Derzeit läuft im Kino der Dokumentarfilm "Lenin kam nur bis Lüdenscheidt", darin erinnern sich der Autor Richard David Precht und seine Schwester Johanna an ihre antiautoritäre Kindheit Ende der 60er Jahre. Ohne Groll, aber mit amüsierter Distanz bezeichnen sie die Wohnung im linken Haushalt als "unkuschelig" - ausgestattet mit wenig Spielzeug und kratzigem Sisal-Teppich.
Als "unkuschelig" könnte man auch den Frankfurter Kinderladen in der Eschersheimer Landstraße 107 auf den Schwarzweißbildern der Fotografin Erika Sulzer-Kleinemeier bezeichnen, die Teil der 68er-Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt sind: kahle Wände, nackte Böden. Keine Spielsachen, nirgends.
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Doch fröhlich sehen sie aus, die Jungen und Mädchen, die hier toben, denn was auf den Betrachter wie eine Wohnung mitten im Umzugsprozess wirkt, hat Spaßpotenzial. Was an Einrichtung fehlt, fehlt auch an Verboten. An die Wände kritzeln? Ist erlaubt. Auf Matratzen rumhopsen, bis die Sprungfedern rausgucken? Aber klar. Mit Schuhen aufs Sofa? Ja, warum denn nicht?
Denn das war die Idee: Freies Spielen statt Spielzeug, das am Ende noch Rollenklischees vermittelt und die Kreativität einschränkt! Keine Puppen also, keine Bagger, keine DIN-genormten Papierrechtecke. Die Theorie muss sich der Betrachter allerdings dazudenken. Die ist in Bücher verpackt, und die liegen hinter Glas - dicke Sammelbände mit den damals so beliebten "oder"-Titeln: "Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution?" bis zu "Kinderkreuzzug - oder: Beginnt die Revolution in den Schulen?", dazu Ulrike Meinhofs "Erziehung zum Ungehorsam".
Der Klassiker liegt auch da, natürlich: "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung" des Summerhill-Gründers A.S. Neill. Immer wieder ist dieser größten 1968-Ausstellung im deutschsprachigen Raum vorgeworfen worden, sie bleibe mit ihren Exponaten an der Oberfläche, biete wenig Hintergrund zu teils sattsam bekannten, teils skurrilen Zeitdokumenten. Beim Thema Kinder vermisst man in der Tat einiges - gemessen daran, welchen Stellenwert die Neukonzeption von Erziehung für die Linken der 60er und 70er Jahre hatte.
Bestimmt lag im Kinderladen in der Eschersheimer auch das legendäre Aufklärungsbuch "Zeig mal!" herum, das man im Museum auch ansehen kann - leider wieder nur von außen und hinter Glas. Was fehlt, ist die bewegte Geschichte des Werks, die viel sagt darüber, was aus vielen Ideen dieser Generation geworden ist: In den 70ern millionenfach verkauft und sogar von der Evangelischen Kirche empfohlen, verschwand "Zeig mal!" mit all den Bildern von nackten Kindern vom Markt. Der Vorwurf: Kinderpornographie.