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Schriftsteller Zafer Senocak: "Ein Drittel wird aussortiert"

Schriftsteller Zafer Senocak spricht über Bildungspolitik, unfriedliche Religionen und die Vorzüge Frankfurts in der Serie "Was ist deutsch?".

Schriftsteller Zafer Senocak schreibt auf Türkisch und auf Deutsch.
Schriftsteller Zafer Senocak schreibt auf Türkisch und auf Deutsch.
Foto: wiki/ Michael Lucan /GFDL

Was bedeutet Ihr Nachname auf Deutsch?

Alle türkischen Namen haben eine Bedeutung. Bis in die 30er Jahre hatten viele Türken gar keine Familiennamen. Unter Kemal Atatürk wurde ihnen verordnet, einen auszuwählen. Und mein Großvater, der Selige, hat sich für "Frohheim" entschieden, was ich lustig finde.

Sie sind in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen. Inwieweit ist die deutsche Sprache ein Teil Ihrer Identität?

Ich arbeite mit der deutschen Sprache, in der Sprache, um die Sprache herum. Ich erfinde neue Wörter, lege alte ab, versuche Wörter anders zu besetzen. Mit der Sprache kann man am tiefsten in ein Land einwandern. In seine Geschichte, Empfindungen, Urteile und Vorurteile. All die Lasten und Freuden sind darin beheimatet. Aber auch die türkische Sprache ist in mir lebendig, ich schreibe ja auch türkische Texte.

Was können Sie besser auf Deutsch, was besser auf Türkisch ausdrücken?

Die beiden Sprachen sind in meinem Kopf stark getrennt. Wie zwei unterschiedliche Territorien, mit wenig Vermischung. Ich kann beispielsweise auf Türkisch keine Essays schreiben. Das würde nicht gelingen. Denn mit meiner essayistischen Arbeit knüpfe ich eindeutig an deutsche Traditionen an, an Philosophen wie Schleiermacher, Benjamin, aber auch an Historiker wie Ranke und Mommsen.

Seit einigen Jahren wird in Deutschland darüber gestritten, ob es sinnvoll sei, Einwanderer mit einem Deutschtest zu behelligen. Auf welcher Seite stehen Sie?

Es wird immer so getan, als sei es eine Zumutung für Zuwanderer, die deutsche Sprache zu lernen. Ich sehe vielmehr die Chance, die Sprache zu entdecken, sich mit ihr zu entwickeln, am Leben hier teilzunehmen.

Erkennen Sie Fortschritte in der Integrationspolitik in Deutschland?

Wenig. Auch die Form und Inhalte der Debatten darüber halte ich für völlig veraltet. Sie sind noch tief im 19. Jahrhundert verwurzelt in der Phase, als die Nationalstaaten entstanden. Das war damals der Versuch, Strukturen zu schaffen, die strikt zwischen dem Eigenen und dem Fremden unterscheiden. Hier stehe ich, dort sind die anderen. Mit schrecklichen Folgen für Europa und die ganze Welt, wie wir spätestens seit den beiden Weltkriegen wissen.

Was hat sich seitdem getan?

Nach 1945 wurde das Thema Migration 50 Jahre lang ins Tiefkühlfach gesteckt. Das ist fatal! Deutschland ignorierte schlicht die Notwendigkeit, eine Haltung dazu zu entwickeln. Jetzt ist es Zeit, das Phänomen Einwanderung endlich ins 21. Jahrhundert zu führen. Aber nicht nur bei uns, auch in anderen Ländern, die gerne auf uns zeigen und sich hinter unseren Problemen mit dem Thema verstecken.

Wie könnte denn eine zukunftsgerichtete Haltung aussehen, um aus den Endlosschleifen der Diskussion herauszukommen?

Das Wichtigste wäre anzuerkennen, dass wir ganz am Anfang stehen. Wenn wir ehrlich sind, haben wir keine Ahnung, was eine deutsche Identität in Europa in Zukunft bedeuten könnte. Identität wird zu einer dynamischen Angelegenheit. Sie verändert sich, vermischt sich, sie fließt. Wie das Surfen im Internet, das ist für mich eine Metapher dieses Schwimmens zwischen Orten und Kulturen. Wir müssen eine Heimat im Fließen finden.

War Integration einfacher in den 70er Jahren, als Sie nach Deutschland kamen?

Die Situation war übersichtlicher. Als ich in München zur Schule ging, spielte die Frage, wer und was denn deutsch sei, überhaupt keine Rolle. Sie wurde höchstens von ein paar Spinnern gestellt, die politisch sofort im Abseits standen. Als ich die ersten Gedichte und Geschichten veröffentlichte, war ich halt ein angehender Dichter unter vielen anderen. Sah ein wenig anders aus, hatte einen komischen Namen, aber darum wurde kein Aufhebens gemacht. Es kam höchstens vor, dass jemand einen türkischen Text übersetzt haben wollte. Ich war ein Deutscher mit einem türkischen Pass.

Heute haben Sie einen deutschen Pass...

...und werde plötzlich als Ausländer gesehen. Das kam auch durch die Debatten der 90er Jahre über Migration. Dass ich plötzlich ein Ausländer sein soll, erscheint mir zwar höchst seltsam. Aber genau solche Verwerfungen und Paradoxien werden das 21. Jahrhundert prägen.

Halten Sie die Integrationspolitik in Deutschland für gescheitert?

Nicht die Integrations-, sondern die Bildungspolitik. Das dreigliedrige Schulsystem Hauptschule, Realschule, Gymnasium produziert Jahr für Jahr ein Drittel Jugendlicher, die auf dem Markt überhaupt keine Chance mehr haben. Ich finde es unglaublich, dass sie einfach aussortiert werden. Hier geht es nicht um türkisch oder deutsch, sondern um die soziale Frage. Die betrifft die gesamte Gesellschaft. Und wenn man sie gesamthaft stellen würde, könnte man Zuwanderer, ob Türken oder Russlanddeutsche, viel besser ins Boot holen. Die bekämen das Signal: Es geht um ein Problem, das uns vereint und nicht trennt.

Mit muslimischen Einwanderern scheint Deutschland die größten Probleme zu haben.

Dabei wird vergessen, dass es gerade in diesem Land sehr altes Wissen über den Koran gibt. Die deutsche Orientalistik genoss früher Weltruf, das Interesse am Orient ging bis auf Goethe zurück. Davon ist viel in Vergessenheit geraten. Ein Kernproblem der Konflikte liegt in der Ignoranz von Teilen der muslimischen Welt. Sie wollen nicht erkennen, dass ihre Religion geeignet ist, Gewalt zu schüren.

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Datum:  28 | 7 | 2009
Seiten:  1 2
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