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Leitartikel: Prager Sommer

Was bleibt von 1968? Die im engeren Sinn politischen Abläufe sind abgehakt. Aber wie eine Generation sich in allen Lebensäußerungen von vermeintlichen Zwängen zu befreien suchte - das interessiert die Jungen. Von Stephan Hebel

Stephan Hebel ist Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Georgien hin, Raketenstreit her. Niemand kann sich vorstellen im Jahr 2008, dass russische Panzer in Prag einrollen, um das noch junge Pflänzchen Demokratie zu zerstören. Niemand, so sieht es aus, wird den Tschechen wegnehmen, was sie erst mit dem Mauerfall, gut 20 Jahre nach dem Aufbruch des "Prager Frühlings", erreichten: Freiheit und demokratische Selbstbestimmung, Prada und McDonald's.

Wer es gern positiv sieht, wird sagen: Der Traum, den vor 40 Jahren im Ostblock kaum jemand zu träumen wagte, ist wahr geworden. Wer es realistischer mag: So schön er ist, der politische und kulturelle Siegeszug "des Westens", so zweischneidig kommt er daher.

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Heute vor 40 Jahren veranstaltete die Sowjetunion in der Tschechoslowakei eine brutale Frontbegradigung. Im "sozialistischen Lager" durfte es echten, weil demokratischen Sozialismus nicht geben. Der Aufbruch des tschechoslowakischen Volks unter Alexander Dubcek wurde zerschossen. Und der Westen sah zu, weil eine Einmischung ins östliche Lager die Gefahr eines Atomkriegs bedeutet hätte.

Heute vor ein paar Tagen genehmigte das demokratische Tschechien den USA die Stationierung von Komponenten ihrer Raketenabwehr auf seinem Territorium, gestern tat Polen das Gleiche. Und zuschauen musste diesmal: Moskau. Russland mag die Macht haben, einen Nato-Kandidaten wie Georgien anzugreifen - den Zugriff auf jene Ex-Vasallen, die längst zum "neuen Westen" gehören, hat es lange nicht mehr. Und kulturell, in der Art, wie die Menschen leben, sich kleiden, essen und reisen, gehört Putins Reich längst selbst dazu.

Der Prager Frühling

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Die meisten Mitglieder der ersten wahrhaft globalisierten Generation werden (und müssen) sich keine Gedanken darüber machen, was ihr Leben mit dem Prager Frühling oder den 68ern im Westen zu tun hat. Sie genießen das Zusammenwachsen der Welt in Musik und Mode, in Konsum und Kommunikation mit all den dazugehörenden Freiheiten, und sie tun gut daran.

Aber sie sind keineswegs so bewusstlos und unpolitisch, wie Ältere gelegentlich behaupten. Viele sind neugierig auf mehr, schon der Konflikte und Risiken wegen, die allerorten zu lauern scheinen. Und viele wissen, dass sich in der Geschichte der eine oder andere Hinweis finden lässt.

Das heißt nicht, dass sich die Menschen, junge zumal, besonders für die Debatten der Veteranen interessieren würden. Viele Medien, auch wir, haben dem Rückblick auf das Jahr 1968 viel Zeit und Raum gewidmet, und zum Jahrestag des Prager Frühlings tun sie (und wir) das noch einmal.

Aber wenn nicht alles täuscht, hat unser Publikum eine sehr feine Auswahl getroffen. Jan Gerchow, der Chef des Historischen Museums in Frankfurt, hat in "seiner" 68er-Ausstellung nennenswertes Interesse bei Nachgeborenen beobachtet. Allerdings: Weder die dumpf-provokative Gleichsetzung der 68er mit Nazis durch einen gewendeten Veteranen wie Götz Aly weckt ihr Interesse noch die Kritik an dieser These.

Gerchow beobachtet, dass Jüngere "sich für den Protest und seine Ausdrucksformen interessieren". Denn: "Die verstehen, dass '68 viel mit der Popkultur zu tun hat, die sie heute selbst auch pflegen."

Protest und Popkultur: Das hat mit der Gegenwart so viel zu tun wie mit den so unterschiedlichen 68ern in Prag oder Paris. Die im engeren Sinn politischen Abläufe und ihre Folgen sind so gut wie abgehakt. Die Liberalisierung der Gesellschaften, die ja die Protestler in beiden Blöcken wollten, ist - ob gesellschaftlich oder ökonomisch - vollzogen, der Muff der 50er gar nicht mehr und das Leben hinter der Mauer immer weniger vorstellbar.

Aber wie eine Generation sich in allen Lebensäußerungen von vermeintlichen Zwängen zu befreien suchte, das interessiert auch die Jungen.

Sie haben dafür ihre Gründe. Denn so selbstverständlich die Freiheiten heute sind, für die damals gekämpft wurde - als das Paradies, zu dem in Wohlstand ergraute Veteranen die gegenwärtige Welt verklären wollen, empfinden die Jungen sie nicht. Denn diese globalisierte Generation ist mit ihren eigenen Risiken aufgewachsen.

Mit dem Prekären, das den vielfältigeren Lebenschancen eben auch anhaftet. Mit dem Autoritären, das auch in Demokratien und Marktwirtschaften seine Blüten treibt und die Freiheit auf ganz neue Weise bedroht.

So wie der siegreiche Kapitalismus sich entwickelt, wird der Protest nicht ausbleiben. Und wenn dabei ein Lied vorkommt, das die Alten von 68 kennen, dann sollen sie sich von Herzen freuen.

Autor:  STEPHAN HEBEL
Datum:  21 | 8 | 2008
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