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Leserbericht: Dubcek in die DDR

Notstandsmarsch auf Bonn - und Demo-Heimkehrer rufen unerhörte Parolen in Ostberlin.

Seit Beginn der Großen Koalition, die ab Ende 1966 regierte und knapp drei Jahre später endete, wurden in Bonn die Notstandsgesetze parlamentarisch diskutiert und außerparlamentarisch heftig kritisiert. Dazu fanden sich gesellschaftlich relevante Gruppen - unter ihnen auch die Gewerkschaften - zu einer großen Allianz zusammen. Die Berliner Studentenschaft war natürlich mit von der Partie und beteiligte sich in Berlin mit zahlreichen Veranstaltungen.

Höhepunkt der Aktionen war der Notstandsmarsch auf Bonn am 11. Mai 1968. Dazu hatte der AStA der Freien Universität einen Sonderzug gechartert. Der Zug verließ Berlin am Abend. Ein Auge zugetan haben wir nicht, sondern politisch diskutiert, und kreative Geister unter uns erfanden und reimten unzählige Slogans, die wir den Bonnern am nächsten Tag entgegenschmettern sollten. Und als Notstandsschreck tauchte das Ehepaar Klarsfeld vor den Abteilen auf, um die reisenden Studenten aufzuschrecken. Am frühen Morgen kamen wir in Bonn an. Die Stadt schlief noch. Die aus den Medien hinreichend bekannten, gefürchteten, Demo-erprobten Berliner Studenten besetzten friedlich das Beinahe-Heiligtum der Stadt: den Münsterplatz. Dem verdutzten Beethoven wurde eine rote Fahne in den Arm gelegt. Er nahm es gelassen hin.

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Entgegen allen Befürchtungen der Bonner verliefen alle sternenförmigen Demonstrationszüge und die Versammlung selbst auf der Hofgartenwiese mit geschätzten 50 000 Menschen friedlich.

Bei der Rückfahrt nach Berlin waren die Energien verbraucht, und der Schlaf übermannte die meisten von uns. Der Zug aus dem Westen kam in der (Ostberliner) Friedrichstraße an. Die Volkspolizei stand mit glänzenden Augen auf den Bahnsteigen. Die Studenten hatten es dem Erzfeind in Bonn gezeigt! Dann aber fing irgendjemand von uns an und murmelte einen neuen Slogan, der mit der Zeit laut, deutlicher und auch vernehmbar wurde: "Dubcek in die DDR - Dubcek in die DDR".

Eine Reaktion der Staatsmacht haben wir nicht festgestellt, aber wir waren es losgeworden. Und das war uns wichtig. Passiert ist uns nichts, aber Angst hatten wir trotzdem. Am 21. August 1968 war dann mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts alles vorbei.

Rainer Krippendorff, Bonn

Datum:  14 | 6 | 2008
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