Karel Gott als Rock'n'Roller: 1968 lieferte der Sänger den Soundtrack zum neuen Lebensgefühl in seiner Heimat. Politisch wollte er dabei nie sein. Und beugte sich dann doch dem Druck des Regimes.
Panzer zielen auf Menschen.
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Panzer zielen auf Menschen.
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Der Sound ist wuchtig, kristallklar klingen die Bläser der Bigband im Saal; die Menschen im Parkett, auf den Rängen und sogar im Rücken der Musiker kreischen ohrenbetäubend - doch über allem liegt der durchdringende Tenor von Karel Gott. Halb Prag, so scheint es, hat sich in den Lucerna-Palast am Wenzelsplatz gedrängt, wo der neue Held seinen großen Auftritt hat. Es ist das Jahr 1968, die Stadt ist süchtig nach Rock'n'Roll und niemand anders rockt so wie Karel Gott.
Innig zelebriert er die Songs auf der Bühne, er bewegt sich so wie die Stars aus dem Westen, zuckt ekstatisch mit den Hüften, wirft die gut geölte Schmalztolle nach hinten. Und er singt: "It takes a worried man to sing a worried song"; Rock'n'Roll im Bigbandformat. Wer dem Spektakel beiwohnt, vergisst für einen Moment den real existierenden Sozialismus der 60er. Der Soundtrack zum Prager Frühling klingt nach Swing und Rock, er klingt nach Westen, und Karel Gott ist der Mann der Stunde, der diesen Sound herüberbringt.
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Aus der Traum: Soldaten des Warschauer Pakts am 21. August 1968 in Prag.
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Aus der Traum: Soldaten des Warschauer Pakts am 21. August 1968 in Prag.
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Die Geschichte von Karel Gott begann in den 60er Jahren. Die Tschechoslowaken hatten genug vom Sozialismus und der Mangelwirtschaft. Sie lechzten nach allem, was aus dem Westen kam - und die Musik brachte ihnen zumindest die Illusion von Freiheit. "Die Lieder aus dem Westen klangen so anders als unsere eigenen, in denen immer die Angst vor den Ideologen mitschwang," erinnert sich Karel Gott heute im Gespräch.
Der Sänger war damals gerade 20 Jahre alt geworden; offiziell war er Elektro-Installateur, aber eigentlich fühlte er sich als Rock'n'Roller. Er stylte sich so, wie er es von den Plattencovern aus dem Westen kannte: lange Haare, mächtige Koteletten, Schlaghosen und weit geöffnete Hemden. Zu seinem ersten Auftritt kam er bei einem Talentwettbewerb. Danach sang er sich von der Provinz bis in die Hauptstadt Prag vor.
Der Prager Frühling
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Das politische Tauwetter war in der CSSR durch ein Reformprogramm der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubcek ausgelöst worden. Ziel war die Demokratisierung und Liberalisierung - ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz".
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Im Februar '68 hebt Dubcek die Pressezensur auf. Am 27. Juni erscheint das von zahlreichen Intellektuellen unterschriebene "Manifest der 2000 Worte" von Ludvik Vaculik, in dem die Weiterführung des Reformprozesses gefordert und die "Irrtümer des Sozialismus" kritisiert werden. Die KP nimmt das als Misstrauenserklärung wahr. Gleichzeitig wächst der Druck Moskaus auf die tschechischen Reformer.
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In der Nacht vom 20. auf den 21. August macht die Sowjetunion dann Ernst. Truppen des Warschauer Paktes besetzen die Tschechoslowakei, um den Satellitenstaat wieder auf Kurs zu bringen.
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Nennenswerter militärischer Widerstand wird nicht geleistet. Trotzdem sterben beim Einmarsch der Truppen 98 Tschechen und Slowaken. Ungefähr halb so viele Besatzer werden getötet.
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Die Bevölkerung steht dem Einmarsch der Truppen ohnmächtig gegenüber.
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In Demonstrationen bekundet sie ihre Ablehnung.
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Ortstafeln und Straßenschilder werden verdreht, übermalt oder abmontiert, selbst hergestellte Plakate aufgehängt, auf denen die Besatzer verspottet werden und zum passiven Widerstand aufgerufen wird.
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Panzer werden in Brand gesteckt.
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In der Nähe des Prager Rundfunks brenneen Barrikaden.
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Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass berichtet, beim Warschauer Pakt sei ein Appell aus der Tschechoslowakei eingegangen, in dem um Hilfe gegen konterrevolutionäre Kräfte ersucht worden sei.
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So stellen die Zeitungen der Ostblock-Staaten die Situation in der CSSR auch dar.
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Die Behauptung, die Kommunistische Partei der CSSR habe um den Einmarsch gebeten, wird von tschechoslowakischer Seite geschlossen dementiert. Obwohl Teile der KP den Reformprozess tatsächlich ablehnten.
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In den ersten Tagen der Besatzung hält die KP einen Kongress ab, der die Besatzung verurteilt und die Regierung Dubcek im Amt bestätigt.
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Obwohl Staatspräsident Ludvik Svoboda in einer Radioansprache dazu aufruft, die Ruhe zu bewahren, und Dubcek und andere Regierungsmitglieder in Moskau inhaftiert werden, gehen die Proteste weiter.
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Der Druck der Besatzer auf die Bevölkerung nimmt zu.
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Panzer auf dem Prager Wenzelsplatz.
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Noch werden Dubcek und Svoboda in der Tschechoslowakei gefeiert, hier von Pragern auf einem LkW.
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Die Euphorie des Widerstands hält noch ein paar Tage an.
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"Wir wollen keine Verräter als Regierende. Neutralität. Nieder mit den Besatzern" steht auf dieser Wand in Prag.
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Immer öfter kommt es zu Schusswechseln.
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Verletzte und Tote werden beklagt.
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Eine Fünfjährige und ein 14jähriger geraten in eine Demonstration. Es fallen Schüsse; die beiden werden tödlich verwundet.
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Trauerzug für einen während der Okkupation Getöteten.
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Beim Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes werden auch zahlreiche Häuser zerstört. Hier betrachten Prager ihre bei der Invasion zerstörten Häuser.
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Im westlichen Ausland gibt es zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Das Bild zeigt die belagerte Sowjetische Militärmission in Frankfurt.
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In Frankfurt demonstrieren am 22. August 4000 Menschen auf dem Römerberg gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in der CSSR. Der Leiter des Bonner Büros von Radio Prag, Dr. Vilem Fuchs, spricht.
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Die CSSR protestiert offiziell gegen die Besatzung: Der tschechoslowaksiche Aussenminister Hajek verliest eine Klage vor dem Weltsicherheitrat.
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Alle Proteste nutzen nicht: Die Sowjetunion setzt ihren harten Kurs fort. Präsident Svoboda wird zu Verhandlungen nach Moskau gerufen. Er muss zusammen mit den in Haft gehaltenen Regierungsmitgliedern ein "Moskauer Protokoll" unterzeichen, das alle Reformen zurücknimmt.
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Dubcek darf seine Ämter vorerst behalten und zurück nach Prag reisen, wo er von der Bevölkerung begeistert empfangen wird. Aber bald wird deutlich, dass der dritte Weg, der Sozialismus mit menschlichem Antlitz, gescheitert ist. Zehntausende Tschechoslowaken, vor allem Facharbeiter und Intellektuelle, verlassen ihr Land. Die Dagebliebenen leiden unter "Säuberungen".
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Aus Protest gegen das Scheitern des Reformprozesses verbrennt sich der Student Jan Palach am 19. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz. Einen Monat später tut Jan Zajic es ihm nach.
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Während der "Prager Frühling" in Westeuropa große Zustimmung findet, wird das Vorgehen in Tschechien und der Slowakei oft kritischer gesehen: Es habe sich um einen Machtkampf innerhalb der KP gehandelt. Die Abschaffung des Unrechtsstaats habe nicht zur Debatte gestanden. Und das Vorgehen Dubceks habe dazu geführt, dass die CSSR bis ins Jahr 1989 eines der repressivsten Länder des Ostblocks geblieben sei.
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300.000 Soldaten aus Bulgarien, Polen, Ungarn und der UdSSR überschreiten in der Nacht zum 21. August 1968 die tschechoslowakische Grenze und beenden den "Prager Frühling" mit Waffengewalt.
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Das Publikum liebte seine Stimme, und Karel Gott sang instinktiv immer genau das, was viele Leute hören wollten. Sinatra, Elvis, die Beatles, das waren seine Lieder.
Die Originalversionen konnte damals niemand kaufen, es gab sie höchstens auf dem Schwarzmarkt, und da kosteten sie locker den Wochenlohn eines Fabrikarbeiters. Also hörten sie sich an den neuen Melodien satt, wenn Karel Gott sie sang. Studenten waren in seinen Konzerten und Arbeiter, Männer und Frauen - er war gewissermaßen ein Rocker für die ganze Familie.
Es ist, als habe Karel Gott in diesen Monaten des Prager Frühlings Popularität getankt. Seither verehren ihn die Tschechen, und Karel Gott muss geduldig sein. Beim Besuch im Café zum Beispiel zahlt er den Preis für seine Berühmtheit: Der Oberkellner in dem noblen Haus am Prager Wenzelsplatz erstarrt kurz vor Ehrfurcht, als er begreift, wer da gerade eintritt, und als er die Situation erfasst, verbeugt er sich tief und ruft aus Leibeskräften: "Meister, herzlich willkommen bei uns!" Die Gespräche ringsum brechen ab, alle drehen sich um zu dem Mann, der sich eigentlich nur unterhalten und seinen Cappuccino trinken will.
Wo Karel Gott ist, das lernt man an seinem Tisch als Erstes, da ist auch die Bühne. Die Ehrerbietungen des Kellners nimmt er höflich und wortkarg entgegen, bleibt auch entspannt, als dieser vor Hochachtung beinahe vergisst, die Bestellung aufzunehmen. Die Gäste ringsum werden zu Zuschauern, die sich vergeblich bemühen, nicht herüberzuschauen. In Tschechien ist Karel Gott ein Phänomen; nicht nur ein Schlagersänger wie in Deutschland, sondern ein Superstar - der einzige, den das Land hat. Zwar wohnt er in einer Villa am Rande der Innenstadt, doch sein Erscheinen in der Öffentlichkeit ist stets ein Event. "Mistr" nennen sie ihn hier, Meister. Mit diesem Ehrentitel gehen die Tschechen sparsam um und ein bisschen willkürlich: Neben Karel Gott trägt ihn nur noch Jan Hus, der christliche Reformator aus dem Mittelalter.
Die Historiker haben längst ein Schlagwort gefunden für die Welle, die ihn damals in den 60ern nach ganz oben gespült hat: "Integration von westlichen Impulsen", sagen die Zeitgeschichtsforscher über die Ära, in der die kommunistische Führung das Land behutsam öffnete. Die neue Musik mochten sie selbst nicht, die Parteichefs - aber sie erkannten, dass sie das Volk damit ruhig halten konnten wie sonst nur mit den niedrigen Bierpreisen.
"In der Tschechoslowakei gab es in den 60er Jahren einen bemerkenswerten Freiraum für junge Kultur", sagt der Historiker Peter Bugge. "Das war eine einfache Gleichung, an die sich auch das Regime hielt: National sein hieß modern sein - und wer modern sein wollte, der musste damals eben Rock'n'Roll spielen."
Die erste Karel-Gott-Single erschien 1963, ein Lied aus dem Westen: "Moon River" auf tschechisch trieb die Verkaufszahlen in Dimensionen, die in der sozialistischen Tschechoslowakei noch niemand erreicht hatte. Gott übersetzte den Text, weil es das Regime so verlangte, einfach ins Tschechische. "Das war damals der Vorteil", sagt der Sänger, "mit den Vorlagen aus dem Westen konnten wir machen, was wir wollten." Keine Urheberrechts-Regelungen, keine Lizenzgebühren bremsten die Kreativität von Übersetzern und Interpreten.