Wie wichtig ist es für Sie, Berufliches von Privatem zu trennen?
In meiner Tätigkeit brauche ich eine professionelle Distanz...
Marianne Birthler, 61, ist seit 2000 Stasi-Beauftragte. Die Berlinerin arbeitete nach dem Studium zunächst im DDR-Außenhandel ehe sie sich ab Mitte der 70er Jahre in den Dienst der evangelischen Kirche stellte und gegen das DDR-Regime opponierte. Für das Bündnis 90 saß sie noch kurze Zeit in der Volkskammer. Der ersten brandenburgischen Landesregierung gehörte Birthler zwei Jahre als Bildungsministerin an.
Nur zufällig wurde jüngst bekannt, dass auch der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras - er erschoss 1967 Benno Ohnesorg - Stasi-Mitarbeiter war. Birthler wies die Kritik zurück, ihre Behörde hätte dies selber aufdecken müssen.
...eine Hornhaut auf der Seele?
Gewiss nicht. Aber eine Operationsschwester, die täglich viel Leid sieht, muss ja auch tagsüber konzentriert arbeiten und abends abschalten können. Unsere Arbeit beschäftigt sich mit dunklen Aspekten der DDR-Geschichte, da treffe ich täglich auf menschlichen Kummer, Unterdrückung und Schmerz. Das fällt zuweilen schwer. Das ist sicher ein seelischer Balanceakt.
Was motiviert die Mitarbeiter Ihrer Behörde am stärksten?
Das Gefühl, dass wir an etwas noch nie Dagewesenem arbeiten. Die systematische und inhaltliche Aufarbeitung von Unterlagen einer Geheimpolizei, die aneinandergestellt eine Länge von fast 160 Kilometern haben. Und diese Unterlagen werden für die geöffnet, die damals bespitzelt wurden. So etwas hat es auf der ganzen Welt noch nicht gegeben.
Zum zweiten Mal nach 1945 machen sich die Deutschen daran, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Macht Sie das stolz?
Die Ostdeutschen können stolz darauf sein, dass diese Akten nicht vernichtet wurden und heute zugänglich sind. Das war nicht von allen gewollt und musste für das vereinte Deutschland noch mal erkämpft werden. Aufarbeitung ist bis heute sehr wichtig für das Seelenheil von vielen Menschen. Durch das Studium der eigenen Akte kann jeder Betroffene erkennen, ob er Nachbarn, Freunden oder Kollegen falsches Vertrauen gewährt hatte. Aber auch, dass sein Misstrauen gegen den einen oder anderen ungerechtfertigt gewesen ist. Besonders die Menschen, die von der Staatssicherheit verfolgt und zersetzt wurden, brauchen die Akten um zu verstehen, was damals geschah. Die Akten beweisen, dass ihnen Unrecht geschehen ist.
Was unterscheidet den Umgang mit den Gräueln der Vergangenheit nach 1945 und nach 1989 voneinander?
Die Verbrechen der Nazi-Zeit hatten ein solches Ausmaß und die internationale Ächtung war so umfassend, dass die Deutschen keine andere Wahl hatten, als sich der Vergangenheit zu stellen. Das haben sie nicht unbedingt freiwillig gemacht und viele versuchten die Aufarbeitung auch zu vermeiden. Aber nur so konnten sie sich mit den ehemaligen Feinden versöhnen. Damit, das darf man nicht vergessen, war letztlich auch das Fundament für die europäische Integration gelegt.
Haben Sie selbst erlebt, dass Stasi-Mitarbeiter oder Spitzel echte Reue zeigen?
Sehr, sehr selten. Aber die wenigen Fälle, in denen ich Zeugin wurde, wenn Menschen bekannten: Ich war auf der falschen Seite, ich habe Menschen verraten, ich habe Irrtümer begangen - das ist sehr berührend, und es verändert viel. Diese Leute sind aus meiner Sicht ziemlich gefeit gegen neue Verführungen.
Bedeutet solch ein Bekenntnis nicht einen totalen Bruch in der eigenen Biografie?
Natürlich. Es kann eine Biografie ganz schön durcheinanderbringen, wenn man sich eingesteht, Jahre seines Lebens durch falsche Ideen verloren, anderen geschadet zu haben. Aber billiger ist Versöhnung - auch mit sich selbst - eben nicht zu haben.
Kennen Sie eigentlich bei den Tätern unterschiedliche Schuldklassen?
Schuldklassen - ein merkwürdiges Wort. Aber natürlich gibt es Unterschiede. Schon zu DDR-Zeiten wussten wir, dass es skrupellose Ideologen gab. Und Überzeugungstäter, die nach bestem Wissen und Gewissen handelten. Und Karrieristen, die ihre Augen zumachten, weil sie es zugunsten des eigenen Aufstiegs nicht genauer wissen wollten. Und schließlich gab es auch diejenigen, die nur ihre Brutalität auslebten. Wieder andere haben nach kurzer Zeit die Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit aus Gewissensgründen beendet. Deshalb plädiere ich bei der Frage, wie man einen Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi beurteilt, immer dafür, den Einzelfall zu prüfen. Nur so wird man Menschen gerecht.
Setzte die DDR-Diktatur auf niedere Instinkte?
Eine alte Weisheit besagt: In Diktaturen werden die Guten besser und die Schlechten schlechter. Menschen mit kriminellen Tendenzen bekommen regelrecht Aufwind in einer Diktatur. Und andererseits wachsen Menschen, die moralisch tief gegründet sind und feste Überzeugungen haben, unter den Bedingungen eines totalitären Staats oft über sich selbst hinaus. Da entsteht eine moralische Trennscheide: Wie mutig bin ich eigentlich? Stellen Sie sich ein Elternpaar vor, das gegen das Regime opponiert. Allein die Frage, was sie den eigenen Kindern erzählen können, immer in der Angst, dass die sich in der Schule verplappern - das kann sie innerlich zerreißen.
Wie haben Sie selbst als Mitglied der Opposition sich entschieden?
Ich habe meinen Kindern nichts vorgemacht. Zu Hause wurde geredet, wie uns der Schnabel gewachsen war, auch über politische Dinge. Aber wir haben unseren Kindern eingeschärft: Darüber sprichst du aber bitte nicht in der Schule.
Nach vielen Jahren einer Tätigkeit, bei der Sie in charakterliche Abgründe geblickt haben: Ist der Mensch böse?
Nein. Jedenfalls sehe ich ihn heute nicht düsterer als früher. Im Gegenteil, ich bin oft erstaunt über die Menschen, die es in der DDR auf bewundernswerte Art und Weise geschafft, ihre Würde zu bewahren.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Es gibt Hunderte Beispiele, dass Menschen nicht so einfach von der Macht verführbar sind. Die Stasi hat sich mit der Anwerbung von Mitarbeitern viel Mühe gegeben. Die Betreffenden wurden genau überprüft, Charakterprofile angefertigt. Dann wurde festgelegt, wie die Anwerbung verlaufen soll. Trotz der ausgeklügelten Taktik hat mehr als die Hälfte derer, die die Stasi anwerben wollte, nicht mit ihr zusammengearbeitet. Das find ich toll.
Wie entsteht in Menschen so etwas wie eine innere Stimme, ein Gespür für Gut und Böse?
Der Grundstein dafür wird sehr früh in der Kindheit gelegt. Meine Erfahrung ist: Ein Mensch, der in glücklichen Verhältnissen aufgewachsen ist und ein Gefühl für die eigene Würde und Integrität entwickeln konnte, kann diese auch beim Anderen erkennen und respektieren. Und er steht dann auch dagegen auf, wenn die Menschenwürde angegriffen wird.
Günter Grass nannte die DDR eine kommode Diktatur...
...,woran ich merke, dass immer noch viel zu wenige Menschen wissen, was in den 40 Jahren SED-Diktatur wirklich passiert ist. Es gab mehr als 200 000 politische Gefangene, hinter der Mauer waren 17 Millionen Menschen eingesperrt. Wer fliehen wollte, riskierte sein Leben. Auch wer sich nicht anpasste, lebte gefährlich. Nein, an dieser Diktatur war nichts kommod.
Dennoch ist vielen Ostdeutschen der Übergang in die Demokratie schwer gefallen.
Man kann Diktaturen nicht wirklich verstehen, wenn man nicht auch ihre verführerischen Seiten betrachtet. Unfreiheit hat auch etwas Bequemes. Wenn man nur Befehle befolgt, kann man keine Fehler machen und muss auch keine Verantwortung übernehmen. Viele waren vielleicht deshalb enttäuscht, weil sie sich die neue Freiheit wie einen gemütlichen Ohrensessel vorgestellt hatten. Nach 40 Jahren in diesem überdimensionalen Laufstall DDR weht ihnen nun der Wind der Freiheit um die Ohren. Damit kommt so mancher nicht zurecht.
Bedauern Sie auch, dass nur so wenige Täter des SED-Regimes Gefängnisstrafen bekamen?
Mir ging es weniger um Gefängnisstrafen als darum, dass die Täter sich vor einem Gericht zu verantworten haben. Dass dies nicht geschah, ist eine Zumutung für alle diejenigen, deren Leben zerstört worden ist. Die Gesetze der Bundesrepublik sind gemacht worden, um Konflikte in einer Demokratie zu regeln. Für die Aufarbeitung eines Unrechtsstaats taugen sie nur begrenzt.
Interview: Michael Gleich, Hajo Schumacher