Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Zeitgeschichte

17. Juni 2003

In den Mühlen der DDR-Justiz: Das Foto zwischen den Schraubenziehern

 Von Bernhard Honnigfort
Nicht zerbrochen und nicht verbittert, nur manchmal wütend, wenn er sich erinnert: Werner Wagner mit Ziege Hedwig und Hund auf heimischer Wiese. Foto: FR-Bild

Juni 1953 in Niesky: Die SED-Justiz macht aus einem neugierigen Lehrling einen faschistischen Terroristen.

Drucken per Mail

"Das war das Ende der Geschichte." Zwei Stunden lang hat Werner Wagner erzählt. Nur unterbrochen durch ein mächtiges, heiseres Lachen, das wie ein bremsender Zug klang. Manchmal durch ein paar Sekunden Stille, in denen er reglos auf dem Sofa saß, den Kopf im Nacken, den Blick zur Zimmerdecke und mit den Tränen kämpfte. "Ick hab doch nischt gemacht", sagte er immer wieder.

Seine Geschichte ist die Geschichte eines jungen, ahnungslosen Kerls, der in einer schäbigen kleinen Diktatur unter die Räder kam und sich nicht unterkriegen ließ. Sie begann am 17. Juni 1953, morgens, und endete zweieinhalb Jahre später, am 8. Dezember 1955, als er aus der Haft entlassen wurde mit seinem Freund Joachim Jähne, als Eltern und Verwandte sie am Bahnhof Niesky abholten und sie bis in die Nacht beim Fleischer saßen, bei Essen und Trinken die Heimkehr feierten.

Für neugieriges Zusehen drei Jahre Haft: Der Lehrling Werner Wagner (vierter von links) vor 50 Jahren vor dem Bezirksgericht Dresden.
Für neugieriges Zusehen drei Jahre Haft: Der Lehrling Werner Wagner (vierter von links) vor 50 Jahren vor dem Bezirksgericht Dresden.
Foto: Privatarchiv

Werner Wagner ist am 50 Jahrestag des Aufstands im Jahr - im Jahr 2003, als dieses Gespräch geführt wird - 67 Jahre alt, leicht gebeugt von der vielen Arbeit, aber freundlich, gerade heraus. Er wohnt in Nieder- Seifersdorf, im Hügelland zwischen Dresden und Görlitz, auf einem alten Vierseitenhof, an dem es eine Menge zu reparieren gäbe. Aber mit 67 Jahren, sagt er, nein, das fange er nicht an. In seiner kleinen Werkstatt hängt zwischen ordentlich aufgereihten Ringschlüsseln und Schraubenziehern ein Gerichtsfoto vom 18. Juli 1953: Eine Anklagebank, acht Männer darauf. Einer, ein junger Kerl, helle Jacke, die dunklen Haare akkurat nach hinten gekämmt. Mit Kugelschreiber hat jemand "Opa Werner" drüber geschrieben.

Wagner war Schlosserlehrling damals im Lokomotiv- und Waggonwerk Niesky, drittes Lehrjahr, 120 Mark, vier Paar Schnitten Verpflegung täglich. Mit dem Rad fuhr der 17-Jährige zur Arbeit, sechs Kilometer hin, sechs zurück. Nur nicht an dem Tag, der sein Leben aus der Bahn werfen sollte. Am 17. Juni 1953 nahm er den Bus. Warum, weiß er heute nicht mehr. Für ihn war alles wie immer. Er wusste nichts vom Grummeln, das die junge DDR damals durchfuhr, von ersten Streiks in Leipzig Ende Mai oder vom beginnenden Aufstand in Ostberlin am Tag zuvor.

Werner Wagner hatte andere Dinge im Kopf. "Ich war doch noch ein Bengel damals", sagt er. "Was wusste ich von Politik?" Er interessierte sich für Fußball und für Mädchen. Er war lebenslustig. Und er lebte auf dem Land im hintersten Winkel der DDR. Er fuhr zur Arbeit ins Lokomotivwerk. Gegen neun Uhr riefen Arbeiter zum Streik auf. Es war in Niesky nicht anders als in anderen 700 Städten und Dörfern der DDR. Es brodelte. Aber Wagner, der Lehrling, bekam nichts davon mit. Gegen 14.30 Uhr, mit dem Wechsel zur zweiten Schicht, begann der Streik. 900 Schweißer, Schlosser, Schreiner und Maschinenbauer legten die Arbeit nieder. Wagner war in der großen Werkshalle mit der Schiebebühne für die Waggons. Ein Mann stand auf der Bühne, redete von Streik. Wagner sah ihn kaum, hörte ihn kaum. Er weiß bis heute nicht, wer das überhaupt war. Er weiß nur, dass irgendwann ein sowjetischer Panzer vor dem offenen Tor stand und einmal über die Köpfe der Menschen hinweg ballerte. Die Granate raste durch die Halle und schlug im Wald ein. "Wir sind nur noch gerannt."

Eine halbe Stunde später lief er durch Niesky. Ein Strom Menschen zog durch die kleine Stadt. In vier Betrieben streikten die Arbeiter. Sie gingen zum Zinzendorfplatz, von dort zur SED-Kreisleitung. Sie stürmten das Gebäude, rissen Fahnen ab, warfen Transparente auf die Straßen, kippten Akten aus den Fenstern. Der Erste Parteisekretär rannte davon. Der Strom, 3000 Menschen, war nicht aufzuhalten. Lehrling Wagner rannte mit, sah, wie sich die Volkspolizei davonmachte.

"Da war was los", sagt er. Sie kamen zur Kreisdienststelle der Stasi. "Ich war neugierig", sagt er. "Ich wollte gucken. Ich wusste nicht, was die Stasi da machte." Die Menschen riefen: "Aufmachen!" Vom Stellmacher Erich Maroske, der nebenan wohnte, holten Männer Balken und bogen die Scherengitter vor den Fenstern auf. Wagner lief mit, die Masse spülte ihn in das Stasi-Gebäude. Menschenleer sei es gewesen. Er habe die Zellen gesehen, im Keller, kleine Zellen mit Essnäpfen, die eigentlich für Hunde gemacht waren. Wieder draußen, sah er, wie die Menge drei Stasimänner in den Hundezwinger sperrte. Andere waren dabei, ein Feuerwehrauto umzukippen. Sein Freund Joachim Jähne war Feuerwehrmann, aber er war nicht dabei, als der Wagen umkippte. Später, vor Gericht, sollte das keine Rolle spielen. "Dem Jähne haben sie das angekreidet", sagt Wagner.

So endete der 17. Juni 1953 für Lehrling Wagner. Gegen 17 Uhr stieg er in den Bus, fuhr nach Hause, erzählte den Eltern, was er erlebt hatte. Dass er selbst nichts gemacht hatte, niemanden geschlagen, nichts zerstört. Nur zugesehen. Um drei Uhr nachts stand die Polizei vor der Tür. Der Abschnittsbevollmächtigte Wiesner mit Schäferhund. "Mit grüner Minna waren die angerückt", sagt Wagner. Er wurde im Wagen festgekettet, nach Niesky gefahren. Von dort nach Dresden zur Stasi, von dort ins Gefängnis Schießgasse. Auf dem Hafteinlieferungsschein stand, er habe sich an "faschistischen Terroraktionen" sowie am "brutalen Überfall" auf die SED-Kreisleitung und Stasi-Dienststelle beteiligt. Er bekam eine geknallt, als er nicht rechtzeitig die Mütze vom Kopf zog. Die Polizisten verhörten ihn. Er beteuerte, dass er nichts sagen könne, weil er nichts wüsste über faschistische Provokateure, westdeutsche Agenten, Hintermänner und Helfershelfer. Dann verhörten ihn die Sowjets. Er sagte immer das Gleiche: dass er nicht wüsste von Konterrevolution und Westagenten. Er hatte Hoffnung. "Ich dachte immer, jetzt kommste heim, du hast doch nischt gemacht." Dann saß er mit Freund Jähne in der Zelle. Zwei Polizisten kamen herein und einer sagte zum anderen: "Erschießen wir sie jetzt oder später?" Da war Schluss. Da hatte er die Hosen gestrichen voll und unterschrieb einen voll getippten Zettel. Er wusste nicht, was darauf stand. Es war sein Geständnis.

Vom 13. bis 18. Juli 1953 dauerte der Prozess vor dem Bezirksgericht Dresden gegen Wagner und 15 andere. Wagner, der Mitläufer, kam nicht zu Wort. Der Anwalt, den ihm sein Vater besorgt hatte, plädierte auf Freispruch. "Dafür ist er selbst ins Gefängnis gewandert", sagt er. Das Gericht verhängte lebenslang für den Fotografen Lothar Markwirth. Das Urteil wird später in 15 Jahre Haft umgewandelt. Über elf Jahre wird Markwirth absitzen. Stellmacher Maroske erhält 13 Jahre Zuchthaus und sitzt fast zehn ab. Die 16 Männer kamen insgesamt auf achtundneunzigeinhalb Jahre Freiheitsentzug, zwei Drittel verbüßten sie. Wagner bekam drei Jahre. Sie steckten ihn und Jähne nach Dessau, in den so genannten Jugendwerkhof. Die Abteilung Volksbildung des Kreises Niesky protestierte gegen das Urteil. Aber es nutzte nichts. Wagners Vater kam alle paar Monate zu Besuch. Nach zweieinhalb Jahren dann die Entlassung.

Wagner hat sein Leben lang als Schlosser und Schweißer gearbeitet. 51 Jahre lang. Er hat einfach weitergemacht, wo er aufgehört hatte. Er trat nie in die SED ein, wurde nie befördert, nie für gute Leistungen ausgezeichnet. Er hielt sich raus, sagte seine Meinung, war ein Außenseiter, spendete keinen Pfennig für die deutsch-sowjetische Freundschaft. Die Stasi beobachtete ihn. Es gibt vermutlich eine dicke Akte. Aber Wagner hat sich nicht damit befasst, weiß nicht, wer ihn bespitzelt hat.

Er lebt auf seinem alten Bauernhof, kümmert sich um seine kranke Frau. Von den 16 Angeklagten, so glaubt Wagner, sei er der Letzte, der noch lebt. Auch Freund Jähne ist tot. Wagner weiß bis heute nicht, warum sie ihn damals verhafteten. Er ist nicht zerbrochen, er ist nicht verbittert. Nur manchmal wütend, wenn er sich erinnert. Er ist immer noch ein lebenslustiger Kerl. Jeden Tag geht er über die Wiesen. Mit seiner Ziege Hedwig, seinem Hund und der Katze.

Zur Homepage
comments powered by Disqus