Er hat sich herangeschlichen. Nah, so nah wie möglich. "Das Foto hätte ich sonst auf keinen Fall machen können", sagt Günther Jäkel und deutet auf eines der Bilder an der Wand. "Denn selbstverständlich war es Angehörigen der DDR-Grenztruppen verboten, sich vom Klassenfeind fotografieren zu lassen. Wenn die Posten das bemerkten, waren sie blitzschnell verschwunden." Also war der Klassenfeind mit der Kamera äußerst vorsichtig, weshalb auch das Bild der Männergruppe weit hinter dem Stacheldraht, dem Metallgitterzaun, den Minen und Selbstschussanlagen recht unscharf geworden ist. Jäkel lächelt. "Aber Hauptsache, ich habe es."
Und der Mann hat noch viel, viel, viel mehr. Mehr Fotos, aber auch unzählige andere Exponate. Ob Orden, ob Haushaltsgeräte, ob das berühmte DDR-Sandmännchen oder Uniformen, die er auf zig Schaufensterpuppen drapiert hat - der 71 Jahre alte Sammler stellt eine Fülle von Stücken zur Geschichte der deutschen Teilung aus. Versammelt sind sie in zwei Kellerräumen im Rodgauer Stadtteil Nieder-Roden. In ihnen hat Jäkel ein beeindruckendes privates DDR-Museum geschaffen.
Es verblüfft, dass ausgerechnet mitten im Rhein-Main-Gebiet die Treppe hinunter zu der riesigen Sammlung führt, vorbei am Original-Schild "Achtung! Nach 10 m Grenze". Doch es ist wahrlich kein Zufall, dass Jäkel im Wortsinne nichts liegen lässt, was in irgendeiner Form an diesen Teil der Geschichte erinnert. Denn: Von 1958 bis 1966 hat der in Schlesien geborene und in Bayern aufgewachsene Mann selbst beim Bundesgrenzschutz im Grenzdienst gearbeitet, genauer: im Hünfelder Abschnitt zwischen Fulda und Bad Hersfeld - am Todesstreifen.
Was er an der hessisch-thüringischen Grenze erlebt hat, kann der Mann so eindrucksvoll erzählen, dass ein Rundgang durch das kleine, überbordende Museum leicht mehrere Stunden dauern kann, so viel gibt es zu sehen und zu hören. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf die insgesamt 1393 Kilometer lange deutsch-deutsche Grenze, die von Lübeck bis Hof im Fichtelgebirge reichte, sondern hat auch beispielsweise viele Alltagsgegenstände vom Thüringer Porzellan über gelbe Erbsen bis hin zum Radio Stern Elite oder einem Postkasten zusammengetragen, die von jenseits des einstigen Sperrgebietes stammen, also aus der ganzen Ex-DDR.
Was ihn treibt, findet Jäkel am besten in einem Zitat von Richard von Weizsäcker formuliert: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart." Dieser Leitgedanke habe ihn motiviert, das Museum aufzubauen und vor allem jüngeren Menschen nahe zu bringen, wie es wirklich war, als der deutsche Osten vom Westen abgeschnitten war. Der Wahl-Rodgauer, der nach seiner Zeit im Grenzdienst in der Rhön ins Rhein-Main-Gebiet zog, um bis zum Ruhestand bei der Post in Offenbach zu arbeiten, betont: "Die deutsche Teilung darf nicht vergessen werden."
Kein Wunder, dass der Vater von drei Kindern und drei Enkeln sofort nach der Grenzöffnung mit seiner kürzlich verstorbenen Frau aufbrach, um durch Thüringen zu reisen. "Das Landesinnere konnte ich ja beim Grenzschutz nicht mit meinem Fernglas erkunden." Er schwärmt. "Es ist herrlich, vor allem die Menschen dort." Auch drei Stiefgeschwister in Langensalza hat er erst nach der Wende kennengelernt.
Jäkels erstes Fundstück fürs spätere Privatmuseum war ein Käppi der DDR-Grenztruppen, das er wie so viele andere Gegenstände auf dem Flohmarkt gefunden hat. "Auch bei meinen Reisen in Ostdeutschland habe ich immer gesucht und manches entdeckt." Er schmunzelt. "Und von den Grenzanlagen habe ich ebenfalls viel mitgenommen." Sogar Originalteile einer Grenzsäule sind zu sehen. "Mehr als das Bruchstück konnte ich nicht in den Kofferraum laden, denn die ganze Säule war acht Zentner schwer."
Jäkel zeigt ein Hausbuch, das in der DDR von den Bewohnern zu führen war. "Jeder Besucher musste bei der Volkspolizei gemeldet werden." Er erzählt mit dem Blick auf eine kleine Kleiderpuppe in Jungpionier-Uniform von der sozialistischen Erziehung, schwenkt plötzlich zum Thema Staatssicherheit. Alte Pässe in Vitrinen, Länder-Grenzsteine in den Ecken, Apfelsaft von einst: Das Museum ist übervoll mit Geschichten. Das gilt auch für seinen engagierten Betreiber.
Jäkel öffnet das DDR-Museum auf Anfrage unter der E-Mail-Adresse DDR.Museum-Rodgau@t-online.de oder unter Telefon 06106/16743.