kalaydo.de Anzeigen

Humboldt-Universität: Von "IM Heiner" bis Bernhard Schlink

Ausgerechnet das SED-Regime verpasste der Humboldt-Universität ihren ehrwürdigen Namen. Die Hochschule selbst geht mit ihrer jüngeren Geschichte deutlich schweigsam um. Von Jeannette Goddar

Der Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums, der neuen Zentralbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin.
Der Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums, der neuen Zentralbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin.
Foto: dpa

An Berlins berühmtester Universität ist derzeit viel von Geschichte die Rede. Zwei Jahrhunderte alt wird die Humboldt-Universität 2010, die Charité sogar hundert Jahre älter. Grund genug zu feiern; auch schon Monate vorher. Seit Oktober erinnert man an berühmte Brüderpaare von Alexander und Wilhelm von Humboldt bis zu Jacob und Wilhelm Grimm, nach denen die neue topmoderne Bibliothek benannt wurde. Aber auch an Albert Einstein und 38 weitere Nobelpreisträger, die das Haus hervorgebracht hat.

Um das in diesen Tagen die Republik bewegende Jubiläum ist es hingegen verblüffend still. Veranstaltungen zum Mauerfall? Kritische Reflexionen der Forschungsleistung der DDR? Und des Umgangs mit politisch unliebsamen Wissenschaftlern? Fehlanzeige.

Erstaunlich, war doch die Humboldt-Universität die mit Abstand bedeutendste Universität des Landes. Nahezu abgeschottet vom Westen, bestens vernetzt im Osten. Selbst mit der Kim-Il-sung-Universität im nordkoreanischen Pjöngjang standen Humboldtianer in engem Austausch.

Hinzukommt, dass die Universität in Preußen gegründet wurde; im späten Kaiserreich erlebte sie ihren wissenschaftlichen Höhepunkt. Ihren Namen jedoch verdankt sie dem SED-Regime. Als eine Gruppe von Professoren und Studenten die "Berliner Universität" aus Protest gegen das Pflichtfach Marxismus-Leninismus verließ und im Westsektor die "Freie Universität" gründete, schlug die DDR zurück: Feierlich vereinnahmte die Einheitspartei die Freigeister Wilhelm und Alexander von Humboldt und benannte die Universität um. Ganz im Sinne, wie es hieß, "der Gesinnung der Humanität und der Völkerverständigung" der Gebrüder.

Die Wende hätte beinahe die Existenz gekostet

Es folgten 40 Jahre, in denen die Universität mehr Kader- denn Freidenkerschmiede war. Professoren wie Studierende wurden handverlesen. Die Liste der aus politischen Gründen vor allem in den späten 40er-Jahren entlassenen Wissenschaftler ist lang. Wie weit der Arm der SED tatsächlich reichte und wie wenig freies wissenschaftliches Denken möglich war, taugt bis heute für Diskussionen.

Weitgehend unstrittig ist nur, dass in den Naturwissenschaften, der Mathematik und der Medizin auch in der DDR anerkennenswerte Forschung geleistet wurde: ignoriert vom Westen, bewundert bis nach Sibirien.

Die Wende aber hätte die Humboldt-Uni beinahe ihre Existenz gekostet. Denn weder Professoren noch Studierende zeigten sich im Herbst 1989 gegenüber dem DDR-Regime besonders widerständisch: Insbesondere in den Geisteswissenschaften an der Humboldt-Universität herrschte wochenlanges Schweigen. Neugierige Kollegen aus dem Westen bezogen hingegen sehr schnell Position: So viel Personal gäbe es an der Humboldt-Universität - und so wenig Produktivität!

Wenig überraschend wurden vor allem an der Freien Uni Begehrlichkeiten laut. Ihr Präsident Johann Gerlach sprach 1991 aus, was viele dachten: "Nichts außer Namen und Gebäude" böte die Humboldt. Warum sollte man sie nicht mit der FU verschmelzen - und den einst Vertriebenen so auch die Rückkehr in die herrschaftlichen Bauten ermöglichen?

Kampf um eine Selbsterneuerung

Die "Humboldtianer" wehrten sich nach Kräften - mit mäßigem Erfolg, aber auch mit mäßiger Verve in der Geschichtsaufarbeitung. An vorderster Front stand der erste frei gewählte Rektor Heinrich Fink, der über Jahre den Beinamen "Der gute Mensch von Humboldt" trug. Dass der spätere PDS-Bundestagsabgeordnete mit ungeheurer Eloquenz und tapfer wie ein Löwe für die Unabhängigkeit der Uni kämpfte, ist unbestritten. Der Eindruck, dass er oder die von ihm geschaffenen Kommissionen gründlich in ihrer eigenen Vergangenheit nachgucken mochten, stellte sich nicht ein.

Ende 1991 griff ein aus Schwaben zugereister neuer Berliner Wissenschaftssenator durch. Manfred Erhardt feuerte den Rektor - einen Tag nach Bekanntwerden von "IM Heiner"-Finks Stasi-Akte. Dass sich außer tausenden Studierenden Bürgerrechtler und Schriftsteller von Stefan Heym und Christoph Hein bis Jens Reich auf Finks Seite schlugen, half nicht. Die "Unseren Heiner nimmt uns keiner"-Fraktion hatte unwiderruflich verloren. Und damit den Kampf um eine Selbsterneuerung, auf die im Osten viele gehofft, an die im Westen aber kaum jemand recht geglaubt hatte.

Bis 1994 schieden nahezu 3000 Wissenschaftler aus der Uni aus. Die meisten Neuen kamen aus dem Westen, auch all jene, die man heute bundesweit mit ihrem Namen verbindet: Uwe Wesel und Bernhard Schlink, Heinrich August Winkler, Heinz-Elmar-Tenorth oder Christina von Braun. Und natürlich auch alle folgenden Präsidenten. Im kommenden Jahr wird wieder gewählt.

Autor:  Jeannette Goddar
Datum:  6 | 11 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken