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Lebensgefühl: Links, gut, she loves you

Für den Musiker und Rechtsanwalt Klaus Larisch gingen Beat und Jura 1968 bestens zusammen.

Klaus Larisch, Anwalt und Mitbegründer der Beatles Revival Band.
Klaus Larisch, Anwalt und Mitbegründer der Beatles Revival Band.
Foto: FR/Boeckheler

Vier, fünf Akkorde. Mehr nicht. Sie schlagen den Beat, bestimmen ein Lebensgefühl, das Massen und Mädels mitreißt. Beatles, Stones, die Kinks, rockende schwarze US-Soldaten. Was für eine Zeit. 1968. Fünfzehn ist Klaus Larisch damals. Der erste Flaum über den Lippen, voll in der Pubertät und im konservativen Heinrich-von-Gagern-Gymnasium am Zoo ist der Teufel los. "Mach die Schule zum Bordell" steht knallrot auf die Turnhalle gesprüht. Ho-ho-ho-Tschi-Minh Parolen schallen über den Schulhof. Oder "Lass die Schule sausen", "Lasst euch nicht von Nazis unterrichten."

Klaus Larisch sitzt im Altbau seiner Rechtsanwaltskanzlei in der Feldbergstraße, die Bilder von damals hat er noch deutlich vor Augen. Eine intensive Zeit. VietnamKrieg, Notstandsgesetze, Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit, Kampf den Hierarchien in den Institutionen - die Themen der Studentenrevolte schwappen eins zu eins auf die Gymnasien über, politisieren die Schülerschaft, treiben sie zu Sit-Ins und Diskussionsrunden. Wortführer und die linke Schülermitverwaltung zwingen Lehrer, Vietnam-Krieg oder gesellschaftliche Strukturen im Unterricht zu behandeln. "Alle waren links. Die Politik ging einher mit der Solidarisierung der Jugend." Und dazu diese Musik. 1968 spielt Larisch, Sohn einer stock-katholischen, schlesischen Flüchtlingsfamilie vom Bornheimer Hang, schon zwei Jahre klassische Gitarre an der Musikschule. Bei Freunden bringt er sich den Beat auf E-Gitarren bei, spielt mit schwarzen US-Soldaten in Clubs. Die kindliche Faszination von "die Amerikaner sind deine Freunde" wird durch Vietnam und den Zoff zwischen weißen und schwarzen US-Soldaten erschüttert.

Die Jugend war auf der richtigen Seite: "Links war gut. Wir dachten, das ist die Politik, die den Menschen einbezieht und die soziale Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat." Und die Musik hat alles verbunden: Politik und Partys, das Aufbegehren gegen das spießige Elternhaus, gegen Schulhierarchien, erste Kontakte mit Mädchen und mit Haschisch und LSD - "alles war eine Einheit." Jugendaufbruch. Den haben für ihn vor allem die Beatles repräsentiert, sagt Larisch. Weil sie von "She loves you" bis "Revolution" Lebensgefühl und Entwicklung des Aufbegehrens gespiegelt und gelebt haben. "Und zwar in einer Varianz und musikalischen Entwicklung, die einzigartig war."

Szenen im Aquarius

Die Notstandsgesetze

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Larisch spielt mit Schülerbands wie Solar Plexus am Wochenende in Clubs und Schulen. Ansonsten trifft sich die jugendliche Szene im Aquarius in der kleinen Brückenstraße am Main, im Zoom, in den Jugendhäusern der Stadt, "wo die Eltern nicht so viel Terz machten", später im Sinkkasten. Oder im ersten, von Fußballkumpels der Concordia Eschersheim verwalteten Partykeller im Grüneburgweg. "Niemand hat beschissen, das war gelebter, gastronomischer Sozialismus." Wer so drauf war, hat sich irgendwo immer getroffen in der Stadt, sagt Larisch. "Es gab keine Aufteilung in Bockenheimer, Bornheimer wie heute. Es gab vier fünf Anlaufstellen, wo jeder hinging."

Die linke Solidarität wird erschüttert durch den Prager Frühling. Für Larisch ein einschneidendes Erlebnis, die linke Ideologie gerät für ihn ins Wanken. "Wenn im Namen linker Politik Menschen mit Panzerrohren weggeschossen werden, kann's das ja wohl nicht sein." Larisch beschäftigt sich mit dem Arbeiteraufstand in Berlin '53, mit Ungarn '56, mit China und Phnom Pen. Die Ereignisse werden in der Schülerschaft hitzig diskutiert. Sie spaltet sich in "dogmatische" Linksideologen und "skeptische Realisten".

Nach dem Abitur beginnt Larisch in Frankfurt Jura zu studieren. Für ihn ähnlich "logisch" wie für Joschka Fischer oder Matthias Beltz, sich bei Opel ans Fließband zu stellen. Die "kleinen Geschwister" der 68er machten sich auf, die verkrusteten Institutionen zu verändern. "In keinem anderen Beruf kann man so direkt für Gerechtigkeit kämpfen", dachte er. Eine Einschätzung, die er allerdings heute bei seiner anwaltlichen Tätigkeit erheblich relativiert sieht.

Beatler unplugged

Die Musik bleibt. Wochenende für Wochenende tourt er durch Ami-Clubs in ganz Deutschland. Unter der Woche ist Uni angesagt. Kurz vor dem Examen erzählt ihm ein Freund, dass er unplugged Beatles Songs gespielt hat und das ankam wie nix. Die Idee einer Partyband steht, mit drei Musikerkumpels trifft sich Larisch im Bornheimer Bunker zur Probe. Alle sind begeistert vom authentischen Beatles-Sound. "Unser Sänger Richard Kersten kam aus derselben Gegend in Liverpool. Das klang affengeil." Fünf Monate später spielt die Beatles Revival Band vor ausverkauftem Haus in der Berliner Philharmonie, das Examen liegt ad acta, die neuen Beatles boomen. Hamburg, Mailand, zwei DDR-Tourneen, Auftritte mit Udo Lindenberg, Treffen mit George Harrison und "Aufkaufversuche" von Ringo Starr, weil die neuen Beatles perfekter live spielten als es die alten je vermochten.

Nach sechs Jahren und 1000 Auftritten hat Gitarrist Larisch genug von der Glamourwelt. Er ist 29, beschließt in sieben Monaten Gewaltakt doch noch das Examen zu packen. Neues Leben. Aus den 68ern sind gestandene Richter und Staatsanwälte geworden. "Gerade in Frankfurt herrschte eine liberale Rechtsauffassung vor." Das hat sich geändert, sagt er. In den 80ern und 90ern haben sich viele der freiheitlichen Ideen egalisiert. "Das Land ist konservativ geprägt. Leistung zählt, Geld regiert. Druck schon in der Grundschule."

Die Richter von heute haben alle "Super-Abi, Super-Examina", sind in Rekordzeit durchs Studium gehechelt. Wenig ist geblieben von den 68ern. Sicher, die Öffnung für Ausländer in den 70ern wäre so nicht möglich gewesen, sagt er. Frauenemanzipation, Umweltbewusstsein oder die Grünen. Aber sonst? Nicht mal die Musik. "Damals hatte sie immer eine gesellschaftliche Verbindung. Heute ist sie austauschbar, geht an weiten Teilen der Gesellschaft vorbei." Und noch etwas ist anders, bereitet ihm ernsthaft Sorge: "Die unglaublich große Gewaltbereitschaft gab es nicht. Im Gegenteil. Gewalt war verpönt, Streit wurde verbal ausgetragen." Make Peace not War. Vorbei.

Autor:  ANITA STRECKER
Datum:  30 | 4 | 2008
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