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Interview mit Vogel und Hensel: "Der Osten sollte sich anpassen"

Hans-Jochen Vogel, 1989 SPD-Chef, und "Zonenkinder"-Autorin Jana Hensel streiten im FR-Interview über Jubel-Rituale und verpasste Chancen.

Hans-Jochen Vogel und Jana Hensel.
Hans-Jochen Vogel und Jana Hensel.
Foto: ddp/butzmann

Herr Vogel, kurz nach dem Mauerfall hielten Sie als Chef der SPD und der SPD-Fraktion eine spontane Rede im Bonner Bundestag. Vor Ihnen saß Willy Brandt

Hans-Jochen Vogel: Als die Nachricht vom Fall der Mauer bestätigt war, gab jeder Fraktionsvorsitzende eine kurze Erklärung ab. Vier Meter vor mir saß Willy Brandt, ich sprach ihn direkt an: Für ihn, der 1961 Regierender Bürgermeister von Berlin gewesen war, als die Mauer gebaut wurde, sei das ein Tag der Erfüllung. Als ich zu ihm blickte, sah ich, dass er Tränen in den Augen hatte.

Das Zonenkind
Der Westpolitiker

Jana Hensel, 1976 im sächsischen Borna geboren, lebt als Autorin in Berlin. Sie wuchs in Leipzig auf, erlebte die Montagsdemos als Jugendliche und die Nachwendezeit als Literatur-Studentin.

Ihr Erinnerungsband "Zonenkinder" (2002), in dem sie ihre Erfahrungen mit der kulturellen Anpassung der DDR-Jugend an die westdeutsche Gesellschaft nach der Vereinigung beschreibt, war mehr als ein Jahr lang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Ihr neues Buch "Achtung Zone - Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten" ist jetzt bei Piper erschienen. Sie schreibt, die Ostdeutschen hätten den West-Blick auf sich und ihre Geschichte übernommen und fänden dadurch ihre eigene Sicht auf die Wende und die 20 Jahre danach im gesamtdeutschen Gedenken nicht wieder. sgey

Hans-Jochen Vogel, 1926 in Göttingen geboren, lebt heute in München. In den Jahren des Mauerfalls und der Vereinigung war er Bundesvorsitzender der SPD (1987-91) und ihr Fraktionschef im Bundestag (1983-91). Er ist seit 1950 SPD-Mitglied.

Unter Willy Brandt und dann Helmut Schmidt war Vogel Bau- bzw. Justizminister, außerdem Regierender Bürgermeister von Berlin, Oberbürgermeister von München sowie 1983 SPD-Kanzlerkandidat. 1989/90 brachte er die uneinige SPD auf Wiedervereinigungs-Kurs.

Seine Mauerfall-Erinnerungen sind enthalten im Buch, das er mit seinem Bruder Bernhard geschrieben hat, der von 1992 bis 2003 CDU-Ministerpräsident von Thüringen war: Bernhard und Hans-Jochen Vogel, "Deutschland aus der Vogelperspektive" (Herder ). sgey

Hat Sie dieser Moment emotional auch so bewegt?

Vogel: Ja. Stärker berührt hat es die Älteren, die direkte Erinnerungen an den Zustand der Trennung und den Mauerbau hatten. Gerade auch für jene in meiner Partei, die das Ringen um die Ostverträge miterlebt hatten, erfüllte sich ein großes politisches Ziel.

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Frau Hensel, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, bereits in diesem Moment offenbarten sich die verschiedenen Perspektiven der Ost- und Westdeutschen.

Jana Hensel: Ja. Für die Menschen im Osten war 1989 ein gewaltiger Neuanfang. Viele hatten ihr halbes Leben auf eine Zukunft gewartet - nun schien sie anzubrechen. Im Westen sah man Mauerfall und Einheit als das Ende einer Entwicklung, so wie Sie es gerade beschrieben haben, Herr Vogel: als Ende des Kalten Krieges, der Blöcke, der Teilung. Das ist die gesamtdeutsche Lesart geworden. Alles, was die Ostdeutschen in den 20 Jahren danach erlebten, wird seitdem kaum besprochen.

Vogel: Natürlich war der 9.November sowohl Ende als auch Anfang. Der Einigungsprozess hat von den Ostdeutschen gewaltige Kraft und großen Willen zum Neuanfang verlangt. Aber sie haben ihn - bei allen noch bestehenden Problemen - auch mit Hilfe aus den alten Ländern doch gut bewältigt. Wir Sozialdemokraten haben stets Wert darauf gelegt, dass die Ostdeutschen selbstbestimmt über die staatliche Einheit entscheiden müssen. Das haben sie mit großer Mehrheit bei den ersten freien Wahlen 1990 getan.

Hensel: Aber mit der Wiedervereinigung hat sich der Osten dem Westen angleichen sollen. Der Westen dachte, dass sich sonst nichts ändert. Im Westen fragt man zu wenig, was mit den Ostdeutschen seitdem passiert ist, welchen Gewinn ihre Erfahrungen für das neue Deutschland bedeuten könnten. Sprechen wir gerade in diesem Jahr wirklich von den großen Umwälzungen, die Sie andeuten? Und über die Erfahrungen, die die Ostdeutschen damit gemacht haben? Nein, wir gedenken lieber noch einmal des großen Ereignisses, an das wir uns nun seit 20 Jahren in der stets gleichen Form erinnern.

Verpassen wir da eine Chance, Herr Vogel?

Vogel: Es wird doch über die Probleme geredet - gerade, weil wir durch die gegenwärtige Krise nun gemeinsam elementaren Herausforderungen ausgesetzt sind. Aber grundsätzlich muss ich sagen: Wir Deutschen haben allen Anlass, uns über das, was vor 20 Jahren geschah, von Herzen zu freuen! Das haben wir scheinbar ein wenig verlernt.

Hensel: Wenn ich mit Menschen im Osten spreche, habe ich das Gefühl, dass es einen Überdruss an dieser ritualisierten Freude gibt. ´89 ist zum Mythos geworden - zu Lebzeiten derer, die dabei waren, ohne dass sie ihre Schicksale in den Jubelbildern wiederfinden.

Vogel: Also, ich habe bis heute die Freude der Tausenden Menschen vor Augen, die uns entgegenkamen, als Willy Brandt und ich am 10.November über die Invalidenstraße nach Ostberlin fuhren, nachdem er seine berühmte Rede vor dem Schöneberger Rathaus gehalten und dort gesagt hatte, nun wachse zusammen, was zusammengehört. Warum stört es Sie, wenn man daran erinnert?

Hensel: Wir haben natürlich allein wegen der 50 Jahre Altersunterschied verschiedene Perspektiven auf das Ereignis. Ich war damals 13 Jahre alt und bin mit meiner Mutter auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig gewesen. Ich erlebte, wie sich Leipzig schon kurz danach zur "Heldenstadt" erklärte - und dass ich später keinen mehr traf, der ehrlich darüber gesprochen hätte, wie die DDR so lange existieren konnte: eben weil nicht jeder immer nur dagegen war, sondern sich auch arrangiert hatte

Vogel: Sie können doch nicht behaupten, dass sich zu viele Menschen in der DDR aus eigenem Antrieb arrangiert hätten! Vielmehr stand ihnen doch vor Augen, wie der Arbeiteraufstand 1953 niedergeschlagen worden war, wie Ähnliches 1956 in Ungarn geschah, 1968 in Prag. Man kann ihnen nicht vorhalten, dass die Chancen für erfolgreichen Widerstand sehr lange als extrem gering galten!

Hensel: Das tue ich auch nicht. Ich frage nach der Zeit danach: Die älteren Generationen hatten über Nacht das System zusammenbrechen sehen, alle Werte und Kategorien verschwanden. Die Leute fühlten sich gezwungen, ihr Leben neu auszurichten - und sie haben dabei die Sicht des Westens übernommen. Alle haben ihr Leben im Nachhinein auf eine Oppositionsbiografie ausgerichtet. Wenn Sie, Herr Vogel, von 1953, 1956, 1968 sprechen, sind das Daten, die die Menschen im DDR-Alltag nicht berührten. Aber heute wird 1989 damit verknüpft, und alles davor und danach zählt nichts. 1991 und 1992 gab es fast fünf Mal so viele Demonstrationen im Osten wie 1989, gegen Betriebsschließungen, Sozialkürzungen und anderes. Aber keiner bringt sie mit 1989 in Verbindung. Als schmälere das die Erinnerung an die friedliche Revolution.

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Datum:  7 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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