kalaydo.de Anzeigen

Lehrjahre sind keine Herrenjahre: Schikaniert, ignoriert

Harald Rein, 56, ist Berater im Frankfurter Arbeitslosenzentrum.

Die Zeit um '68 hat weite Kreise auch bei den Lehrlingen gezogen. Ab 1967 habe ich als Chemielabor-Jungwerker bei der Hoechst AG angefangen. 15 war ich damals. Eingeschüchtert vom Riesenbetrieb, in dem Hunderte wie ich mit der Lehre angefangen haben. Auf der untersten Stufe der Hierarchie, schikaniert - im besten Fall ignoriert. Das erste halbe Lehrjahr hat aus Frühstück organisieren, Boden wischen oder Wasser auf 100 Grad erhitzen bestanden. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, hieß es.

Die Paul-Ehrlich-Berufschule war ebenso grauenvoll. Heruntergekommen, die Lehrinhalte ausschließlich auf die Produktionsweisen der Hoechst AG abgestimmt. Du warst auf Gedeih und Verderb dem Betrieb ausgeliefert. Damals war ich völlig unpolitisch. Bis sich 1968 die erste Lehrlingsgruppe formierte. Plötzlich haben wir diskutiert, über Inhalte und Bedingungen unserer Ausbildung reflektiert.

Wir forderten eine unabhängige Berufsschule, zentrale staatliche Lehrwerkstätten. Die Diskussionen haben uns aufgerüttelt. Vor allem die Wochenend-Lehrgänge der IG-Chemie waren prägend. Studenten kamen als Teamer, um über Bildungsarbeit, Arbeit und Herrschaft zu diskutieren.

Aber auch über andere Lebensformen. Zuhause war eh alles spießig und hat genervt: Die Art in Urlaub zu fahren, die Art auf Autoritäten zu reagieren und "Nimm-keine-Drogen" oder "Die-Freundin-kommt-mir-nicht-ins-Haus". Auch da haben die Gewerkschaftslehrgänge geholfen - trotz Bettenkontrolle waren sie die einzige Chance, mit der Freundin eine Nacht zu verbringen. Damals hab ich unter anderem Wilhelm Reich gelesen. Die sexuelle Revolution. Der hat mir aus der Seele gesprochen. Und mich motiviert, weiter zu gehen: Über den zweiten Bildungsweg hab' ich Sozialarbeit und Sozialwissenschaften studiert. 1968 hat neue Bahnen gewiesen.

Aufgezeichnet von Anita Strecker

Seit 1968 auf neuen Bahnen

Datum:  30 | 4 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken