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Leserbericht: Reinliches Sit-in mit Picknick

Wie Schüler maßvoll die Revolte übten

An der Robert-Koch-Realschule in Frankfurt vollzog sich zunächst Protest in erlahmender Be- reitschaft zum Auswendiglernen von ausschließlich deutschen Liedern. Dann wehrten wir Neuntklässler uns gegen einen schlüsselwerfenden und ohrfeigenden Physiklehrer: Er musste vorsichtiger werfen.

Die höchste Protestform war aus heiterem Himmel und Übermut ein Sit-in. Statt wie blöd im Pausenhof zu lungern oder rumzurasen schlugen einige vor, sich niederzulassen. Eine Decke war schnell aufgetrieben. Reinlich sollte es beim Picknick und Klamauk sein. Alle liefen zusammen und starrten belustigt auf die "Aktion". Der Aufsichtslehrer düste herbei und schwieg überrascht.

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Schüler des benachbarten Leibniz-Gymnasiums warben einen plötzlich für einen Schülerrat, der den Lehrern endlich mal richtig einheizen würde. Die Oberschüler tauchten am Zaun unserer Schule auf und verteilten Frei-Exemplare des Heftes "Underground", Titelbild: eine Bombe mit brennender Zündschnur.

Das Ziel unserer Abschlussfahrt war das Kleinwalsertal. Unser Klassenlehrer diktierte mehr oder weniger den Ablauf. Als ich bei diversen Verkündigungen des öfteren "Jawoll" rief, bestellte er mich zu einem Gespräch unter vier Augen. Zudem betraute er mich mit einem erzieherischen Literatur-Auftrag: Ich sollte über das Buch von Wolfgang Leonhard "Die Revolution entlässt ihre Kinder" vor der Klasse referieren. Es handelte von der Stalinisierung der KPD/SED.

Mit dem Frankfurter Jugendamt reiste ich erneut ins beschauliche Kleinwalsertal. Ich gehörte plötzlich zu einer Gruppe älterer Jugendlicher in Jeansjacken und langen Haaren. Als wir durch die Dörfchen Rietzlern und Scheidegg liefen, klappten viele Bewohner die Fensterläden mit Herz zu. Stein des Anstoßes waren unter anderem die Fahrradketten, die mancher von uns als Halbstarker in der Hand hatte.

An Wochenenden ging es in die Diskothek Spinne in Höchst, große dunkle Verließe am Mainufer. Genau das richtige für uns als paarungswillige Generation, getragen vom süffigsten Beat, Blues und Soul aller Zeiten. Ja, Drogenkarrieren starteten auch im Freundeskreis und mancher blieb in den Folgejahr(zehnt)en auf der Strecke.

Thomas Künzer, Wetzlar

Datum:  19 | 7 | 2008
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