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Sexuelle Revolution: Antifaschismus im Bett

Im Kampf für sexuelle Befreiung verstieg sich die Neue Linke zum Vergleich "Drittes Reich" und Adenauer-Staat.

Uschi Obermaier posiert oben ohne unter freiem Himmel (Archivfoto von 1970). Für die bürgerliche Welt der 60er Jahre war ihr Leben ein einziger Skandal: freie Liebe, das unkonventionelle Leben in der Kommune I, Drogen und wilde Parties mit Rockstars empfanden viele als Inbegriff der Dekadenz.
Uschi Obermaier posiert oben ohne unter freiem Himmel (Archivfoto von 1970). Für die bürgerliche Welt der 60er Jahre war ihr Leben ein einziger Skandal: freie Liebe, das unkonventionelle Leben in der Kommune I, Drogen und wilde Parties mit Rockstars empfanden viele als Inbegriff der Dekadenz.
Foto: dpa

Eine Wohnungseinrichtung im Gelsenkirchener Barock, an der Wand ein "Röhrender Hirsch", auf dem Regal ein Foto des im Ostfeldzug gefallenen Onkels. Die Wohnung peinlich sauber gehalten von der stets putzenden Ehefrau. Die Kinder, in strahlend weißen Kniestrümpfen beim Sonntagsspaziergang, Spielen mit Matsch strengstens verboten, beim Schlafengehen haben die Hände über der Bettdecke zu bleiben…

Diese Horrorvision der bürgerlichen Kleinfamilie war für die 68er etwas, das der Nationalsozialismus und das Nachkriegsdeutschland gemeinsam hatten. Der "Muff von 1000 Jahren" saß aus ihrer Sicht nach wie vor in allen Ecken der Bundesrepublik. Besonders die Orte der Sozialisierung - Familie, Schule, Universität - standen im Fokus ihrer Veränderungsbestrebungen, weil in ihnen autoritätshörige und für den Faschismus anfällige Menschen herangebildet würden.

Die Elterngeneration ihrerseits nahm sich, belächelt von den Kindern, in Büchern und Filmen des Themas Sexualität an.
Die Elterngeneration ihrerseits nahm sich, belächelt von den Kindern, in Büchern und Filmen des Themas Sexualität an.
Foto: ap

Das verklemmte Verhältnis zur Lust, zu Sauberkeitswahn und Hierarchiegläubigkeit hingen für die 68er eng miteinander zusammen und kennzeichneten für sie sowohl den Faschismus als auch die Bundesrepublik. Wie die Historikerin Dagmar Herzog in ihrer Studie "Die Politisierung der Lust" (2005) herausarbeitete, unterlagen die 68er mit dieser Sicht einer perspektivischen Verengung: Sie weist nach, dass die Darstellung des "Dritten Reiches" als konservativ und sexuell verklemmt eine rhetorische Strategie gewesen sei, die den historischen Fakten widerspricht. Der Nationalsozialismus sei sexuell außerordentlich freizügig gewesen - zumindest für die Personen, die nicht zu den verfemten gesellschaftlichen Gruppen gehörten. Sexual- und lustfeindlich sei vielmehr die deutsche Nachkriegszeit gewesen. Daher müsse die Neue Linke, obwohl sie sich als antifaschistisch verstand, besser als antipostfaschistische Bewegung verstanden werden.

Die 68er behaupteten einen engen Konnex zwischen Sexualunterdrückung und Herausbildung eines faschistischen Systems. Kronzeuge war der Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897-1957), dessen in Vergessenheit geratene Schriften sie wiederentdeckten und in Raubdrucken zirkulieren ließen. Sie bezogen sich auf dessen Synthese von Marxismus und Psychoanalyse und seine These, dass sexuelle Befriedigungsfähigkeit und Sadismus sich gegenseitig ausschlössen. Unter dieser Perspektive erschienen die Gräuel des "Dritten Reiches" als Folge sexueller Unterdrückung und Verklemmtheit. "Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit macht ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, gehorsam, im autoritären Sinn ‚brav' und ‚erziehbar'; ihr Ziel ist die Herstellung des an die autoritäre Ordnung angepassten, trotz Not und Erniedrigung sie duldenden Untertans", schreibt Reich in "Die Massenpsychologie des Faschismus".

Das wilde Leben der Kommune 1

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Studentenzeitungen wie die Frankfurter Unizeitung Diskus erörterten, wie sexuelle Unterdrückung zu Gewalt führe: "Ohne Tabus kein Triebverzicht, ohne diesen keine aufgestauten Aggressionen, die sich zu gegebener Zeit gegen Minoritäten oder äußere Feinde - Juden, Kapitalisten, Kommunisten - dirigieren ließen." In seinem viel diskutierten Buch "Die Gesellschaft und das Böse" (1967) erklärte Arno Plack unumwunden und mit direktem Bezug auf den Frankfurter Auschwitz-Prozess, es wäre "kurzschlüssig zu meinen, alles das, was in Auschwitz geschah, sei typisch deutsch. Es ist typisch für eine Gesellschaft, die die Sexualität unterdrückt." Sexuelle Befreiung wurde als Akt der politischen Befreiung interpretiert. Dies verlieh der "sexuellen Revolution" eine Aura moralischer Rechtschaffenheit.

Monika Seifert, Gründerin der Freien Schule Frankfurt, war eine derjenigen, die die Ideen Reichs aus England mitbrachten. Dieser betonte, die kindliche Sexualität müsse nicht nur toleriert, sondern aktiv gewürdigt werden, um Faschismus und Neurosen gleichermaßen abzuwenden. Seifert schrieb über die Freie Schule Frankfurt: "Grundsätzlich gehört es von Anfang an zu unserem Erziehungskonzept, die kindliche Sexualität in ihren verschiedensten Äußerungsformen (Onanie; kindlicher Exhibitionismus; Voyeurismus; analerotische Tendenzen; sexuelle Spiele - Vater, Mutter, Kind - Doktorspiele usw.) nicht nur zur Kenntnis zu nehmen und zu dulden, sondern voll und ganz zu bejahen."

Dieses Credo teilte auch die Kinderladenbewegung. Um einen autoritätshörigen Charakter gar nicht erst entstehen zu lassen, müsse den Kindern die freie Entfaltung ihrer Sexualität und Lustfähigkeit ermöglicht werden. "In der Familie", so die AktivistInnen in einem Kinderladen in Berlin-Lankwitz, werde das Kind "zugerichtet, dressiert als Untertan, als gläubiger Christ, als sexualfeindlicher späterer ‚Herr und Frau Saubermann', als sich fügender Arbeitnehmer". Ein direkter Zusammenhang zwischen der Erziehung zur Hygiene und dem Holocaust wurde hergestellt: Strafende Erziehung zur Toilette führe zu autoritären, sadistischen Persönlichkeiten, die Minderheiten unterdrückten. Reinlichkeit sei eine Gesinnung, die Menschen "in den Ofen" schicke.

Die Fokussierung auf kindliche Sexualität und die Politisierung derselben hatte auch zur Folge, dass eine neue Norm geschaffen wurde: Die Kinder hatten als sexuelle Wesen zu agieren, unabhängig davon, ob dies ihrer Bedürfnislage entsprach oder nicht. Mit dem Aufkommen der Diskussion um sexuelle Gewalt in der Familie und Kinderpornografie Ende der 80er Jahre gerieten diese Ansätze unter scharfe Kritik, wobei statt einer reflektierten Auseinandersetzung Kindersexualität einfach erneut tabuisiert wurde.

Das Verhältnis der 68er zur deutschen Vergangenheit zeigt sich als viel komplexer und widersprüchlicher, als es in ihrer Selbstwahrnehmung erschien. Ihre Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus hat sich primär auf die Nachkriegsjahre, die Jahre ihrer Kindheit, bezogen. In ihrer Abgrenzung produzierten sie ein Bild dieser Zeit, das von Verklemmtheit und Spießertum geprägt war. Sie betonten zugleich die gesellschaftlichen Ähnlichkeiten zwischen der Nachkriegszeit und dem Nationalsozialismus, was zu einer verengten Sicht auf die Adenauer-Ära führte. In Bezug auf den Nationalsozialismus ließen sie es häufig bei einem undifferenzierten Antifaschismus bewenden, ohne über ihre ausgedrückte Empörung hinaus etwas zur Erforschung der Jahre von 1933 bis 1945 beizutragen. Mit ihrem verbalen Radikalismus und der undifferenzierten Verwendung des Begriffs Faschismus entfernten sie sich häufig geradezu von einer sachgerechten Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

Die Aufbruchsstimmung, mit der sie frischen Wind in die aus ihrer Sicht erstarrte Bundesrepublik bringen wollten, ist Teil ihrer Eigenerzählung. Diese ist nicht falsch, aber nur eine Seite der Medaille. Der Auseinandersetzung mit diesem immer noch fest etablierten 68er-Geschichtsbild muss sich die heutige Generation stellen. Dieses "Hinterfragen", um einen beliebten Begriff der 68er zu benutzen, ist sie ihrer durch '68 geprägten Sozialisierung schuldig.

Die Germanistin Beate Schappach, Jahrgang 76, und der Historiker Andreas Schwab, Jahrgang 71, sind Mitkuratoren der Frankfurter Ausstellung "Die 68er".

Autor:  BEATE SCHAPPACH UND ANDREAS SCHWAB
Datum:  10 | 4 | 2008
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