Wer die alten Berichte aus Prag liest, der ist verblüfft wie blind einen die Hoffnung damals machen konnte -und wie anders das heute aussieht.
Ein Auto, viele Panzer, und trotzdem wollte man lange glauben, sie würden nicht eingesetzt.
Foto: Getty Images
Ein Auto, viele Panzer, und trotzdem wollte man lange glauben, sie würden nicht eingesetzt.
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Wer auf der Website der Frankfurter Rundschau die Möglichkeit nutzt, die Zeitung des Jahres 1968 zu lesen, dem wird klar, wie hinfällig die Urteile einer Tageszeitung sind, wie blind gegenüber einer dem späteren Betrachter als evident erscheinenden Realität. Das hat nichts mit der Intelligenz des Beobachters, mit seinen Kenntnissen und seinen Vorurteilen zu tun. Auch den Klügsten fehlt der Abstand und gerade dem Klügsten ist klar, dass alles auch ganz anders kommen kann, als er es sich denkt. Beides trübt den Blick.
Wer in diesen Tagen die alten Berichte aus Prag liest, die Kommentare über die Entwicklungen dort, der ist verblüfft, wie blind einen die Hoffnung damals machen konnte. Russische Panzer waren längst - zu Übungszwecken - in der Tschechoslowakei, da hielten sich viele, vielleicht sogar die meisten, noch an der Illusion fest, die Panzer würden nicht eingesetzt.
Im Böhlau-Verlag ist in zwei Bänden eine Dokumentation "Prager Frühling - Das internationale Krisenjahr 1968" erschienen. Der erste Band - 1296 Seiten - versammelt Beiträge von mehr als siebzig Autoren zur Geschichte des Prager Frühlings - also auch zum Beispiel des tschechoslowakischen Films -, zur Rolle der Sowjetunion, der USA, der DDR, der BRD. Die Rolle auch der westlichen Geheimdienste wird ebenso wenig ausgespart wie zum Beispiel der Einsatz weißrussischer Spezialeinheiten.
Wer aus aktuellem Anlass heute zum Beispiel das Kapitel über die georgischen Reaktionen auf den Prager Frühling und seine Niederschlagung liest, der erfährt, dass die Sowjetunion weniger den Bazillus Demokratie fürchtete als vielmehr den des Nationalismus. Wenn Prag ein eigener Weg gestattet worden wäre, dann hätte Tiflis den auch für sich beansprucht. Hier sah man in Moskau die wirkliche Bedrohung des Vielvölkerstaates Sowjetunion.
Der Prager Frühling
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Das politische Tauwetter war in der CSSR durch ein Reformprogramm der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubcek ausgelöst worden. Ziel war die Demokratisierung und Liberalisierung - ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz".
Foto: dpa, 1968
Im Februar '68 hebt Dubcek die Pressezensur auf. Am 27. Juni erscheint das von zahlreichen Intellektuellen unterschriebene "Manifest der 2000 Worte" von Ludvik Vaculik, in dem die Weiterführung des Reformprozesses gefordert und die "Irrtümer des Sozialismus" kritisiert werden. Die KP nimmt das als Misstrauenserklärung wahr. Gleichzeitig wächst der Druck Moskaus auf die tschechischen Reformer.
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In der Nacht vom 20. auf den 21. August macht die Sowjetunion dann Ernst. Truppen des Warschauer Paktes besetzen die Tschechoslowakei, um den Satellitenstaat wieder auf Kurs zu bringen.
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Nennenswerter militärischer Widerstand wird nicht geleistet. Trotzdem sterben beim Einmarsch der Truppen 98 Tschechen und Slowaken. Ungefähr halb so viele Besatzer werden getötet.
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Die Bevölkerung steht dem Einmarsch der Truppen ohnmächtig gegenüber.
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In Demonstrationen bekundet sie ihre Ablehnung.
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Ortstafeln und Straßenschilder werden verdreht, übermalt oder abmontiert, selbst hergestellte Plakate aufgehängt, auf denen die Besatzer verspottet werden und zum passiven Widerstand aufgerufen wird.
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Panzer werden in Brand gesteckt.
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In der Nähe des Prager Rundfunks brenneen Barrikaden.
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Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass berichtet, beim Warschauer Pakt sei ein Appell aus der Tschechoslowakei eingegangen, in dem um Hilfe gegen konterrevolutionäre Kräfte ersucht worden sei.
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So stellen die Zeitungen der Ostblock-Staaten die Situation in der CSSR auch dar.
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Die Behauptung, die Kommunistische Partei der CSSR habe um den Einmarsch gebeten, wird von tschechoslowakischer Seite geschlossen dementiert. Obwohl Teile der KP den Reformprozess tatsächlich ablehnten.
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In den ersten Tagen der Besatzung hält die KP einen Kongress ab, der die Besatzung verurteilt und die Regierung Dubcek im Amt bestätigt.
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Obwohl Staatspräsident Ludvik Svoboda in einer Radioansprache dazu aufruft, die Ruhe zu bewahren, und Dubcek und andere Regierungsmitglieder in Moskau inhaftiert werden, gehen die Proteste weiter.
Foto: dpa, 1968
Der Druck der Besatzer auf die Bevölkerung nimmt zu.
Foto: ap, 1968
Panzer auf dem Prager Wenzelsplatz.
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Noch werden Dubcek und Svoboda in der Tschechoslowakei gefeiert, hier von Pragern auf einem LkW.
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Die Euphorie des Widerstands hält noch ein paar Tage an.
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"Wir wollen keine Verräter als Regierende. Neutralität. Nieder mit den Besatzern" steht auf dieser Wand in Prag.
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Immer öfter kommt es zu Schusswechseln.
Foto: dpa, 1968
Verletzte und Tote werden beklagt.
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Eine Fünfjährige und ein 14jähriger geraten in eine Demonstration. Es fallen Schüsse; die beiden werden tödlich verwundet.
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Trauerzug für einen während der Okkupation Getöteten.
Foto: dpa, 1968
Beim Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes werden auch zahlreiche Häuser zerstört. Hier betrachten Prager ihre bei der Invasion zerstörten Häuser.
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Im westlichen Ausland gibt es zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Das Bild zeigt die belagerte Sowjetische Militärmission in Frankfurt.
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In Frankfurt demonstrieren am 22. August 4000 Menschen auf dem Römerberg gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in der CSSR. Der Leiter des Bonner Büros von Radio Prag, Dr. Vilem Fuchs, spricht.
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Die CSSR protestiert offiziell gegen die Besatzung: Der tschechoslowaksiche Aussenminister Hajek verliest eine Klage vor dem Weltsicherheitrat.
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Alle Proteste nutzen nicht: Die Sowjetunion setzt ihren harten Kurs fort. Präsident Svoboda wird zu Verhandlungen nach Moskau gerufen. Er muss zusammen mit den in Haft gehaltenen Regierungsmitgliedern ein "Moskauer Protokoll" unterzeichen, das alle Reformen zurücknimmt.
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Dubcek darf seine Ämter vorerst behalten und zurück nach Prag reisen, wo er von der Bevölkerung begeistert empfangen wird. Aber bald wird deutlich, dass der dritte Weg, der Sozialismus mit menschlichem Antlitz, gescheitert ist. Zehntausende Tschechoslowaken, vor allem Facharbeiter und Intellektuelle, verlassen ihr Land. Die Dagebliebenen leiden unter "Säuberungen".
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Aus Protest gegen das Scheitern des Reformprozesses verbrennt sich der Student Jan Palach am 19. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz. Einen Monat später tut Jan Zajic es ihm nach.
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Während der "Prager Frühling" in Westeuropa große Zustimmung findet, wird das Vorgehen in Tschechien und der Slowakei oft kritischer gesehen: Es habe sich um einen Machtkampf innerhalb der KP gehandelt. Die Abschaffung des Unrechtsstaats habe nicht zur Debatte gestanden. Und das Vorgehen Dubceks habe dazu geführt, dass die CSSR bis ins Jahr 1989 eines der repressivsten Länder des Ostblocks geblieben sei.
Mehr Bilder aus '68
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300.000 Soldaten aus Bulgarien, Polen, Ungarn und der UdSSR überschreiten in der Nacht zum 21. August 1968 die tschechoslowakische Grenze und beenden den "Prager Frühling" mit Waffengewalt.
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dpa, 1968
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Linkspartei in der Krise
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Der zweite Band bringt auf 1589 Seiten Zeitdokumente. Das erste stammt vom 1. Februar 1968. Das letzte trägt die Nummer 232 und stammt vom 4.Juni 1971. Es ist die Liste der mit Orden auszuzeichnenden sowjetischen Besatzer der Tschechoslowakei.
Das Mammutprojekt ist das Produkt der Zusammenarbeit u.a. österreichischer, tschechischer, russischer, amerikanischer und deutscher Stellen. Der Dokumentenband erscheint in deutsch und russisch. Die Aufsätze werden demnächst in einer Auswahl in englisch und russisch erscheinen. Vergleichbar intensiv und extensiv ist bisher - blocküberschreitend - wahrscheinlich kein Abschnitt der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bearbeitet worden. Leider ist die Hoffnung gering, dass das, wie es 1968 hieß, "nur ein Anfang" sein könnte. Die Archive - nicht nur in Russland - werden wieder geschlossen. Man muss befürchten, dass die beiden schwer gewichtigen Bände in den Bibliotheken stehen werden als Marksteine eines kurzen Augenblicks in der Geschichte, in der West- und Osteuropa, Russland, der Kaukasus und die baltischen Staaten - natürlich fehlen auch sie nicht - bereit waren, auch unangenehme Augenblicke ihrer gemeinsamen Geschichte gemeinsam anzusehen.
Am 8.Mai 1968 trafen sich die Führer der Kommunistischen Parteien der Sowjetunion, Bulgariens, Ungarns, der DDR und Polen. Sie bestärkten einander in dem Eindruck, dass man den Kampf gegen Dubcek und seine Genossen in der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei aufnehmen müsse. Er treibe das Land dem Westen in die Arme. Breschnew, Gomulka, Kadar, alle fanden, man könne das konterrevolutionäre Treiben der Reformer um Dubcek nicht länger zulassen, man müsse viel energischer eingreifen. Es war Walter Ulbricht, der - so das hier als Dokument 77 veröffentlichte Protokoll - den Vorschlag machte: "Was die militärischen Manöver in der Tschechoslowakei betrifft, so wäre es gut, sie so zu organisieren, dass sich die dorthin entsandten Truppen ein wenig länger dort aufhalten und entlang der Grenze der BRD patrouillieren können."
Man kann sich das Grinsen der Herren am Tisch im Kreml vorstellen. Aber noch votierte Breschnew für Zurückhaltung. Beim Lesen in den beiden Bänden wird einem klar, wie lange es manchmal dauert und von welchen Zufällen es abhängt, bis das später als so selbstverständlich Erscheinende Wirklichkeit wird. Und wie schnell und unwiderruflich es dann mit einem Male auch gehen kann. Am 21. August rollten die von Ulbricht gepriesenen Panzer in Prag ein. Vorbei war die Illusion eines Sozialismus mit menschlichem Gesicht.
Prager Frühling - Das internationale Krisenjahr 1968. Stefan Karner u.a. (Hg.),
70s/w-Abbildungen, 84,90