Frau Wolf, alle reden von '68. Die DDR spielt dabei keine Rolle.
1968 war ein sehr, sehr wichtiges Jahr in der DDR. Was in der DDR Beine, Ohren und Augen hatte, war vollkommen besessen von dem, was in der CSSR passierte. Zuerst von den Dubcekschen Reformen und dann vom Einmarsch in Prag. Im Juli 1968 hatte ich eine Lesung in Weimar aus "Nachdenken über Christa T." - eine der wenigen Lesungen daraus, bevor das Buch zunächst verschwand und dann ein paar Jahre später doch noch erschien -, verbrachte drei Tage dort und hörte, wenn ich durch die Straßen ging, aus fast allen Häusern die Fanfare des tschechischen Rundfunks. So interessiert waren die Leute. Nicht ein paar Intellektuelle, sondern viele DDR-Bürger. Sie redeten nur darüber.
Christa Wolf, 79, spielte als die renommierteste Schriftstellerin der DDR auch zu Zeiten des Prager Frühlings eine wesentliche Rolle - für die Intellektuellen in ihrem Land wie auch für die Herrschenden.
Nachdenken über Christa T., ihr 1967 abgeschlossener Roman und der rote Faden in diesem Interview, ist eines der zentralen Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Eine auch an der neuen sozialistischen Gesellschaft scheiternde Heldin: Das hatte es in der DDR-Literatur noch nicht gegeben. Der Roman macht klar, dass nicht alles, was der Entfaltung der Menschen schadet, ein Überrest des Nationalsozialismus oder dem Kapitalismus zuzurechnen ist. Auch der Staatssozialismus kann dem Einzelnen unerträglich werden, was zum Bruch zwischen Individuum und Gesellschaft führt. Christa T. ist der Abschied von der Vorstellung, dass Systeme Glück organisieren können.
Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag im August 1968 gehört zur Publikationsgeschichte dieses Buches. Dass "Nachdenken über Christa T." auch im Westen ein Erfolg wurde, zeigt, dass die 68er nicht immer und nicht alle so einäugig waren, wie ihnen jetzt gerne vorgeworfen wird.
68er: Fotos, Leserberichte und alle Originalausgaben der FR von damals
Gab es Informationen aus DDR-Quellen?
In den Zeitungen stand natürlich so gut wie nichts. Für Historiker ist die Stimmung in der DDR damals schwer zu greifen. Sie war aber da.
Wie war die Stimmung nach dem 21. August 1968, nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag?
Der Einmarsch hat bei den einen Bedrückung und Resignation ausgelöst, bei den anderen dagegen den Ingrimm verstärkt und zu einem "jetzt gerade" geführt. Juni, Anfang Juli bekamen wir Besuch von unseren Freunden aus Prag. Wir waren auf unserer Datsche in der Nähe von Königswusterhausen. Natürlich redeten wir auf unseren langen Spaziergängen nur über die Entwicklung in der CSSR. Ich weiß heute noch, an welcher Stelle im Wald wir zu ihnen sagten: "Nehmt euch ja in Acht, seid vorsichtig, übertreibt nicht." Meine Freundin Franci Faktorová - sie arbeitete in der Redaktion von Literární noviny, für die wir auch geschrieben hatten, ihr Sohn heiratete später eine meiner Töchter - sah mich entgeistert an: "Meinst du, sie werden einmarschieren?" "Ja, die werden einmarschieren", sagte ich.
Ab wann rechneten Sie damit?
Das kann ich Ihnen nicht mehr genau sagen. Aber im Mai/Juni fanden Stabsmanöver der Warschauer Paktstaaten in der CSSR statt. Seit Ende Juli waren Manöverabteilungen der Warschauer-Pakt-Staaten permanent in der CSSR. Das sollte Angst machen, und es machte Angst. Wir in der DDR merkten ja, wie die Partei nach einer Phase der Unsicherheit immer härter auf Pro-Prager-Aktivitäten reagierte.
Können Sie ein Beispiel nennen?
In der Schule meiner älteren Tochter war eine Wandzeitung gemacht worden. Es war eine Collage aus Zeitungsartikeln, die vollkommen für Dubcek sprach. Das führte zu einem Riesenkrach an der Schule. Mittendrin meine Tochter. Die verantwortlichen Schüler sollten von der Schule fliegen. Einige standen vor dem Abitur, zu dem sollten sie nicht zugelassen werden. Wir konnten in einer Gegenaktion erreichen: Kein Schüler musste die Schule verlassen, aber der Schulleiter wurde abgesetzt. Hinzu kam noch: Der damalige Freund meiner Tochter wurde beim Motorradfahren wegen Geschwindigkeitsübertretung angehalten. Dabei entdeckten die Polizisten Flugblätter mit dem 2000-Worte-Manifest von Ludvík Vaculík. Das war damals das begehrteste Stück Literatur aus dem Prager Frühling. Als der junge Mann nach der Herkunft des Textes gefragt wurde, sagte er, er wäre öfter bei Wolfs, und die seien derselben Meinung wie Vaculík. Annette Wolf sei seine Freundin. Danach wurde sie zum ersten Mal nach Potsdam zur Stasi bestellt. Mein Mann fuhr mit. Er wartete draußen auf sie. Ich wartete zu Hause und las "Krebsstation" von Alexander Solschenizyn. Von da an standen wir ständig unter Beobachtung. Das kann man jetzt alles in den Stasi-Akten nachlesen.
Über die 68er im Westen haben Sie jetzt noch kein Wort verloren.
Wir Linken in der DDR sahen die '68er im Westen mit großer Anteilnahme, aber ungleich wichtiger waren für uns die Ereignisse in der Tschechoslowakei. Das war eine existenzielle Frage: "Sozialismus mit menschlichem Antlitz".
Der Einmarsch in Prag hatte auch andere sehr direkte Folgen für Sie. "Nachdenken über Christa T." war bereits genehmigt gewesen. Wurde dann aber wieder gestoppt.
Im März 1967 war ich mit dem Manuskript fertig gewesen. Dann schmorte es lange im Verlag: Gutachten, Gegengutachten und Gegen-Gegengutachten. Der Verleger wollte das Buch aber machen, also fragte er den Leiter der Zensurstelle, ob er nicht "Nachdenken über Christa T." einmal privat lesen möge. Das waren ja alles Genossen. Der tat es und erklärte ihm, er könne den Text unmöglich genehmigen. Also hatte es keinen Sinn, das Manuskript überhaupt einzureichen, fand der Verleger. Wir baten darum, mit dem Zensor sprechen zu können. Der kam tatsächlich zu uns nach Hause mit einer langen Liste von Änderungsvorschlägen. Vor allem fehlte ihm eine positive Figur. Das Buch sei so schrecklich melancholisch. Und das passe nicht zu unserer sozialistischen Menschengemeinschaft. Ich lachte: Das würde ich ganz sicher nicht tun. Da zuckte der Zensor mit den Schultern und meinte, dann lassen wir es eben. Mein Mann ist ein ruhiger Mensch. Aber in diesem Moment sprang er auf und brüllte. "Was glaubst du denn, wen du vor dir hast! Meinst du im Ernst, du kannst über Literatur urteilen? Nachdenken über Christa T.' ist ganz sicher ein wichtiger Roman." Dann setzte mein Mann sich wieder hin. Unseren lieben Genossen hatte das doch so beeindruckt, dass er erklärte, er werde sich das Manuskript noch einmal ansehen. Ich hatte damals sowieso vor, noch ein Kapitel zu schreiben, das neunzehnte. Dadurch ist nichts entschärft worden, aber er konnte jetzt sagen, ich hätte noch daran gearbeitet, und so konnte er den Druck ohne gar zu großen Gesichtsverlust doch noch genehmigen.