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Montagsdemos in Leipzig: "Wir sind das Volk"

Der 9. Oktober gilt als Initialzündung für die friedliche Revolution in der DDR. An dem Abend vor 20 Jahren erlebt Leipzig die größte Protestdemonstration seit dem niedergeschlagenen Volksaufstand vom 17. Juni 1953.

Tobias Hollitzer, Vereinsvorsitzender des Bürgerkomitee Leipzig e.V.,  an der Gedenktafel der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig. Das Gebäude, wurde am 4. Dezember 1989 von Demonstranten besetzt und ist heute Museum.
Tobias Hollitzer, Vereinsvorsitzender des Bürgerkomitee Leipzig e.V., an der Gedenktafel der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig. Das Gebäude, wurde am 4. Dezember 1989 von Demonstranten besetzt und ist heute Museum.
Foto: dpa

Leipzig. Immer wieder erklang der Ruf "Wir sind das Volk". Menschen um Menschen reihten sich in den Zug durch die Leipziger Innenstadt. Am 9. Oktober 1989 gingen in der sächsischen Großstadt 70.000 Menschen auf die Straße und forderten Freiheit und Demokratie. An dem Abend vor 20 Jahren erlebte Leipzig die größte Protestdemonstration der DDR seit dem niedergeschlagenen Volksaufstand vom 17. Juni 1953.

Der 9. Oktober gilt als Initialzündung für die friedliche Revolution in der DDR. Die "Heldenstadt" würdigt das historische Geschehen ausgiebig. Zu einem Festakt werden am 9. Oktober Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwartet. Höhepunkt soll ein Lichtfest werden. Lichtinstallationen markieren die Route des historischen Demonstrationszuges.

Auch die Nikolaikirche, deren Friedensgebete einst Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen wurden, steht im Blickpunkt. Pfarrer Christian Führer, der damals zu einer der Symbolfiguren wurde, sagt: "Der Erfolg der friedlichen Revolution ist überwältigend. Alles, was gefordert wurde, ist erfüllt. Wir haben in ganz Deutschland Demokratie. Die unmenschliche Grenze ist weg. Jetzt ist Deutschland offen." "Ich feiere mit, das ist doch klar", sagt auch Walter Christian Steinbach. Nachdenklich setzt der frühere Pfarrer hinzu: "Aber der 9. Oktober 1989 ist in keiner Weise wiederholbar." Steinbach gehörte zur kirchlichen Opposition und hatte 1980 das Christliche Umweltseminar Rötha gegründet, das auf katastrophale Umweltzerstörungen aufmerksam machte. Die friedliche Revolution beförderte den heute 65-Jährigen zum Behörden-Chef. Er ist seit 1991 Regierungspräsident in Leipzig.

Steinbach erinnert sich an die Pfarrer-Dienstbesprechung mit dem Bischof wenige Tage vor der großen Demonstration. "Uns allen war klar, wir würden auf einen ganz besonderen Montag zugehen." Schließlich sei beschlossen worden, dass es in allen Leipziger Kirchen an diesem 9. Oktober Gebete für einen friedlichen Ausgang der Demo geben sollte. Zudem hatten sich sechs Leipziger um den Star- Dirigenten Kurt Masur mit einem Aufruf unter dem Leitgedanken "Keine Gewalt" an die Öffentlichkeit gewandt.

"Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche gingen wir auf den Augustusplatz. Die Stimmung war sehr ernst und gespannt", erzählt Steinbach. Doch trotz befürchteter Repressalien der Staatsmacht sei es wie ein innerer Zwang gewesen zu demonstrieren. Den Mutigen von Leipzig standen 8000 Polizisten, Kampfgruppenmitglieder und Soldaten gegenüber. Doch es fiel kein einziger Schuss. An der Ecke Augustusplatz/Grimmaer Straße, "wo die Hoffnung aufkeimte, es könnte eine friedliche Revolution werden", wird künftig eine "Demokratieglocke" an die Ereignisses des Herbstes 1989 erinnern.

Für Ex-Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der mit seiner legendären Rede vom Balkon der Prager Botschaft tausenden DDR- Flüchtlingen ihre Ausreise in den Westen verkündet hatte, ist Leipzig "die Stadt der deutschen Freiheitsrevolution von 1989". Hier habe sich die Frage entschieden: Freiheit oder Unterdrückung, sagte Genscher vor kurzem in Leipzig. "Freiheit, Frieden und Verantwortung wurden hier zum Dreiklang." Doch auch in anderen Orten in der DDR gab es immer größere Protestdemonstrationen gegen die SED-Diktatur. Zu den Protagonisten gehörte damals auch Tobias Hollitzer. Er besetzte mit dem Bürgerkomitee die Leipziger Stasi-Zentrale und ist bis heute dort tätig - als Leiter der Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke", wie das Volk die Stasi-Zentrale damals nannte. Mit seinen Mitstreitern erarbeitete der gelernte Möbeltischler und -Restaurator die Sonderausstellung "Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution".

Autor:  Gitta Keil, dpa
Datum:  8 | 10 | 2009
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