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Keine Zeit für '68

Vom protestierenden Studenten zum Vizepräsidenten - Wolf Aßmus über die Zukunft der Uni.

Herr Professor Aßmus, in diesem Jahr jährt sich der Auftakt der Studentenproteste von 1968 zum 40. Mal. Es fällt auf, dass die Goethe-Uni fast keine Veranstaltungen zum Thema anbietet, noch nicht mal eine Ausstellung mit historischen Fotos organisiert hat - obwohl Frankfurt nicht nur eins der Zentren des Protests war, sondern Frankfurter Sozialwissenschaftler wie Adorno oder Horkheimer die geistigen Grundlagen der Bewegung legten. Sie selbst haben 1968 in Frankfurt erlebt. Sagen Sie doch mal, warum kommt da nichts? Von der Hochschulleitung aus haben wir wenig geplant, das stimmt. Was aber nicht heißt, dass in den Fachbereichen nichts gemacht wird.

Ganz Frankfurt scheint ein einziger Veranstaltungsreigen zum Thema zu sein, aber ausgerechnet die Uni klinkt sich nicht ein. Das verwundert. Im Historischen Museum war etwa der damalige Unirektor Walter Rüegg zu Gast, wäre es nicht auch spannend gewesen, ihn zu einer Podiumsdiskussion auf seinen alten Campus einzuladen? Das wäre spannend gewesen, sicher. Und wenn jemand etwa aus dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an uns heranträte und darum bitten würde, historische Fotos aus dem Uniarchiv in einer Ausstellung zu präsentieren, hätte auch niemand etwas dagegen. Aber in den vergangenen Monaten waren wir einfach vollauf damit beschäftigt, die Stiftungsuni auf den Weg zu bringen, eine neue Grundordnung zu erarbeiten, wofür sehr viele Diskussionen mit unterschiedlichen Gruppen der Hochschule nötig waren. Aber letztendlich ist ja auch diese Diskussionskultur, die sich wieder in der Auseinandersetzung um das neue Modell gezeigt hat, eine Errungenschaft von 1968. Alle Statusgruppen reden miteinander! Und tun es bis heute.

Welche Rolle spielt das Jahr 1968 überhaupt noch für das Selbstverständnis der Goethe-Universität?

Frankfurt war damals ein Zentrum der Proteste. Aber man sollte diese Zeit auch nicht glorifizieren. Es gab damals einen Reformdruck, der sich irgendwann vielleicht auch so Bahn gebrochen hätte. Viele verkrustete Strukturen im Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden sind aufgebrochen - das war gut und nötig. Es war eine aufregende Zeit, Go-In hier, Go-In da und immer ewiglange Diskussionen. Andererseits gab es damals auch Auswüchse, die einfach Unrecht waren.

Sie haben selbst 1968 in Frankfurt studiert. Sehen Sie sich als "Achtundsechziger"?

Ja, ich war damals dabei. Ich war 24 und habe meine Diplomarbeit in Physik geschrieben. Ich habe mich durchaus als Teil der Bewegung gesehen, war bei Sit-Ins dabei, und auch bei Blockaden, etwa des Hörsaalgebäudes. Allerdings habe ich damals auch immer versucht, zwischen den einzelnen Gruppen zu vermitteln und Spannungen abzubauen. Als zum Streik aufgerufen wurde, habe ich auch dafür gesorgt, Leute an den Streikwächtern vorbeizuschleusen, wenn die unbedingt Versuche, etwa für eine Promotion, weiterführen mussten oder wissenschaftlich arbeiten wollten.

Sie sprachen eben von "Auswüchsen" - haben Sie persönlich etwas erlebt, das Sie schockiert hat? Ja, da gab es einige Situationen, etwa bei uns im Institut für Physik. Da waren die Professoren Walter Greiner und Peter Fulde. Die beiden haben sich in Diskussionen mit Studenten manchmal taktisch unklug verhalten. Einmal standen Studenten in der Vorlesung auf und wollten darüber reden, was in Go-Ins in anderen Vorlesungen passiert war. Da sagte Greiner, er wolle aber lieber eine Vorlesung über Theoretische Physik halten. Am nächsten Tag stand auf deren Bürotüren geschmiert: "Scheucht Greiner, scheucht Fulde." Das fand ich schrecklich.

1968 ging es darum, gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu hinterfragen, und mit der Kritischen Theorie kam einer der Hauptimpulse aus Frankfurt. Heute ist die Uni als Stiftungshochschule faktisch privatisiert, Gegner werfen dem Präsidium vor, mit einem verstärkten Einbeziehen der Wirtschaft eben solcher kritischen Wissenschaft das Wasser abzugraben. Können Sie diese Kritik nachvollziehen? Eher nicht. Aber 1968 und danach, in den 1970er Jahren, wurde vieles polarisiert. Es gab nur Gut und Böse. Die gute, reine, zweckfreie Forschung auf der einen Seite und die böse Industrie auf der anderen. Kooperationen mit der Wirtschaft waren viele Jahre lang ganz verpönt. Klar ist: Man darf sich an der Uni nicht abhängig machen von der Industrie. Aber nehmen Sie mal die Physik. Da hieß es damals immer, wir entwickelten in der Kernphysik Atombomben oder betrieben Kriegsforschung. Sie können aber über die Kernphysik auch Energieprobleme lösen oder Tumore heilen. Ich beschäftige mich zum Beispiel mit Festkörperphysik und Materialforschung. Wir haben kürzlich etwa ein Schmelzverfahren für Laserwerkstoffe entwickelt, mit Unterstützung eines Unternehmens. Unsere Partner in der Industrie sind doch häufig unsere ehemaligen Studierenden aus der Uni. Es wäre doch Quatsch, solche Forschungen doppelt zu betreiben, einmal an der Uni und noch mal in Laboren der Industrie.

Warum eigentlich?

Das kostet den Steuerzahler viel Geld - da ist es doch in jeder Hinsicht besser, hier Kräfte zu bündeln und das Geld des Steuerzahlers in die Ausbildung zu investieren. Die Wirtschaft will hervorragend ausgebildete junge Leute. Bei uns bekommt sie die.

Finden Sie, als Zeitgenosse der damaligen Proteste und heutiger Vize-Präsident Ihrer alten Uni, dass wir wieder eine Studentenbewegung brauchen? Naja, mit den Protesten gegen die Studiengebühren gab es ja so eine Bewegung. Das Gute, das geblieben ist: Dass sich junge Menschen Gedanken machen, die Dinge kritisch diskutieren und für ihre Belange eintreten.

Interview: Anne Lemhöfer

Datum:  30 | 4 | 2008
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