Hans-Jochen Vogel, 1989 SPD-Chef, und "Zonenkinder"-Autorin Jana Hensel streiten im FR-Interview über Jubel-Rituale und verpasste Chancen.
Hans-Jochen Vogel und Jana Hensel.
Foto: ddp/butzmann
Hans-Jochen Vogel und Jana Hensel.
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Herr Vogel, kurz nach dem Mauerfall hielten Sie als Chef der SPD und der SPD-Fraktion eine spontane Rede im Bonner Bundestag. Vor Ihnen saß Willy Brandt
Hans-Jochen Vogel: Als die Nachricht vom Fall der Mauer bestätigt war, gab jeder Fraktionsvorsitzende eine kurze Erklärung ab. Vier Meter vor mir saß Willy Brandt, ich sprach ihn direkt an: Für ihn, der 1961 Regierender Bürgermeister von Berlin gewesen war, als die Mauer gebaut wurde, sei das ein Tag der Erfüllung. Als ich zu ihm blickte, sah ich, dass er Tränen in den Augen hatte.
Das Zonenkind
Der Westpolitiker
Jana Hensel, 1976 im sächsischen Borna geboren, lebt als Autorin in Berlin. Sie wuchs in Leipzig auf, erlebte die Montagsdemos als Jugendliche und die Nachwendezeit als Literatur-Studentin.
Ihr Erinnerungsband "Zonenkinder" (2002), in dem sie ihre Erfahrungen mit der kulturellen Anpassung der DDR-Jugend an die westdeutsche Gesellschaft nach der Vereinigung beschreibt, war mehr als ein Jahr lang auf der Spiegel-Bestsellerliste.
Ihr neues Buch "Achtung Zone - Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten" ist jetzt bei Piper erschienen. Sie schreibt, die Ostdeutschen hätten den West-Blick auf sich und ihre Geschichte übernommen und fänden dadurch ihre eigene Sicht auf die Wende und die 20 Jahre danach im gesamtdeutschen Gedenken nicht wieder. sgey
Hans-Jochen Vogel, 1926 in Göttingen geboren, lebt heute in München. In den Jahren des Mauerfalls und der Vereinigung war er Bundesvorsitzender der SPD (1987-91) und ihr Fraktionschef im Bundestag (1983-91). Er ist seit 1950 SPD-Mitglied.
Unter Willy Brandt und dann Helmut Schmidt war Vogel Bau- bzw. Justizminister, außerdem Regierender Bürgermeister von Berlin, Oberbürgermeister von München sowie 1983 SPD-Kanzlerkandidat. 1989/90 brachte er die uneinige SPD auf Wiedervereinigungs-Kurs.
Seine Mauerfall-Erinnerungen sind enthalten im Buch, das er mit seinem Bruder Bernhard geschrieben hat, der von 1992 bis 2003 CDU-Ministerpräsident von Thüringen war: Bernhard und Hans-Jochen Vogel, "Deutschland aus der Vogelperspektive" (Herder ). sgey
Hat Sie dieser Moment emotional auch so bewegt?
Vogel: Ja. Stärker berührt hat es die Älteren, die direkte Erinnerungen an den Zustand der Trennung und den Mauerbau hatten. Gerade auch für jene in meiner Partei, die das Ringen um die Ostverträge miterlebt hatten, erfüllte sich ein großes politisches Ziel.
Opfer der Diktatur: Die Mauertoten
Bildergalerie ( 101 Bilder )
Opfer der Diktatur: Die Mauertoten
Dieter Beilig, 30, in der Nähe des Brandenburger Tors am 2. Oktober 1971 erschossen. Der West-Berliner protestiert an der Mauer, wird festgenommen und in der Haft getötet.
Foto: privat/BStU/Axel Springer/PHS Berlin/Rondholz/Super-Illu
Dieter Berger, 24, erschossen am Teltowkanal, 13. Dezember 1963. Der junge Familienvater war stark betrunken und irrte vermutlich nur zufällig an die Grenze.
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Michael Bittner, 25, erschossen am 24. November 1986. Die Schikanen bei der NVA brechen ihn. Nach dem Wehrdienst will er nur noch in den Westen.
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Dieter Brandes, 19, angeschossen am 9. Juni 1965 beim Nordbahnhof. Sechs Monate dämmert er apathisch im Krankenhaus, dann erliegt er seinen Verletzungen.
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Klaus Brueske, 23, erschossen am 18. April 1962. Mit zwei Freunden rast er im Lkw durch die Grenzsperren. Die drei kommen im Westen an,
Klaus aber ist tot.
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Christian Buttkus, 21, am 4. März 1965 nahe dem Stahnsdorfer Damm erschossen. Er floh mit seiner Verlobten, die den Kugelhagel von 199 Schüssen überlebte.
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Heinz Cyrus, 29, gestorben am 11. November 1965. Er beschimpft einen LPG-Chef als "Kommunistenschwein". Wird danach nur noch schikaniert.
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Hermann Döbler, 42. Der West-Berliner wird am 15. Juni 1965 auf dem Teltowkanal erschossen, weil er mit dem Motorboot über die unsichtbare Grenze gerät.
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Udo Düllick, 25, ertrunken am 5. Oktober 1961. Der junge Ingenieur hat den politischen Druck in der DDR satt, flieht nach einem Streit mit einem Vorgesetzten.
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Horst Einsiedel, 33, erschossen am 15. März 1973. Er ist fähiger Ingenieur, will Karriere machen. Das wird ihm verwehrt, weil er nicht in die SED eintritt.
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Georg Feldhahn, 20, ertrunken am 19. Dezember 1961. Der Grenzpolizist nutzt seinen Dienst zu einem Fluchtversuch, stürzt aber in einen Kanal.
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Lothar Fritz Freie, 27, angeschossen am 4. Juni 1982 nahe der Helmut-Just-Brücke, zwei Tage später gestorben. Der West-Berliner ging grundlos ins Grenzgebiet.
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Winfried Freudenberg, 32, tödlich verunglückt am 8. März 1989. Er flog mit einem Erdgas-Ballon über die Grenze, stürzte aber in Zehlendorf ab.
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Volker Frommann, 28, am 1. März 1973 am S-Bahnhof Pankow verunglückt, am 5. März gestorben. Er sprang aus einer fahrenden Bahn, verletzte sich schwer.
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Manfred Gertzki, 30, am 27. April 1973 angeschossen und ertrunken. Nach dem Tod seiner Mutter hat er nur noch im Westen nahe Verwandte und will zu ihnen.
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René Groß, 22, erschossen am 21. November 1986. Er stellt einen
Ausreiseantrag, hält das Warten aber nicht aus. Frau und Kind lässt er zurück.
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Chris Gueffroy, 20, erschossen am 5. Februar 1989 am Britzer Zweigkanal. Der junge Kellner will der Einberufung zur NVA entgehen. Eine Kugel trifft ihn ins Herz.
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Holger H., 1, erstickt am 22. Januar 1973 während der Flucht mit den Eltern. Auf der Flucht im LKW hält die Mutter dem weinenden Säugling den Mund zu.
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Lutz Haberlandt, 24, erschossen am 27. Mai 1962 am Alexanderufer. Ärzte der Charité müssen zusehen, wie der Schwerverletzte 40 Minuten liegen gelassen wird.
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Herbert Halli, 21, erschossen am 3. April 1975. Äußerlich ist er gut in die DDR-Gesellschaft intergriert, will aber immer zu seinem Bruder nach Kiel.
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Axel Hannemann, 17, erschossen am 5. Juni 1962. In einem Abschiedbrief schreibt er: "Ich habe keine Wahl. Den Grund sage ich Euch, wenn ich es geschafft habe."
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Peter Hauptmann, 26, am 24. April 1965 angeschossen, am 3. Mai gestorben. Er wohnte im Ost-Grenzgebiet, wollte zwei Gästen helfen, die sich nicht ausweisen konnten.
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Walter Hayn, 25, erschossen am 27. Februar 1964. West-Zeugen wollen gehört haben, wie ein Grenzposten rief: "Bleib stehen, Du Schwein, oder ich leg Dich um."
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Walter Heike, 29, am 22. Juni 1964 auf dem Invalidenfriedhof erschossen. Er wird beim Zoll entlassen, weil er eine Frau aus West-Berlin kennen gelernt haben soll.
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Philipp Held, 19, ertrunken im April 1962. Er reißt von seinen Eltern aus, geht mit seiner Freundin freiwillig in die DDR. Rasch bereuen sie es, und Held will zurück.
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Lothar Hennig, 21, angeschossen am 4. November 1975 im DDR-Grenzdorf Sacrow, einen Tag später gestorben. Er war auf dem Heimweg, wollte gar nicht fliehen.
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Grenzsoldat Rolf Henniger, 26, erschossen am 15.11. 1968 im Schlosspark Babelsberg. Der Täter ist ein 21-jähriger Volkspolizist, der bei dem Fluchtversuch erschossen wird.
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Wolfgang Hoffmann, 28, am 15. Juli 1971 aus einem Gebäude der Volkspolizei in den Tod gesprungen. Er war direkt nach dem Mauerbau geflohen, wollte seine Mutter in Ost-Berlin besuchen.
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Grenzsoldat Reinhold Huhn, 20, erschossen am 18. Juni 1962. Er stellt einen West-Berliner, der mit seiner Familie durch einen Tunnel flüchten will - und den Grenzer tötet.
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Heinz Jercha, 27, erschossen am 27. März 1962 . Er gräbt vom Westen aus einen Tunnel, hilft Dutzenden zu fliehen, bevor er in einen Stasi-
Hinterhalt gerät.
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Marinetta Jirkowski, 18, erschossen am 22. November 1980. Sie will mit ihrem Freund zusammenziehen, die Eltern sind dagegen. Es bleibt nur die Flucht.
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Cengaver Katranci, 8, am 30. Oktober 1972 in der Spree ertrunken. Fiel beim Spielen in den Fluss. Aus Angst vor Schüssen traute sich ein Angler nicht, ihn zu retten.
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Herbert Kiebeler, 23, erschossen am 27. Juni 75. Bei einer Kneipenschlägerei richten ihn Kumpel übel zu. Gedemütigt macht er sich auf den Weg zur Grenze.
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Walter Kittel, 22, erschossen am 18. Oktober 1965. Er wurde am Grenzzaun gestellt und hatte sich bereits ergeben. Nach einem Wortgefecht eröffnen die Grenzer das Feuer.
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Helmut Kliem, 31, erschossen am 13.11. 1970. Er verfährt sich mit dem Motorrad, kommt zum Grenzzaun. Er wendet und fährt zurück, da eröffnet der Torwächter das Feuer.
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Klaus-Jürgen Kluge, 21, erschossen am 13. September 1969 zwischen Prenzlauer Berg und Wedding. Die Todesschützen werden, wie üblich, ausgezeichnet und erhalten eine Prämie.
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Michael Kollender, 21, am Teltowkanal erschossen, 25. April 1966. Vier Grenzer zielten auf den NVA-Soldaten. Sein Körper wird von Kugeln regelrecht durchsiebt.
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Klaus Kratzel, 25, tödlich verunglückt am 8. August 1965 im S-Bahn-Tunnel am Bahnhof Bornholmer Straße. Er wollte in den Westen zu Frau und Kindern.
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Siegfried Kroboth, 5, ertrunken am 14. Mai 1973 in der Spree. Der Kreuzberger Junge fällt beim Spielen ins Wasser. Wegen der Grenzregeln kann die Polizei nicht helfen.
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Ingo Krüger, 21, ertrunken am 11. Dezember 1961 in der Spree, vermutlich wegen Kälteschocks. Seine Verlobte Ingrid wartet am West-Ufer vergeblich auf ihn.
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Siegfried Krug, 28, erschossen am 6. Juli 1968 auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor. Der BRD-Bürger fuhr nach Ost-Berlin, lief grundlos ins Sperrgebiet.
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Ulrich Krzemin, 24, ertrunken am 25. März 1965 am Osthafen. Er wollte, stark alkoholisiert, von West- nach Ost-Berlin schwimmen. Warum, weiß keiner.
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Karl-Heinz Kube, 17, am 16. Dezember 1966 erschossen. Er hält Jugendliche vom FDJ-Beitritt ab, hört Beatles-Platten. Deshalb droht ihm das Jugendgefängnis.
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Werner Kühl, 22, am 24. Juli 1971 erschossen. Der West-Berliner Hilfsarbeiter erhofft sich ein besseres Leben im Osten. Die Grenzposten halten ihn aber für einen DDR-Flüchtling.
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Erich Kühn, 62, angeschossen am 26. November 1965, acht Tage später ist er tot. Kein Job, keine Frau, Zwangsvollstreckung - Kühn flieht vor seinem kaputten Leben.
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Horst Kullak, 23, am 31. Dezember angeschossen, am 21. Januar 1972 gestorben. Einer der Todesschützen wird 1995 wegen Totschlags verurteilt. Er entschuldigt sich bei der Familie.
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Horst Kutscher, 31, erschossen am 15. Januar 1963. Früh kommt er mit dem Gesetz in Konflikt, hat Alkoholprobleme. Als seine Ehe scheitert, flieht er.
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Johannes Lange, 28, am 9. April 1969 erschossen. Er war schon 1959 in die Bundesrepublik geflüchtet, aber kurz vor dem Mauerbau in die DDR zurückgekehrt.
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Bernd Lehmann,18, ertrunken am 28. Mai 1968 in der Spree. Er weiß nicht, dass unter Wasser Stacheldraht gespannt ist, verfängt sich darin und ertrinkt qualvoll.
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Lothar Lehmann, 19, ertrunken am 26. November 1961 in der Havel. Der junge Wehrpflichtige ist an der Grenze im Einsatz, als er sich zur Flucht entschließt.
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Rainer Liebeke, 34, ertrunken am 3. September 1986. Seit dem Besuch einer Cousine aus dem Westen fühlt er sich in der DDR eingeengt und gegängelt.
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Leo Lis, 45, nahe dem Nordbahnhof am 20. September 1969 erschossen. Eine der 78 Kugeln geht ins Fenster eines West-Berliner Hauses und verfehlt ein Rentnerehepaar nur knapp.
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Günter Litfin, 24, erschossen am 24.August 1961. Er wohnt im Osten, arbeitet in West-Berlin. Dann wird die Grenze abgeriegelt - und er versucht zu fliehen.
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Willi Marzahn, 21, am 19. März 1966 bei einem Schusswechsel getötet. Der Unteroffizier liefert sich vor seinem Tod eine Schießerei mit den Grenzposten.
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Joachim Mehr, 19, erschossen am 3. Dezember 1964. Bei einem Kneipenbesuch schlägt ihm ein Bekannter die Flucht vor, er macht spontan mit.
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Herbert Mende, 29, am 8. Juli 1962 angeschossen, am 10. März 1968 an den Folgen gestorben. Sein Vater prozessierte nach 1990 vergeblich gegen den Schützen.
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Cetin Mert, 5, am 11. Mai 1975 ertrunken. An seinem Geburtstag fällt der Junge in die Spree. Niemand wagt eine Rettungsaktion, denn der Fluss ist DDR-Gebiet.
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Heinz Müller, 26, Tod am 19. Juni 1970 zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Der West-Berliner klettert nachts betrunken auf die Mauer, fällt auf die Ostseite und wird erschossen.
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Ernst Mundt, 40, erschossen am 4. September 1962. West-Berlinern bleibt er als "Mann mit der Mütze" in Erinnerung, weil seine Mütze über die Mauer fliegt.
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Burkhard Niering, 23, erschossen am 5. Januar 1974 am Checkpoint Charlie. Der NVA-Rekrut nimmt einen Grenzer als Geisel, andere strecken ihn nieder.
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Adolf Philipp, 20, am 5. Mai 1964 erschossen. Der West-Berliner wollte sich als Fluchthelfer engagieren. Die DDR-Grenzer schossen angeblich in Notwehr.
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Franciszek Piesik, 24, ertrunken am 17. Oktober 1967 im Niederneuendorfer See. Der polnische Binnenschiffer ertrank wohl wegen Erschöpfung und Kälte.
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Werner Probst, 25, erschossen am 14. Oktober 1961. Der Grenzgänger spitzelt für die Stasi in West-Berlin, kann sich mit dem Mauerbau nicht abfinden.
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Silvio Proksch, 21, erschossen am 25. Dezember 1983 am Friedhof Pankow. Er liegt fast eine Stunde angeschossen im Grenzstreifen und verblutet.
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Hans Räwel, 21, Tod in der Spree am 1.1.1963. Nach durchfeierter Sylvesternacht schwimmt er los und wird völlig wehrlos im eiskalten Wasser erschossen.
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Otfried Reck, 17, erschossen am 27. November 1962 an der Invalidenstraße. Er wird in einem S-Bahn-Tunnel entdeckt und von Grenzern erschossen.
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Guiseppe Savoca, 6, ertrunken am 15. Juni 1974. Er stürzt beim Spielen am Kreuzberger Ufer in die Spree. Die Eltern holen seine Leiche aus Ost-Berlin, was 54,50 DM kostet.
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Lothar Schleusener, 13, erschossen am 14. März 1966. Er geriet zusammen mit seinem Freund Jörg Hartmann in die Grenzanlagen, vermutlich beim Spielen.
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Lutz Schmidt, 24, erschossen am 12.02. 1987. Die Stasi zwingt seine Witwe, von einem "Verkehrsunfall" zu sprechen, sonst nähme man ihre Kinder weg.
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Michael Schmidt, 20, am 1. Dezember 1984 erschossen. Er soll zur Armee. Doch er weigert sich, weil er nicht "Unbewaffneten in den Rücken schießen" wolle.
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Dorit Schmiel, 20, erschossen am 19. Februar 1962 am Wilmsruher Damm. Gemeinsam mit vier Freunden versucht sie zu fliehen, keiner erreicht West-Berlin.
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Klaus Schröter, 23, am 4. November 1963 nahe dem Reichstag in der Spree angeschossen und ertrunken. Seine Mutter trug aus Protest ein Jahr lang Trauerkleidung.
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Eberhard Schulz, 20, erschossen am 30. März 1966. Jahrelang spricht er mit einem Freund über die Flucht. Schließlich wagen sie es - vergeblich.
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Klaus Schulze, 18, am 7. März 1972 erschossen. Er gilt als so genannter Gammler. Nach einem Verweis wegen "Arbeitsbummelei" versucht er zu fliehen.
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Dietmar Schwietzer, 18, am 16. Februar 1977 am Außenring erschossen. Die Tat dient den Grenztruppen später als Lehrbeispiel für "gute Einsatzbereitschaft".
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Andreas Senk, 6, ertrunken am 13. September 1966 in der Spree. Ein Spielkamerad schubst den Jungen in die Spree und rennt erschrocken weg.
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Ida Siekmann, 58, verunglückt tödlich am 22.August 1961 beim Sprung aus ihrer Wohnung im 3. Stock des Hauses Bernauer Straße 48, direkt an der Grenze.
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Heinz Sokolowski, 47, erschossen am 25. November 1965 zwischen Reichstag und Brandenburger Tor. Er saß wegen angeblicher Spionage sieben Jahre im Gefängnis.
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Johannes Sprenger, 68, am 10. Mai 1974 erschossen. Sein Tod an der Grenze ist ein Rätsel: Als Rentner hätte er einen Antrag auf legale Ausreise stellen können.
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Hans-Jürgen Starrost, 25, angeschossen am 14. April 1981, am 16. Mai an den Folgen gestorben. Er wird zunächst verhört statt medizinisch versorgt.
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Paul Stretz, 31, am 29. April 1966 im Spandauer Kanal erschossen. Der West-Berliner geht betrunken baden, die Grenzer halten ihn für einen Flüchtling.
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Thomas Taubmann, 26, verunglückt am 12. Dezember 1981. Seine Scheidung wirft ihn aus der Bahn: Alkohol, Diebstahl, schließlich der Fluchtversuch.
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Gerald Thiem, 41, erschossen am 7. August 1970. Der West-Berliner steigt betrunken über die Mauer, die Stasi lässt seine Leiche verbrennen. Thiems Familie erfährt erst 1994 von seinem Tod.
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Hildegard Trabant, 37, erschossen am 18. August 1964. Sie war seit 1949 aktives SED-Mitglied und wollte vermutlich wegen ihrer zerütteten Ehe in den Westen fliehen.
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Dieter Weckeiser, 25, angeschossen am 18. Februar 1968, einen Tag später gestorben. Er geht wegen einer Frau in den Osten, will aber bald "nach Hause".
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Elke Weckeiser, 22, erschossen am 18. Februar 1968. Sie hat kein eigenes Fluchtmotiv, will aber ihren Mann Dieter, der aus West-Berlin stammt, begleiten.
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Henri Weise, 22, in der Spree ertrunken, vermutlich im Mai 1977. Die Todesumstände sind ungeklärt. Sein Leichnam wurde erst nach Monaten geborgen.
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Hans-Dieter Wesa, 19, erschossen am 23. August 1962. Der Polizist wird von seinem Kollegen gezielt getötet, nachdem er schon den Westen erreicht hat.
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Manfred Weylandt, 29, in der Spree angeschossen und ertrunken am 14. Februar 1972. Er saß schon mit 15 im Gefängnis. Als er wegen eines Diebstahls erneut in Haft soll, flieht er.
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Günter Wiedenhöft, 20, ertrunken im Griebnitzsee. In der Nacht zum 6. Dezember 1962 geht er auf das Eis des Sees und bricht ein. Wird erst im März gefunden.
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Dieter Wohlfahrt, 20, erschossen am 9. 12. 1961. Der Österreicher ist Fluchthelfer, bringt mehrere Menschen über die Grenze, bevor er tödlich getroffen wird.
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Hans-Joachim Wolf, 17, am 26. November 1964 erschossen. Er durfte seinen Wunschberuf nicht lernen, weil er nicht in den staatlichen Jugendverbänden war.
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Norbert Wolscht, 20, ertrunken in der Havel am 28. Juli 1964. Er träumt von einem Leben in der Ferne, er will nach Südafrika auswandern.
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Eduard Wroblewski, 33, erschossen am 26. Juli 1966. 274 Kugeln werden abgefeuert, viele schlagen in West-Häusern ein - eine der heftigsten Mauer-Schießereien.
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Unter den Mauertoten sind auch acht Grenzsoldaten, die im Dienst starben. Jörgen Schmidtchen, 20, wird am 18. April 1962 von dem Flüchtling Klaus Brueske erschossen.
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Grenzsoldat Peter Göring, 21, verletzt am 23. Mai 1962 am Spandauer Schifffahrtskanal. Er wird von Querschlägern aus der Waffe eines West-Berliner Polizisten getroffen.
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Grenzsoldat Günter Seling, 22, angeschossen am 29. September 1962 in Teltow-Seehof, tags darauf gestorben. Ein anderer Grenzer hielt ihn im dichten Nebel versehentlich für einen Flüchtling.
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Grenzsoldat Siegfried Widera, 22, am 23. August 1963 von drei Flüchtlingen niedergeschlagen, am 8.09. an den Verletzungen gestorben. Er wurde mit militärischen Ehren begraben.
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Grenzsoldat Egon Schultz, 21, erschossen am 5. 10. 1964. Die Stasi entdeckt Fluchthelfer an einem Tunnel. Bei der Verfolgung stirbt Schultz durch Kugeln anderer Grenzer.
Foto: privat/BStU/Axel Springer/PHS Berlin/Rondholz/Super-Illu
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Bislang wusste keiner genau, wie viele Menschen an der Mauer starben. Viele Fälle wurden vertuscht, andere vergessen. In einem einmaligen Projekt hat nun ein Team unter Leitung von Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung und Maria Nooke von der Gedenkstätte Berliner Mauer alle 575 Todes- und Verdachtsfälle auf breiter Quellenbasis geprüft. Das daraus entstandene biographische Handbuch"Die Todesopfer an der Berliner Mauer" (Ch. Links Verlag) erzählt erstmals die Geschichten aller 136 Opfer. Mehr als 100 von ihnen zeigen wir hier.
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dpa
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Linkspartei in der Krise
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Frau Hensel, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, bereits in diesem Moment offenbarten sich die verschiedenen Perspektiven der Ost- und Westdeutschen.
Jana Hensel: Ja. Für die Menschen im Osten war 1989 ein gewaltiger Neuanfang. Viele hatten ihr halbes Leben auf eine Zukunft gewartet - nun schien sie anzubrechen. Im Westen sah man Mauerfall und Einheit als das Ende einer Entwicklung, so wie Sie es gerade beschrieben haben, Herr Vogel: als Ende des Kalten Krieges, der Blöcke, der Teilung. Das ist die gesamtdeutsche Lesart geworden. Alles, was die Ostdeutschen in den 20 Jahren danach erlebten, wird seitdem kaum besprochen.
Vogel: Natürlich war der 9.November sowohl Ende als auch Anfang. Der Einigungsprozess hat von den Ostdeutschen gewaltige Kraft und großen Willen zum Neuanfang verlangt. Aber sie haben ihn - bei allen noch bestehenden Problemen - auch mit Hilfe aus den alten Ländern doch gut bewältigt. Wir Sozialdemokraten haben stets Wert darauf gelegt, dass die Ostdeutschen selbstbestimmt über die staatliche Einheit entscheiden müssen. Das haben sie mit großer Mehrheit bei den ersten freien Wahlen 1990 getan.
Hensel: Aber mit der Wiedervereinigung hat sich der Osten dem Westen angleichen sollen. Der Westen dachte, dass sich sonst nichts ändert. Im Westen fragt man zu wenig, was mit den Ostdeutschen seitdem passiert ist, welchen Gewinn ihre Erfahrungen für das neue Deutschland bedeuten könnten. Sprechen wir gerade in diesem Jahr wirklich von den großen Umwälzungen, die Sie andeuten? Und über die Erfahrungen, die die Ostdeutschen damit gemacht haben? Nein, wir gedenken lieber noch einmal des großen Ereignisses, an das wir uns nun seit 20 Jahren in der stets gleichen Form erinnern.
Verpassen wir da eine Chance, Herr Vogel?
Vogel: Es wird doch über die Probleme geredet - gerade, weil wir durch die gegenwärtige Krise nun gemeinsam elementaren Herausforderungen ausgesetzt sind. Aber grundsätzlich muss ich sagen: Wir Deutschen haben allen Anlass, uns über das, was vor 20 Jahren geschah, von Herzen zu freuen! Das haben wir scheinbar ein wenig verlernt.
Hensel: Wenn ich mit Menschen im Osten spreche, habe ich das Gefühl, dass es einen Überdruss an dieser ritualisierten Freude gibt. ´89 ist zum Mythos geworden - zu Lebzeiten derer, die dabei waren, ohne dass sie ihre Schicksale in den Jubelbildern wiederfinden.
Vogel: Also, ich habe bis heute die Freude der Tausenden Menschen vor Augen, die uns entgegenkamen, als Willy Brandt und ich am 10.November über die Invalidenstraße nach Ostberlin fuhren, nachdem er seine berühmte Rede vor dem Schöneberger Rathaus gehalten und dort gesagt hatte, nun wachse zusammen, was zusammengehört. Warum stört es Sie, wenn man daran erinnert?
Hensel: Wir haben natürlich allein wegen der 50 Jahre Altersunterschied verschiedene Perspektiven auf das Ereignis. Ich war damals 13 Jahre alt und bin mit meiner Mutter auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig gewesen. Ich erlebte, wie sich Leipzig schon kurz danach zur "Heldenstadt" erklärte - und dass ich später keinen mehr traf, der ehrlich darüber gesprochen hätte, wie die DDR so lange existieren konnte: eben weil nicht jeder immer nur dagegen war, sondern sich auch arrangiert hatte
Vogel: Sie können doch nicht behaupten, dass sich zu viele Menschen in der DDR aus eigenem Antrieb arrangiert hätten! Vielmehr stand ihnen doch vor Augen, wie der Arbeiteraufstand 1953 niedergeschlagen worden war, wie Ähnliches 1956 in Ungarn geschah, 1968 in Prag. Man kann ihnen nicht vorhalten, dass die Chancen für erfolgreichen Widerstand sehr lange als extrem gering galten!
Hensel: Das tue ich auch nicht. Ich frage nach der Zeit danach: Die älteren Generationen hatten über Nacht das System zusammenbrechen sehen, alle Werte und Kategorien verschwanden. Die Leute fühlten sich gezwungen, ihr Leben neu auszurichten - und sie haben dabei die Sicht des Westens übernommen. Alle haben ihr Leben im Nachhinein auf eine Oppositionsbiografie ausgerichtet. Wenn Sie, Herr Vogel, von 1953, 1956, 1968 sprechen, sind das Daten, die die Menschen im DDR-Alltag nicht berührten. Aber heute wird 1989 damit verknüpft, und alles davor und danach zählt nichts. 1991 und 1992 gab es fast fünf Mal so viele Demonstrationen im Osten wie 1989, gegen Betriebsschließungen, Sozialkürzungen und anderes. Aber keiner bringt sie mit 1989 in Verbindung. Als schmälere das die Erinnerung an die friedliche Revolution.