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Hans-Dietrich Genscher im Interview: "Ich musste das machen"

Vor 20 Jahren stimmte die DDR der Ausreise von Tausenden Bürgern zu, die in der BRD-Botschaft in Prag Zuflucht gesucht hatten. Ein Gespräch mit dem damaligen Bundesaußenminister über die Flüchtlinge und seine schwierige Mission.


Foto: Stefan Worring

Herr Genscher, Sie haben den 30. September 1989 als einmaliges Ereignis in Ihrer politischen Karriere bezeichnet. Warum?

Es war für mich ein tiefer Einschnitt, es hat mich unglaublich bewegt und es hat mich sehr glücklich gemacht. Ich glaube, das wird jeder sofort verstehen. Ein tiefer Einschnitt, weil in diesem Augenblick klar war: Die DDR kann die Mauer auf Dauer nicht halten. 20 Tage vorher, am 10. September, als Budapest die Öffnung der Grenze nach Österreich bekannt gab, gab es wütenden Protest aus Ost-Berlin - und am 30. September stimmte Ost-Berlin der Ausreise aus Prag zu.

Historie
Zur Person

Der 30. September 1989 kann als Anfang vom Ende der DDR bezeichnet werden. Viele tausend Menschen, die dem östlichen deutschen Staat den Rücken kehren wollten, hatten die Abstimmung mit den Füßen gewonnen. Erich Honeckers SED-Regime konnte sie nicht mehr halten.

Rund 4000 DDR-Bürger hielten sich Ende September im Palais Lobkowitz auf, der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Seit August hatte die Zahl der "Botschaftsflüchtlinge" täglich zugenommen. Auch als die Bundesrepublik das Gebäude schloss, änderte sich nichts: Die Menschen kletterten waghalsig über den Zaun. Schon früher hatte es Botschaftsflüchtlinge gegeben, deren Ausreise in die Bundesrepublik der Westen meistens erkaufte - aber nie in so großer Zahl.

In der überfüllten Botschaft waren die Verhältnisse furchtbar: Die Flüchtlinge schliefen in Wechselschicht, und Toilettennutzung, das errechnete ein Flüchtling, war pro Person und Tag für genau eine Minute möglich.

Das erste Angebot des SED-Regimes lautete, die Flüchtlinge sollten in die DDR zurückkehren, mit der Zusage, man werde ihre Ausreise binnen sechs Monaten genehmigen. Die Bundesregierung lehnte ab: Das Misstrauen der Menschen und ihr Wille, in den Westen zu gehen, seien zu groß, um sie von diesem Weg überzeugen zu können.

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher war während der letzten Septemberwoche bei der UN-Vollversammlung in New York. Sein Vorschlag lautete, die Flüchtlinge sofort ausreisen zu lassen - nicht direkt über die tschechisch-bayerische Grenze, sondern in Sonderzügen durch die DDR, deren Souveränitätsanspruch damit formell erfüllt war. Die DDR stimmte zu.

Nach dem 30. September verschafften sich wieder Tausende Zugang zur Botschaft. Noch einmal 17.000 Menschen fuhren von Prag über die DDR in den Westen, bis Ost-Berlin am 3. Oktober den Fluchtweg versperrte: Die DDR schloss ihre Grenze zur Tschechoslowakei. (bel)

Am Rande von Bonn liegt Wachtberg-Pech. Am Rande von Pech haben sich die Wohlhabenderen ihre Häuser gebaut. Ein Häuflein Stein gewordener Bonner Republik, unendlich weit weg von den Berliner Erregungen unserer Tage - und ebenso fern von den Turbulenzen der Wendezeit vor 20 Jahren. Hier steht der großzügige, aber nicht unbescheidene Bungalow der Familie Genscher. Das Zuhause des legendären FDP-Politikers und ewigen Außenministers (1974-1992).

Hans-Dietrich Genscher wurde 1927 in Halle geboren, von wo er 1952 in den Westen ging. Als "bewegendsten Augenblick" seiner politischen Karriere bezeichnet er den 30. September 1989: Vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag rief er den 40 00 DDR-Bürgern, die dort Zuflucht gefunden hatten, zu: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise..." - der Rest ging im Jubel über die befreiende Nachricht unter.

Zum Interview empfängt uns Genscher, gut gelaunt und hochkonzentriert mit seinen 82 Jahren, in der Couch-Ecke seines Wohnzimmers. Hier erzählt er, wie er die Lösung des Flüchtlingsdramas in aufreibenden Verhandlungen mit der DDR und der Sowjetunion erreichte. Wie er - wenige Wochen nach einem Herzinfarkt - alle Kräfte sammeln musste. Wie ihn die Nachricht von der Ankunft der ersten Flüchtlinge im Westen in der beschaulichen Ruhe der Bonner Umgebung erreichte. Und wie ihm eine Erkenntnis dämmerte: "Die Mauer ist nicht mehr zu halten."

Hans-Dietrich Genscher in seinem Haus.
Hans-Dietrich Genscher in seinem Haus.
Foto: Stefan Worring

Sie sagen "In dem Augenblick war klar...". Soll das heißen, Sie hätten da schon gewusst...

... wie das Ende sein würde und wann - es wäre vermessen zu behaupten, das hätte man gewusst. Aber dass die Mauer nicht mehr zu retten ist - ja, das war klar. Insbesondere, nachdem sich Ost-Berlin mit meinem "Vorschlag B" einverstanden erklärt hatte.

Ein Zeltlager auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft am 29.09.1989 in Prag.
Ein Zeltlager auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft am 29.09.1989 in Prag.
Foto: dpa

Wie lautete der?

Ich hatte bei der UN-Vollversammlung in New York zweimal mit dem damaligen DDR-Außenminister Oskar Fischer gesprochen, und er hatte es immer als zentrale Frage bezeichnet, dass bei der Ausreise der Botschaftsflüchtlinge in die Bundesrepublik die Souveränität der DDR gewahrt bleibe. Er schlug das früher praktizierte Verfahren vor: Rechtsanwaltsvollmacht - Rückkehr in die DDR - Ausreise in den Westen nach spätestens sechs Monaten. "Das geht nicht mehr", habe ich ihm gesagt, "das sind inzwischen Tausende in der Botschaft, die gehen da auch nicht mehr raus." Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie schicken Ihre Konsularleute in die Botschaft und stempeln die Ausreisegenehmigungen in die Pässe, dann haben Sie damit Ihre Souveränität zum Ausdruck gebracht. Oder die Leute gehen zwar nicht mehr zurück, aber sie fahren durch die DDR. Wir schicken also die Züge nicht über die tschechisch-bayerische Grenze, sondern durch die DDR." Die DDR stimmte dem zu, und mich hat das gewundert.

Eine Mutter verabschiedet sich am 30. September 1989 von ihrer Tochter mit einem Abschiedkuss durch den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Die Regierung der DDR hat am 30.09.1989 der Ausreise von mehr als 5000 Flüchtlingen, die in den bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau Zuflucht gesucht hatten, zugestimmt.
Eine Mutter verabschiedet sich am 30. September 1989 von ihrer Tochter mit einem Abschiedkuss durch den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Die Regierung der DDR hat am 30.09.1989 der Ausreise von mehr als 5000 Flüchtlingen, die in den bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau Zuflucht gesucht hatten, zugestimmt.
Foto: dpa

Eigentlich eine Selbstdemütigung der DDR-Führung.

Ich glaube, dass dahinter auch ein gewisser Realitätsverlust stand.

Haben die gedacht, sie könnten ihr System noch retten?

Das weiß ich nicht. Jedenfalls haben sie nicht richtig eingeschätzt, dass eine Fahrt direkt über die tschechisch-bayerische Grenze weniger sensationell gewesen wäre, als dass die Züge durch die DDR rollen. In Dresden wurde der Bahnhof gestürmt. Leute winkten an der Strecke mit Betttüchern aus den Häusern. Das war wie ein Fanal.

Könnte es auch Resignation gewesen sein?

Das ist schwer zu sagen. Ich hatte jedenfalls bei den Gesprächen mit Fischer den Eindruck, dass er das Problem voll erkannt hatte. Dass es ihm auch darum ging, menschliche Lösungen herbeizuführen. Aber er konnte es natürlich nicht entscheiden. Ich kann Ihnen nicht sagen, wer letztlich den Ausschlag gegeben hat. Ich hatte auch zweimal mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse gesprochen und ihn um Hilfe gebeten.

Als Sie die Idee zu diesem "Vorschlag B" hatten - haben Sie selbst daran geglaubt, dass es gut gehen würde?

Wichtig war, dass ich mit Oskar Fischer sehr ernsthaft sprechen konnte, das verlief ohne jede Polemik von der einen oder anderen Seite. Ich kannte ihn seit vielen Jahren. Es war zunächst ein sehr kühles Verhältnis gewesen, aber mit der Zeit ergab sich eine sehr respektvolle Beziehung. Das zahlte sich nun aus. Ja ich hatte ein Bauchgefühl: Es wird gelingen.

Ihr Gesundheitszustand war für eine solche Anstrengung nicht gerade geeignet.

Für mich war das alles sehr riskant. Ich hatte im Frühsommer eine Operation im Nierenbereich gehabt und dann am 20. Juli einen Herzinfarkt. Nach New York habe ich zwei Kardiologen mitgenommen.

Warum sind Sie das Risiko trotzdem eingegangen?

Ich musste es doch machen. Ich musste an dem Platz sein, wo jedes Jahr im September alle zusammenkommen, also bei den Vereinten Nationen in New York. Nur dort konnte ich mit Fischer sprechen, mit Schewardnadse und mit den westlichen Kollegen, die ich alle bat, diese Frage anzuschneiden, wenn sie mit Schewardnadse und Fischer zusammentrafen. Es sollte klar werden, dass die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge nicht eine Marotte von uns war, sondern eine ganz ernsthafte Sache, die die Welt beschäftigt.

Gab es den Gedanken "Selbst wenn es mich das Leben kostet, ich muss das jetzt machen"?

Na ja, ich habe immer gesagt: Wenn jemand ein öffentliches Amt hat, dann ist das, was er tut, nicht mehr seine private Angelegenheit. Dann muss er entscheiden, ob er die Verantwortung übernehmen kann. Wenn er es nicht kann, muss er sie in andere Hände geben. Als ich den Herzinfarkt hatte, ist die Frage erörtert worden, ob man aufhören muss. Einer der Ärzte hat mir geraten, aufzuhören. Der andere meinte, Aufhören wäre Selbstmord. Er kannte mich besser. Sie konnten ja mit Händen greifen, wie sich die Welt verändert. Wenn ich mich da zurückgezogen hätte....

Spielte auch Stolz eine Rolle, vielleicht in die Geschichte einzugehen?

Nein, nein. Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Aber es gab noch etwas anderes: Als ich 1952 von Halle in den Westen ging, war ich der Überzeugung: Das ist kein Abschied für immer. Und dann bekam ich die große Chance, in der westdeutschen Politik eine aktive Rolle zu übernehmen. Ich habe es als Verpflichtung empfunden, dafür zu sorgen, dass die Leute in meiner Heimat so leben können, wie sie wollen und nicht wie sie sollen. So war für mich die deutsche Vereinigung ein absolutes Muss. Jedes Jahr, wenn ich das vor den Vereinten Nationen sagte, wurde ich gefragt: Denken Sie wirklich so oder müssen Sie das aus innenpolitischen Gründen tun? Ich habe allen gesagt: Das ist mein Ziel. Das denke ich nicht nur, das will ich. Und wenn Gott mir eine normale Lebenserwartung gibt, dann werde ich dabei sein. Insgeheim habe ich sogar gehofft, dass ich mitmachen kann, klar.

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Datum:  29 | 9 | 2009
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