"Dieser Ausgang ist gesperrt", rief ein Berliner Polizist nicht unfreundlich, aber stereotyp knapp den Passanten im Zwischengeschoss des S-Bahn-Ausgangs am Brandenburger Tor zu. Ohne Umwege kam in Berlin-Mitte kaum jemand durch an diesem 9. November, 20 Jahre danach.
Ein paar hundert Meter weiter standen gleich mehrere Polizeieinheiten wartend im Regen. Hier wurde unübersehbar an Größerem gearbeitet. Nicht wenige Beamte hatten die Dominosteine zu bewachen, die quer durch das ganze Regierungsviertel mit Scharnieren am Boden befestigt waren. Kaum auszudenken, wenn irgendein Tölpel unbefugt und vor der Zeit hier durchstolpern würde. Auf Kommando fiel die Styropor-Mauer schließlich nach Plan - ein karnevalesker Einfall zur Belustigung des einstmals revolutionär gestimmten Volkes.
Dass der Domino-Tag samt seiner symbolischen Kippeligkeit vor allem zur Erzeugung pittoresker Fernsehbilder abgehalten wurde, ist charakteristisch für die Feierlichkeiten des 9. Novembers 2009. Das Fallen der Steine wird noch für so manche Bilderspur in den bevorstehenden Jahresrückblicken sorgen. Das Volk kam diesmal als Kulisse und nicht als historischer Akteur.
Uungerührt zeigte sich wieder einmal die in Kupfer getriebene Quadriga von Johann Gottfried Schadow auf dem 26 Meter hohen und 65,5 Meter breiten Brandenburger Tor - das markanteste Geschichtszeichen der Deutschen. Von Napoleon geraubt und von Feldmarschall Blücher zurückgeholt, war die Siegesgöttin auf dem Tor zunächst ein Symbol kriegerischer deutscher Selbstbehauptung. Inzwischen verkörpert sie mit Eleganz und historischer Patina den Freiheitsdrang der Ostdeutschen.
Staatsakt, Rockkonzert und Marathonlauf - das Brandenburger Tor verleiht nahezu jedem Anlass die gebotene Würde mit Pathosgarantie. Da dürfte es auf dem diplomatischen Parkett inzwischen auch vergessen sein, dass dem späteren US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama im Sommer des vergangenen Jahres der Auftritt vor der preußischen Prunkkulisse verwehrt wurde. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mochte dem Wahlkämpfer Obama seinerzeit keinen Bilderbonus vorm Tor gewähren, so dass dieser schließlich zur kaum weniger symbolträchtigen Siegessäule auswich.
Man mag die Mixtur aus Staatsakt, wissenschaftlicher Konferenz, Gedenkandacht und Herbstkirmes reichlich überorchestriert empfinden, mit dem der 20. Jahrestag des Mauerfalls als Medienspektakel ausgetragen wurde. Die geschichtliche Bedeutung der Ereignisse vor und nach dem 9. November 1989 wird jedenfalls kaum in Frage gestellt, wenn die Bürger und Passanten die angestrengten Versuche, dem Ereignis eine feierliche Form zu geben, eher mit Skepsis betrachten.
Das bisherige Eventmarketing hat ohnehin ergeben, dass die symbolische Indienstnahme des Brandenburger Tores Rockstars wie Bono und Läufern wie Haile Gebreselassie weit besser gelingt als den jeweiligen politischen Repräsentanten.
So wichtig es zweifellos ist, dass eine stets fragile und widersprüchliche nationale Identität Erinnerungstage zur Selbstvergewisserung hat, so gewiss ist es doch auch, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch ein Fest der Freiheit zu verordnen ist. Die Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls sind denn auch eher als Blaupause für das zu betrachten, was in Zukunft in Fünf- und Zehnjahresschritten immer wieder an symbolpolitischer Gestaltungsfreude aufgerufen werden wird. Man sollte die Lernfähigkeit von Festtagsdesignern nicht überschätzen, ihnen diese aber nicht von vornherein absprechen.
Wer verlässliche Auskunft über den Stand der inneren Einheit haben möchte, wird sich aber wohl die Mühe machen müssen, vergleichend durchs Brandenburgische und Anhaltinische, aber auch durchs Württembergische zu fahren. Vor Ort in Stadt und Land erlebt man die stärksten Eindrücke von Einheits- und Gemeinschaftsbildung nicht zuletzt durch das nachhaltige Bedürfnis nach Differenz. Dominosteine fallen bisweilen auch hier, aber das wird nicht immer gefilmt.