Richard von Weizsäcker hat als Bundespräsident die deutsche Einheit leidenschaftlich, aber kritisch begleitet. Ein FR-Gespräch über den Zeitdruck nach dem Mauerfall, die Schwächen des Kapitalismus und das liebenswert Preußische im ostdeutschen Soldaten.
Richard von Weizsäcker, 1920 in Stuttgart geboren, war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. In seine Amtszeit fielen die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Wiedervereinigung.
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Richard von Weizsäcker, 1920 in Stuttgart geboren, war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. In seine Amtszeit fielen die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Wiedervereinigung.
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Herr Bundespräsident, Sie haben am 3. Oktober 1990, in Ihrer berühmten Rede zur Wiedervereinigung, gesagt: "Das alte System ist nicht zuletzt an seiner ökonomischen Krise gescheitert." Taugt dieser Satz heute wieder als Warnung?
Das ist nur ein Satz aus einem längeren Zusammenhang. Im Übrigen: Jedes System läuft Gefahr, sich selbst zu diskreditieren, natürlich. Das eine schneller als das andere. Das eine besser vorhersagbar als das andere. Allerdings sind die Korrekturkräfte, die unterwegs wirken, bei jedem System unterschiedlich. Sie sind unvergleichbar. Was das kapitalistische System betrifft: Natürlich sind seine Anführer zunächst selbst daran schuld, wenn es nicht funktioniert - vor allem dann, wenn sie nicht daran gedacht haben, dass der Gründer des Marktsystems, Adam Smith, zugleich einer der großen Ethiker seiner Zeit war. Wenn man seinem Weg folgt, bleibt das Marktsystem korrigierbar.
Zur Person
Das Buch
Richard von Weizsäcker, 1920 in Stuttgart geboren, war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. In seine Amtszeit fielen die friedliche Revolution in der DDR, die deutsche Wiedervereinigung, aber auch die rechtsradikale Gewaltwelle Anfang der 90er Jahre. In seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes nannte Weizsäcker den 8. Mai 1945 einen "Tag der Befreiung" vom Nationalsozialismus und prägte damit das Geschichtsbild der jüngeren Generationen.
Als Präsident des Evangelischen Kirchentags amtierte er von 1964 an insgesamt neun Jahre, von 1967 bis 1984 gehörte er zudem der Synode und dem Rat der Evangelischen Kirche an.
CDU-Mitglied seit 1954, war er von 1966 bis 1984 auch im Bundesvorstand. Mit Heiner Geißler arbeitete er federführend am 1978 beschlossenen Grundsatzprogramm. Von 1981 bis 1984 war er Regierender Bürgermeister von Berlin, wo er heute wieder lebt. Als Bundespräsident ließ er die CDU-Mitgliedschaft ruhen und nahm sie seither nicht wieder auf. (sgey)
Richard von Weizsäckers neues Buch "Der Weg zur Einheit" ist im C.H. Beck-Verlag erschienen. Es beschreibt nicht nur die politischen Entscheidungen nach dem Mauerfall, sondern auch die Zeit der deutschen Teilung.
Richard von Weizsäcker, 1920 in Stuttgart geboren, war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. In seine Amtszeit fielen die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Wiedervereinigung.
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Richard von Weizsäcker, 1920 in Stuttgart geboren, war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. In seine Amtszeit fielen die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Wiedervereinigung.
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Wenn Sie sagen, die Krise ist im Kommunismus "besser vorhersagbar", meinen Sie damit, dass sie auch im Kapitalismus mit eingebaut ist?
Im Kommunismus ist vor allem die mangelnde Korrekturfähigkeit mit eingebaut. Es fehlt die Freiheit. Ansonsten gilt, die Menschen sind und bleiben verführbar. Auf jedem Wege. Die entscheidende Korrekturmöglichkeit ist das demokratische System.
Die Mauer - Symbol der Teilung
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Die Mauer - Symbol der Teilung
Kurz zuvor, am Morgen des 13. August 1961, haben DDR-Streitkräfte im Ostteil der Stadt Straßensperren aus Stacheldraht in Richtung Westen aufgebaut.
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Der Grund für die Abriegelung: Der DDR laufen die Bürger scharenweise davon - die Mauer soll den ständig steigenden Strom von Flüchtlingen nach Westberlin aufhalten.
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Am 15. Juni 1961 fragt die Berliner Korrespondentin der Frankfurter Rundschau, Annamarie Doherr, DDR-Staatschef Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz, ob er "mit allen Konsequenzen" am Brandenburger Tor eine Staatsgrenze einrichten wolle. Seine Antwort geht in die Geschichte ein: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."
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Dabei drängt Ulbricht gegenüber der Vormacht Sowjetunion schon seit 1952 auf einen Riegel mitten durch Berlin. Doch Moskau zögert, fürchtet die Reaktion der Westmächte.
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Die Entscheidung fällt offenbar erst wenige Tage vor dem 13. August 1961. Einige Historiker glauben, der Mauerbau sei Anfang August in Moskau beschlossen worden, wo die Ostblockführer zusammentrafen.
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Der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls", der unter dem Decknamen "Aktion Rose" läuft, besiegelt die Teilung Deutschlands.
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Die Mauer trennt Familien: Zwei Berliner Mädchen sprechen mit ihren Großeltern im Ostteil von Berlin.
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Mütter winken ihren Kindern und Enkelkindern in Ostberlin zu.
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In der DDR aber gibt es von Anfang an Widerstand gegen die Mauer. Stasi-Berichte verzeichnen "größeren Unmut bei Jugendlichen". Es gab Aufschriften wie "Wer Mauern baut, hat es nötig".
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In den drei Wochen nach dem Mauerbau werden 6000 Menschen festgenommen, 3000 bleiben inhaftiert. Das Bild zeigt amerikanische Soldaten an der alliierten Kontrollbaracke am "Checkpoint Charlie".
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17. August 1962: DDR-Grenzposten tragen den leblosen Körper des Flüchtlings Peter Fechter weg. Einem Freund, mit dem der 18-Jährige über die Mauer geklettert war, gelingt die Flucht; Fechter selbst wird auf der Mauer niedergeschossen und fällt auf die Ostberliner Seite zurück.
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Die DDR-Grenzer lassen den 18-Jährigen 50 Minuten lang hilflos liegen, bevor sie ihn bergen. Fechter verblutet. Sein Tod erregt großes Aufsehen, wird zum Symbol der Unmenschlichkeit dieser Grenze.
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Zwischen 1961 und 1989 sterben an der Grenze mehr als 900 Menschen, darunter Rudolf Urban. An ihn erinnert diese Tafel an der Bernauer Straße.
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Immer wieder wird die deutsch-deutsche Grenze in Berlin zum Schauplatz der Konfrontation: Am 28. Oktober 1961 fahren sowjetische Panzer am "Checkpoint Charlie", dem Sektorengrenzübergang für Diplomaten und Ausländer in der Friedrichstraße, auf. Tags zuvor haben amerikanische Panzer unmittelbar an der Grenzlinie Aufstellung genommen.
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26. Juni 1963: US-Präsident John F. Kennedy schaut von einer Plattform in der Friedrichstraße über die Berliner Mauer in den Ostsektor der geteilten Stadt. Hunderttausende jubeln Kennedy zu, als er vor dem Schöneberger Rathaus seine Rede mit den berühmten Worten "Ich bin ein Berliner" hält.
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Der Berlin-Berater Kennedys, Lucius D. Clay, zieht sich an der Mauer hoch, um einen Blick auf das Brandenburger Tor zu werfen.
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Das wohl berühmteste Bild einer Flucht aus der DDR gelingt dem Fotografen Peter Leibing. Er drückt auf den Auslöser, als der Volkspolizist Conrad Schumann im August 1961 während des Mauerbaus in den Westen springt.
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Der Westberliner Student Klaus-Michael von Keussler gehört zu einer Gruppe von Fluchthelfern, die einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch graben. Im Oktober 1964 gelingt 57 Menschen unterirdisch die Flucht. Rund 70 Tunnel zwischen Ost-und West-Berlin sind heute bekannt.
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Die innerdeutsche Grenze durchzieht bald das ganze Land: Blick vom Philippsthal (Osthessen) über die Grenze zur DDR und die Mauer auf das thüringische Vacha (Archivbild vom 27. April 1977).
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1989: Kurz nach dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung kommt Erich Honecker zu später Einsicht, lässt die Mauer einreißen, entschuldigt sich und tritt zurück ... Ok, ganz so spektakulär wie in "Goodbye Lenin" kam es nicht daher, das Ende der DDR ...
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... sondern so: Günter Schabowski, damals Politbüromitglied, tritt am 9. November 1989 vor die Presse und verkündet wie nebenbei die Öffnung der Berliner Mauer.
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November 1989: DDR-Grenzsoldaten helfen einem Kind auf die Mauer, um ihm einen Blick auf den Westen zu ermöglichen.
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11. November 1989: Jubelnde Menschen haben sich mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer niedergelassen. Nach der Öffnung eines Teils der Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisen Millionen DDR-Bürger für einen Kurzbesuch in den Westen.
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Grenzübergang im osthessischen Philippstal am 12. November 1989.
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Grenzübergang Stubenrauchstraße am 14. November.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Der letzte sozialistische Bruderkuss - als Grafitti auf der Mauer, die Deutschland fast 30 Jahre lang trennte.
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Rückblick: Berlin im August 1961. Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten beginnen Handwerker mit dem Bau einer mannshohen Mauer an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze (hier am Potsdamer Platz).
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Fotostrecken Politik
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Linkspartei in der Krise
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Ist es Zufall, dass der Finanzmarktkapitalismus erst richtig über die Stränge schlägt, seit der Ostblock Geschichte ist?
Wenn Sie damit sagen wollen, dass der Ostblock als Existenz die Rettung des Kapitalismus vor eigenen eingebauten Fehlern war, dann widerspreche ich eindeutig. Aber ich fürchte, dass unkontrollierte, ungebremste Abweichungen von der Marschroute meines Freundes Adam Smith immer eine Versuchung bleiben werden.
Macht Ihnen die aktuelle Situation Sorgen?
Ja, natürlich. Schauen Sie sich das Beispiel Großbritannien an. Dort hat eine ganz außerordentlich florierende Wirtschaftsindustrialisierung dem Land genützt. Daraus hat Großbritannien im Grunde eine unkontrollierte, unkontrollierbare Finanzindustrie gemacht.
Auf wen bauen Sie denn in Deutschland, damit Vergleichbares verhindert wird?
Auf die Demokratie und die lebhafte öffentliche Auseinandersetzung! Das ist die einzige Kraft, auch wenn natürlich auch sie manchmal keinen Weg weiß.
Die öffentliche Debatte hat nicht verhindert, dass ab Anfang der 90er Jahre diejenigen Oberhand gewannen, die einen starken Staat lästig finden. Die Besteuerung von Unternehmen, von Einkommen, von Gewinn, von Reichtum wurde zurückgefahren, der Kündigungsschutz gelockert...
Dass der Staat sich aus der Wirtschaft heraushalten oder zurückziehen möge, hat er als Mahnung auch schon vorher ständig gehört - und eben mal befolgt und mal nicht. Vor und nach der Vereinigung. Sie suchen nach einem Unterschied des staatlichen Eingreifens vor und nach der Vereinigung, den ich nicht so scharf sehe.
Kommen wir zur Rolle der Menschen in diesem vereinten Staat. In Ihrer Rede 1990 haben Sie auch gesagt: "Sich zu vereinen, heißt teilen lernen." Haben wir ausreichend teilen gelernt?
Noch nicht. Was die rein materielle Seite betrifft, so haben wir natürlich teilen gelernt. Aber es geht in dem Satz ja um weit mehr als das Materielle, das der Staat verteilt. Es gab die Frage nach einem zweiten Lastenausgleich, mitgetragen durch die westlichen Bürger selbst. Dem wurde leider keine angemessene Diskussion gewidmet. Wir in Westdeutschland haben ja nach 1945 viele Millionen Heimatvertriebene aufgenommen, was sowohl materiell richtig und notwendig war, als auch im Sinne einer inneren Anteilnahme. Die Vereinigung von 1990 als etwas zu begreifen, was uns persönlich auch materiell angeht, gerade auch im Westen - das wäre hilfreich gewesen. Die meisten Westdeutschen haben sich gefreut über die Vereinigung und ihr Leben weitergeführt und die Folgen anderen überlassen, ich will nicht sagen dem Lieben Gott, aber jedenfalls dem gemeinsamen Staat. Dass es interessant und lohnend und auch menschlich bewegend ist, sich persönlich umzusehen in den östlichen Bundesländern, hätte für mich auch zu dem Aspekt gehört, "Sich vereinigen, heißt teilen lernen", sich als Bürger selbst zu beteiligen.
Um trotzdem noch einmal die materielle Seite zu beleuchten...
Sie sind Materialisten, meine Herren!
Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch "Der Weg zur Einheit" auch die erfreulichen Entwicklungen etwa in Dresden und Leipzig. Andernorts im Osten gibt es verheerende ökonomische Probleme - genau wie in manchen West-Regionen, etwa an Rhein und Ruhr. Droht uns eine neue Teilung, diesmal zwischen Besitzenden und Besitzlosen?
Mit dem Begriff Teilung kommen wir der Antwort auf diese Frage nicht nah. Was war denn das Motiv von Schröder, als er seine Agenda 2010 einführte? Es ging doch darum, den Gedanken nach einer zunehmenden Teilung, wie Sie sie ansprechen, entgegenzuwirken. Und das war nach meiner Überzeugung vollkommen richtig ...
Dass dieser Weg schwer zum Erfolg zu führen ist, haben wir ja alle erlebt. Menschen denken primär eben an ihre eigenen Vorteile. Wir kommen nun mal nicht als Engel auf die Welt. Teilen lernen, das ist nicht leicht.