Auf seine Art gedenkt auch Kuba der Ereignisse von 1968. Vor allem seines '68, das ganz anders verlief als jenes, das die Geschichte von Ländern wie Vietnam, Mexiko, Frankreich, den USA, Deutschland oder der erloschenen Tschechoslowakei prägen sollte. Gewiss, des europäischen '68 wird auch gedacht. Verschiedene Artikel gehen den Ereignissen nach, die man in Kuba als etwas Entferntes und Fremdes erlebte. Man nahm diese Ereignisse - deren revolutionärer Impuls eher medienwirksam denn effektiv zu sein schien - in fast allen Fällen als bürgerliches Phänomen wahr.
Die libertäre, die ikonoklastische, die übergreifende Welle, die damals einige europäische Länder aufwühlte, hatte Kuba neun Jahre vorher erreicht; im Jahr 1968 machte sich bereits ihr Rückfluss bemerkbar. Es war auf jeden Fall ein außergewöhnliches Jahr, in dem sich die Ereignisse in ungewöhnlicher Intensität überschlugen. Im Falle Kubas drückte sich das in der Konfrontation zwischen zwei gegensätzlichen ideologischen Tendenzen aus, die im Inneren des Machtapparates der Revolution aufeinander trafen.
68er: Fotos, Leserberichte und alle Originalausgaben der FR von damals
Atruto Arango, 1955 in Manzanillo, Kuba, geboren, gehörte zu den jungen Schriftstellern, die, in staatlichen Literaturwerkstätten ausgebildet, jene Lücken füllen sollten, die aufgrund der repressiven Kulturpolitik während der siebziger Jahre entstanden waren.
Doch setzt sich Arango in seinem literarischen wie kinematografischen Werk mit der zeitgenössischen kubanischen Gesellschaft überaus kritisch auseinander.
Arango ist Chefredakteur der bedeutenden Kulturzeitschrift "Gaceta de Cuba" der staatlichen Schriftsteller- und Künstlervereinigung von Kuba (UNEAC), er lehrt ferner an der Internationalen Filmhochschule in San Antonio de los Baños (EICTV) bei Havanna und ist seit 2005 Gastprofessor für Drehbuch an der Universität von Guadalajara, Mexiko. In Deutschland ist Arturo Arango als Drehbuchautor des Kinofilms "Kubanisch Reisen" bekannt.
Die eine, während der ersten zehn Jahre vorherrschend, bekräftigte den nationalistischen und emanzipatorischen Sinn einer auf die Dritte Welt bezogenen Revolution, deren Wurzeln in den eigenen historischen Prozessen lagen, nicht aber im mimetischen Abpausen des europäischen Sozialismus'. 1968 feierte Kuba die 100 Jahre des Beginns der Unabhängigkeitskriege gegen den spanischen Kolonialismus. Die Feierlichkeiten betonten die Einzigartigkeit der kubanischen Revolution: Im Jahre 1868 initiiert und siegreich - endlich - 1959.
In dem komplexen Machtkampf, der in jenem Jahr stattfand, vollzog diese Tendenz eine stalinistische Wendung: Am 13. März 1968 verkündete Fidel Castro in der Universidad de La Habana die "Revolutionäre Offensive". Der Kleinhandel wurde abgeschafft, der Staat machte sich zum Eigentümer und Verwalter der gesamten kubanischen Wirtschaft.
Die Konsequenzen dieser Maßnahmen sind noch heute in der ineffizienten Wirtschaft der Insel zu spüren und, vor allem, im schwierig zu bewältigenden Alltagsleben. Das Widersprüchliche an der Sache ist, dass es offensichtlich die Nationalisten selber waren, die einen wirtschaftlichen Weg einschlugen, der sie in die Arme ihrer prosowjetischen Gegner trieb.
Denn die andere Tendenz, die wir "prosowjetisch" nennen, stürzte sich gleichzeitig in eine Offensive im kulturellen Sektor, in dem die Nationalisten traditionell stärkeren Einfluss hatten. Verde Olivo, die Zeitschrift der bewaffneten Streitkräfte, begann Intellektuelle zu attackieren, die sie für liberal hielt. Unter einem Pseudonym erschienen virulente Artikel, in denen man die Haltung und Werke von Schriftstellern wie Guillermo Cabrera Infante (der sich kurz vorher zum Gegner der Revolution erklärt hatte), Heberto Padilla oder Antón Arrufat als konterrevolutionär bezichtigte. Das war eine Offensive, welche die Harmonie zerschlug, die seit '59 zwischen der politischen Macht und den Intellektuellen existiert hatte. Der Boden wurde bearbeitet für die extreme ideologische Dogmatisierung, die während der 1970er Jahre vorherrschen sollte.
Die europäische Revolutionswelle von 1968 hatte ihren Ursprung in der so genannten Dritten Welt. Der Krieg von Vietnam war für die Radikalisierung des Gedankenguts der Linken in den USA ausschlaggebend, während der kubanische Aufstand in Lateinamerika sich beispielhaft verbreitete. Der berühmte Satz von Che Guevara, "Schafft zwei, drei, viele Vietnam, das ist die Parole", drückte die Überlebensstrategie der kubanischen Revolution aus. Durch die USA zur kontinentalen Isolierung verdammt, gab es für Kuba nur zwei Wege: Entweder, sich mit der ehemaligen UdSSR und den von ihr kontrollierten Ländern zu verbünden oder sich ihren eigenen Raum in der Dritten Welt zu schaffen. Der erste Weg existierte bereits; andererseits schien der "aufständische Weg" weltweit auf seinem Höhepunkt angekommen sein, vor allem in Lateinamerika und dem asiatischen Südosten. Die Insel setzte alles daran, diese Bewegungen zu unterstützen.
Dieser Widerspruch bestand auch in den Debatten der Linken weltweit. Deutlich wird er in den Positionen des Italieners Gianni Toti und des Argentiniers David Viñas in dem kubanischen Film "Erinnerungen an die Unterentwicklung" (Kuba, 1968) von Tomás Gutiérrez Alea: "Worin besteht im Moment der größte Widerspruch?", fragen sich beide Intellektuelle. Die Antwort Totis stammt aus der entwickelten Welt des traditionellen Marxismus': "Im Zusammenstoß des Proletariats mit der Bourgeoisie." Viñas antwortet aus einer anderen Perspektive heraus: "Es ist der Kampf zwischen Erster und Dritter Welt, zwischen der Metropole und ihren Kolonien oder Exkolonien. Es gibt in dieser Minute keinen größeren Widerspruch als den Krieg in Vietnam."
Der im Januar 1968 veranstaltete Kulturkongress in Havanna stand unter dem Motto "Konferenz der Intellektuellen aus aller Welt über die Probleme in Asien, Afrika und Lateinamerika". Das zentrale Thema war "Kolonialismus und Neokolonialismus in der kulturellen Entwicklung der Völker".
Aber Ernesto Che Guevara, der eigentliche Motor dieser Ideen im Herzen der Revolución Cubana, war im Oktober des Vorjahres gestorben. Anstelle des revolutionären Aufruhrs, der dem Kulturkongress in Havanna als Kontext dienen sollte, begann 1968 der Vorstoß der "Reaktion", und die bewaffneten Bewegungen in Lateinamerika begannen auszubluten, denn sie sahen sich einer Repression gegenüber, die weitaus heftiger war als jene, gegen welche die kubanische Guerilla damals gekämpft hatte.
In Kuba begannen die 60er Jahre 1959 und endeten 1968. Es war, daran ist nicht zu zweifeln, der Moment der Befreiung, der Emanzipation, der Revolution, als die Nation davon überzeugt war, dass die individuelle Freiheit nur möglich sei, wenn die Mechanismen der neokolonialen Dominanz der US-Amerikaner, unter denen sie während der ersten Hälfte des Jahrhunderts gelitten hatten, zerschlagen sein würden. Die Radikaleren waren der Ansicht, dass die sozialistische Idee nicht nur auf dem Gedanken des Fortschritts und des Wirtschaftswachstums basiere, sondern auf der Zerstörung all dessen, was aus dem menschlichen Wesen eine entfremdete Kreatur mache, und auf der Schaffung des "neuen Menschen": eines freieren Menschen in der Gemeinschaft von seinesgleichen und der Natur und als absoluter Herr über sein Schicksal.
Die maßlose staatliche Zentralisierung der Wirtschaft und die im Jahre 1968 initiierte Repression gegen die Intellektuellen lenkten die Revolución Cubana in eine Richtung, die sie bald in eine ebenfalls neokoloniale neue wirtschaftliche Abhängigkeit brachte, und zwar von der Sowjetunion und den anderen Ländern Osteuropas, mit denen auch neue Formen der Kontrolle und Repression in der Ideologie, der Politik und der Kultur auftraten.
Die Gedenkfeiern der Ereignisse von 1968 begannen auf Kuba bereits 2007 mit dem Ausbruch einer unglaublichen Protestwelle, die durch das plötzliche Wiederauftauchen eines Vertreters der repressiven Kulturpolitik der 1970er Jahre im kubanischen Fernsehen hervorgerufen wurde. Der Protest basierte glücklicherweise auf einer kritischen, fast kathartischen Wiederaufarbeitung jener für uns verhängnisvollen Jahre, als die Illusionen gewaltsam mit einer viel komplexeren, viel resistenteren Realität, als wir es uns jemals hätten vorstellen können, zusammenstießen. Die Wiedererlangung der historischen Erinnerung ist zu einer lebenden Gedenkfeier der 68er und der darauf folgenden Jahre geworden: Ein Protest, der zunächst über das digitale Netz lief und dann in die Öffentlichkeit getragen wurde.
Mehr als die Vergangenheit zu analysieren, wird über eine zwar unsichere, aber verheißungsvolle Zukunft debattiert. Nicht, dass wie durch ein Wunder jener "neue Mensch" erscheinen könnte, der, das wissen wir mittlerweile, illusorisch, unmöglich ist. Sondern, dass ein Sozialvertrag geschaffen werde, in dem einerseits die Gleichheit nicht über das Opfer individueller Freiheit oder dass andererseits Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstand nicht über die Ausbeutung und das Elend einer Mehrheit erreicht werden. Das heißt, wir kämpfen für ein Land, in dem sich weder wilder Kapitalismus noch autoritärer Sozialismus durchsetzen möge, sondern vielmehr soziale Gerechtigkeit und Freiheit in wechselseitiger Abhängigkeit bestehen.
Übersetzung: Ute Evers