kalaydo.de Anzeigen

Sekt für Marx

40 Jahre nach 1968 benennen linke Studenten die Universität wieder um - für eine halbe Stunde

Die Erregung hält sich dann doch arg in Grenzen. Da gibt es keine pochenden Halsschlagadern aufgebrachter Universitätspräsidenten, keine wüsten Auseinandersetzungen, kein entrüstetes Kopfschütteln. Da hängt einfach ein weißes Plakat über dem Eingang zur Mensa. "Karl-Marx-Universität" steht darauf.

Aber es ist ja auch erst der Anfang. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, sagt Serdar Damar, sei auch schon lange gegründet gewesen, "ehe es dann 1968 richtig los ging". Es ist also noch Zeit. Und die beginnt an diesem Dienstagmittag mit Marx' symbolischer Rückkehr in die Universität. Wobei er genau genommen natürlich nie weg gewesen ist.

Den Hausmeister nicht verärgern

Für Serdar Damar und die "Genossen" von der Hochschulgruppe Die Linke.SDS verknüpft sich die symbolische Umbenennung der Universität mit ihren Forderungen - damals wie heute. Im April 1968 sei die Uni von Studenten umgetauft worden, um gegen geplante Hochschulreformen wie etwa eine "straffere Ordnung" oder die Zweiteilung des Studiums zu protestieren. "Ähnliche Probleme beschäftigen uns auch heute", sagt Damar. Die neoliberale Gestaltung der Uni sei in vollem Gange.

Nur das Erregungspotenzial solcher Aktionen hält sich 2008 in Grenzen. Vor 40 Jahren geriet Hochschulrektor Walter Ruegg vollkommen außer sich, als die Studenten den neuen Namen anschlugen. Jetzt bewegen sich indessen nicht einmal die Gardinen im zehnten Stock des Juridicums gegenüber der Mensa, also dort, wo der Präsident sitzt. Und auch die Professoren streiten nicht, sie gehen vorüber. Damar erklärt sich das aus den "Einschüchterungen" des Präsidiums: Seit die Umwandlung in eine Stiftungsuniversität beschlossen sei, trauten sich die Professoren nicht mehr, von der Linie des Präsidiums abzuweichen, sagt er. Also verteilen die "Genossen" Flugblätter unter dem Transparent und stoßen mit Sekt an auf die erfolgreiche Umbenennung ihrer Hochschule, immerhin erst der zweiten einer langen Historie.

Als sich Marx' Rückkehr nach einer halben Stunde dem Ende zuneigt, diskutieren sie noch, ob man das Transparent nicht besser abnimmt, um den Hausmeistern keinen Ärger zu machen. Es bleibt dann aber doch hängen.

Autor:  FELIX HELBIG
Datum:  23 | 4 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken