich an der Mauer hoch, um einen Blick auf das Brandenburger Tor zu werfen.
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Das wohl berühmteste Bild einer Flucht aus der DDR gelingt dem Fotografen Peter Leibing. Er drückt auf den Auslöser, als der Volkspolizist Conrad Schumann im August 1961 während des Mauerbaus in den Westen springt.
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Der Westberliner Student Klaus-Michael von Keussler gehört zu einer Gruppe von Fluchthelfern, die einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch graben. Im Oktober 1964 gelingt 57 Menschen unterirdisch die Flucht. Rund 70 Tunnel zwischen Ost-und West-Berlin sind heute bekannt.
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Die innerdeutsche Grenze durchzieht bald das ganze Land: Blick vom Philippsthal (Osthessen) über die Grenze zur DDR und die Mauer auf das thüringische Vacha (Archivbild vom 27. April 1977).
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1989: Kurz nach dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung kommt Erich Honecker zu später Einsicht, lässt die Mauer einreißen, entschuldigt sich und tritt zurück ... Ok, ganz so spektakulär wie in "Goodbye Lenin" kam es nicht daher, das Ende der DDR ...
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... sondern so: Günter Schabowski, damals Politbüromitglied, tritt am 9. November 1989 vor die Presse und verkündet wie nebenbei die Öffnung der Berliner Mauer.
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November 1989: DDR-Grenzsoldaten helfen einem Kind auf die Mauer, um ihm einen Blick auf den Westen zu ermöglichen.
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11. November 1989: Jubelnde Menschen haben sich mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer niedergelassen. Nach der Öffnung eines Teils der Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisen Millionen DDR-Bürger für einen Kurzbesuch in den Westen.
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Grenzübergang im osthessischen Philippstal am 12. November 1989.
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Grenzübergang Stubenrauchstraße am 14. November.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Der letzte sozialistische Bruderkuss - als Grafitti auf der Mauer, die Deutschland fast 30 Jahre lang trennte.
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Rückblick: Berlin im August 1961. Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten beginnen Handwerker mit dem Bau einer mannshohen Mauer an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze (hier am Potsdamer Platz).
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Fotostrecken Politik
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Linkspartei in der Krise
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"Verantwortungsethik" vs. "Gesinnungsethik"
Und die "Politik der kleinen Schritte" begann mit einem Passierscheinabkommen, das erste Begegnungen zwischen dem Ostteil und dem Westteil der Stadt ermöglichte. Die neue Ostpolitik war kühl kalkuliert: Sie legitimierte sich nicht in erster Linie durch moralische Überzeugungen, sondern durch das Wirken und die antizipierbaren Folgen, die mit dem eigenmächtigen Handeln als verbunden gedacht wurden.
Der Begründer der deutschen Soziologie, Max Weber, hat für ein solches Vorgehen den Begriff "Verantwortungsethik" geprägt. Für ein Handeln hingegen, das sich nur auf moralische Prinzipien stützt, prägte er den Begriff "Gesinnungsethik". Den meisten Philosophen und Wissenschaftstheoretikern ist die Kategorie Gesinnungsethik heute suspekt.
Sie halten sie für ein Relikt voraufklärerischen Denkens, für eine Spielart der Romantik. Spätestens seit Hans Jonas Buch "Das Prinzip Verantwortung" aus dem Jahr 1979 hat sich die Verantwortungsethik gegen die Gesinnungsethik durchgesetzt.
Die Mauer hielt 28 Jahre. Mit ihrem Fall, der deutschen Vereinigung und dem damals schon vorsichtig erahnbaren Ende des Kommunismus wurde zugleich eine steile Karriere unterbrochen: die Karriere des damaligen stellvertretenden Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei, Oskar Lafontaine. Dieser trat 1990 als Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl an und ohne die deutsche Vereinigung hätte er die Wahl vermutlich gewonnen.
Lafontaine stand damals nicht allein
Lafontaine wurde damals verdächtigt, die Wiedervereinigung nicht zu wollen, aber das ist zu kurz um zu schließen, mithin ein Kurzschluss. Es waren nur andere Fragen, die sich ihm aufdrängten. Er wollte die Frage nach der Wiedervereinigung entscheiden im Lichte der antizipierbaren Folgen: Eine schnelle Wiedervereinigung und ein unrealistischer Umtauschkurs zwischen den beiden deutschen Währungen, so vermutete er, würde die ohnehin brachliegende Wirtschaft in der DDR zerstören.
Für Oskar Lafontaine war die Entwicklung und Sicherung einheitlicher Lebensverhältnisse wichtiger als die "nur politische Einheit". Nach meiner Erinnerung - ich arbeitete zu dieser Zeit in der Staatskanzlei des Saarlands -, sagte Lafontaine sinngemäß: Wenn wir die soziale und ökonomische Vereinigung dadurch leichter organisieren können, wenn das Land vorübergehend geteilt bleibt, dann machen wir das so. Wenn dieser Prozess durch die politische Vereinigung erleichtert wird, dann machen wir Vereinigung.
Lafontaine stand damals nicht allein: viele Künstler, Nobelpreisträger gar, dachten und fühlten so wie er. Und auch der Autor dieses Artikels muss bekennen, dass er zeitweise von der Krankheit befallen war, die er jetzt beklagt. Lafontaine hatte damals eine rationale, aufgeklärte Position, eine Position, die alle Kriterien der Verantwortungsethik von Max Weber erfüllte.
Sehen wir einmal davon ab, dass es eine Illusion war, alles in der eigenen Hand zu haben. Sehen wir davon ab, dass in dieser Illusion das Selbstbestimmungsrecht der Bürger in der DDR kastriert worden wäre (was Willy Brandt massiv in Erinnerung brachte). Es war nicht die fehlende Urteilskraft, für die Lafontaine abgestraft wurde. Es war das Kalkulieren als solches: Viele Menschen spürten wohl, dass man einer historischen Situation nicht alleine mit doppelter Buchführung gerecht werden kann.
Gert Keil war von 1988 bis 1995 Ministerialrat in der Staatskanzlei im Saarland und lebt heute als Politikberater in Berlin.