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Kinderladen: Zum Glück

Der neue Mensch soll selbstbestimmt aufwachsen - die antiautoritäre Kinderladen-Bewegung.

Die neue Mütterlichkeit ist kritisch.
Die neue Mütterlichkeit ist kritisch.
Foto: Historisches Museum

Mein Kind soll's mal besser haben. Abgedroschener Elternspruch, der doch für die 68er ungewohnte Aktualität erhält. Kinderbetreuung soll sich am Glück der Kinder orientieren. Sie sollen selbstbestimmte Persönlichkeiten werden, selbst ihre Bedürfnisse regeln, statt wie bis dato mit Disziplin, Drill und Repression ins miefige bürgerliche System gequetscht zu werden. Die "Kinderfrage", erinnert sich Lelle Franz, einst eine der Frontfrauen der Frankfurter Kinderladen-Bewegung, "war ein wesentliches Thema". Der Muff sollte nicht nur unter den Talaren, sondern auch aus herkömmlichen Kindergärten mit Erziehungsmethoden à la in der Ecke stehen, Sitz-still, Sei-ruhig verschwinden. Aus vielerlei Gründen.

Im Januar 1968 wirft die heutige Filmemacherin Helke Sander die Frage auf, wie Kinder von politisch aktiven Frauen betreut werden könnten. In jedem Fall antiautoritär - die magische Formel. Vorgelebt in "Summerhill", A. S. Neills Buch darüber wird zur Bibel.

In Frankfurt steht Monika Seifert, Tochter von Alexander Mitscherlich aus erster Ehe und damals bereits selbst Mutter, an der Spitze der Bewegung: Im September 1967 gründet sie mit ihrem Verein für angewandte Sozialpädagogik in der Eschersheimer Landstraße 107 die erste antiautoritäre "Kinderschule". Zwei Kindergärtnerinnen, Lehrer und Psychologen betreuen 20 Kinder, die essen, wann sie wollen, Dinge bemalen dürfen und autonom über ihr Taschengeld entscheiden.

Zur selben Zeit treibt die Kinderfrage auch Mitglieder des SDS um. Eine Arbeitsgruppe diskutiert über Lösungen, fordert politische Erziehung schon für die Kleinen, schreibt Konzepte, sammelt Geld, sucht Räume. Im Frühjahr '69 werden sie in der Leerbachstraße fündig. Ein schmales, zweigeschossiges Häuschen, "ziemlich heruntergekommen", erinnert sich Lelle Franz. Eltern machen sich an die Renovierung, streichen Wände in Rot, Lila, Orange. Als Ansprechpartnerin bei Stadtschulamt und Landesjugendamt bringt Lelle Franz die Betriebsgenehmigung mit. Die Euphorie ist groß - das Chaos auch. Regine Dermitzel und ein Mitarbeiter werden als feste Bezugspersonen geheuert. Dienstpläne verpflichten Eltern, im Wechsel Essen einzukaufen und die Kinder zu betreuen. "Es waren immer Leute da." Es wird improvisiert und diskutiert. Um Zuschuss von Stadt und Land zu erhalten, schlägt Lelle Franz vor, einen Verein zu gründen: die Gesellschaft für Jugendarbeit und Bildungsplanung. "Ein toller Name", das Chaos intern wird davon nicht weniger. Im Gegenteil. Viele kritisieren, sich bürgerlicher Strukturen zu bedienen, weshalb sich die Gesellschaft intern Zentralrat der Frankfurter Kinderläden nennt.

Nach der Leerbachstraße folgen Läden in der Finkenhofstraße und der Böhmerstraße. Einmal im Monat trifft sich der Zentralrat zum Erfahrungsaustausch - und zu enervierenden Debatten, sagt Lelle Franz im Rückblick. Ebenso nervig ist der ständige Ärger mit Vermietern. Die Suche nach verlässlicher Bleibe bringt die Zentralratsmitglieder auf ein Haus in der Vogelweidstraße, das die Caritas räumt. Anfang der 70er finden alle Kinderladengruppen mit etwa 120 Kinder darin Platz. Die neue Pädagogik hat Raum gegriffen.

Autor:  ANITA STRECKER
Datum:  30 | 4 | 2008
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