Paul Parin hat alles verändert. Vielleicht nicht alles, schränkt Dieter Schiefelbein ein, aber doch manches. Nach den Lesungen des aus Slowenien stammenden Psychoethnologen ging manche Debatte anders weiter, so dass man sagen könne, Parin habe manchen "kulturellen Denkraum" eröffnet. An Abenden im "Land in Sicht", dem Buchladen im Nordend, den eine Art Nachbeben zehn Jahre nach 1968 auf der Ecke Rotteckstraße/Mercatorstraße hervorgebracht hatte.
Nahezu gleichzeitig mit einer ganzen Reihe neuer Orte der linken Szene: Das Café "Größenwahn" an der Nordendstraße, das "Strandcafé" an der Koselstraße und das Schwulenzentrum "Am anderen Ufer" an der Ecke Gaußstraße/Mercatorstraße. Nur "Größenwahn" und "Land in Sicht" haben bis heute in dem innenstadtnahen Stadtteil überlebt. Und können von sich behaupten, was Schiefelbein über seine Buchhandlung sagt: Mehr als 90 Prozent der Kunden sind seit Jahren mit dem Angebot verbunden.
Nach der Uni, erzählt der 63-jährige Buchhändler, habe man sehen müssen, wo man bleibt, "wo man sich etabliert". Selbstredend habe man das nicht von Anfang an als einen Prozess des Etablierens verstanden, vielmehr "nannte man das Projekt". Das klang weniger endgültig, eher "nach Provisorium", keiner habe sich festlegen wollen. Ein Jahr habe man im "Land in Sicht" umsonst gearbeitet, ausprobiert, ob das gelingen kann. Nebenbei "gingen wir ja alle jobben". Erst dann habe "die Professionalisierungsdebatte" im Buchladen eingesetzt: Wenn man weitermachen wollte, müsste man davon leben können. Doch eine Mehrheit fand sich dafür in dem als Kollektiv begründeten Buchladen nicht. Also habe es für ihn nur eines geben können, erzählt Schiefelbein, der immer andere Standbeine suchte und auch als Historiker arbeitete : "Also bin ich weg", zu Johnny Klinke ins "Strandcafé", weil wieder die beiden Fraktionen im Laden aufeinander geprallt waren: Die streng Politischen und diejenigen wie Schiefelbein, die sich eher der Spontikultur verpflichtet fühlten. Heute bekommen die acht Buchhändler ein festes Gehalt.
Ohnehin hat sich manches verändert. Und so gibt es inzwischen auch Kriminalromane. Dafür sind die selbst gehefteten Prosabändchen der Autoren aus der Nachbarschaft verschwunden. Martin Walser finde sich zwar noch in den Auslagen, doch eigentlich habe der Schriftsteller vom Bodensee seit seiner Paulskirchen-Rede vor zehn Jahren beim Publikum des Buchladens jegliche Sympathie eingebüßt. Und so einer wie Götz Aly, der seine Kritik an den 68ern nicht einen Augenblick zügeln wollte, "so einer wäre früher nicht ins Sortiment gekommen". Ein Schicksal, das Aly mit Joseph Ratzinger hätte teilen müssen. Heute aber fragt man auch im "Land in Sicht" schon mal nach dem Papst.