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Springer-Ball: Lesezeichen der Revolte

Die Akademie der Künste zeigt Fotografien des '68-Chronisten Michael Ruetz.

Kassel, 8. Oktober 1972: Beuys boxt auf der documenta gegen Abraham David Christian.
Kassel, 8. Oktober 1972: Beuys boxt auf der documenta gegen Abraham David Christian.
Foto: Michael Ruetz

Die feine Gesellschaft gerät in Aufruhr, ein Transparent wird entrollt, auf dem steht: Mit Geld Politik machen - mit Politik Geld machen. Das Bild wackelt, Axel Caesar Springer dreht sich mehr genervt als erzürnt um und sagt: "Das habt ihr aber schön gemacht, wie viel hat man euch denn dafür bezahlt?" 20 Mark solle man dafür bekommen, sagt der Aktionist. Man könne sich das Geld morgen im Osten abholen.

Die Szene aus dem kurzen Sommer der Anarchie stammt aus dem Film "Brecht die Macht der Manipulateure!", den die Regisseurin Helke Sander 1967/68 über die Kampagne der Studentenbewegung gegen den Springerkonzern für das finnische Fernsehen drehte. Das kleine Filmteam hatte sich zum Springer-Ball eingeschlichen, um die Reaktionen bloßzustellen, die auf die Transparent-Aktion folgen würden. Springers kühle, beinahe gelassene Haltung kann man heute auch als Indiz dafür lesen, dass das Geschichtszeichen 68 schon früh als gesellschaftliche Eskalationsstufe überorchestriert worden ist. In der Filmszene jedenfalls fühlten sich die Mächtigen keineswegs herausgefordert, allenfalls gereizt.

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Zu sehen ist der 43 Minuten lange Film, der, brechtisch verfremdend, der politischen Avantgarde beim Verfertigen revolutionärer Thesen zusieht und unentschieden zwischen Berichterstatterposition und Akteursphantasie schwankt, in der Ausstellung "1968. Die unbequeme Zeit", in deren Zentrum in der Akademie der Künste Fotografien von Michael Ruetz gezeigt werden.

Michael Ruetz ist der fotografische Chronist der Jahre um 1968. Von ihm stammen zahlreiche Fotos, die heute ikonografische Lesezeichen der Revolte sind. In manchen seiner Momentaufnahmen ist Geschichte zu einer vieldeutigen und widersprüchlichen Erzählung geronnen. Unverwechselbar das Bild vom Polizisten, der bei der Protestveranstaltung anlässlich der Erschießung Benno Ohnesorgs am 3. Juni 1967, vor einer rau verputzten Hauswand stehend, sein Gesicht hinter seinen Lederhandschuhen verbirgt, um sich vor dem Fotografiertwerden zu schützen. Der Büttel der Macht hockt in der Falle. Um nicht demaskiert zu werden, begibt er sich in die Opferrolle. Der Fotograf hält drauf. Das Foto konnte wohl auch deshalb so berühmt werden, weil es die Hilflosigkeit der Staatsmacht zum Ausdruck brachte. Bildete es nicht die Umkehrung jener strukturellen Gewalt ab, von der Johan Galtung gesprochen hatte und die zum studentischen Standardvokabular der Zeit gehörte?

Einen anderen Wortführer der Studentenbewegung hat Ruetz in der Bildmitte einer Aufnahme aus dem Hörsaal positioniert. Eine Sprechpause zeigt Herbert Marcuse nachdenklich. Der Soziologe und Philosoph sitzt neben dem Religionsphilosophen Jacob Taubes und dem iranischen Dissidenten Bahman Nirumand. Ruetz' Bilder haben die Funktion eines Sammelalbums und ermöglichen Entdeckungsreisen. Nebenan glaubt eine Besucherin, einen alten Freund wiedererkannt zu haben. "Der sieht heute immer noch so aus", sagt sie zur Begleiterin. "Ist Professor an einer Bundeswehruniversität oder so ähnlich." Man kann sich solch einer vergleichenden Rezeption kaum entziehen. Immer wieder Gesichter, jung, nicht selten unverbraucht und naiv wirkend. Selbst Gudrun Ensslin, die auf dem Flughafen Tempelhof am "Tag der offenen Tür" aus dem Kinderwagen heraus Flugblätter verteilt, scheint sich noch nicht in ihrer unumkehrbaren Radikalisierungsphase befunden zu haben.

Wie kein anderer ist Michael Ruetz, der für die großen Magazine Time, Life, Spiegel und die Zeit arbeitete, der Bewegung nahe gekommen. "Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht schauen", lautet der Titel seines ersten Bandes über die APO-Jahre, der auf das entwaffnende Potenzial der Fotografie anspielt. Heute zeigen die Arbeiten aber auch eine Generation, die ihre wilden Jahre wie einen nicht enden wollenden Kindergeburtstag erlebte. Mittendrin immer wieder Rudi Dutschke, ein ernstes Kind. In den frühen Jahren zeigt er noch nicht sein sanftes Lächeln, das später oft zum Vorschein kam, etwa bei den Begegnungen mit Pastor Heinrich Albertz, Berlins Regierender Bürgermeister 1966 bis 1967. Eines der wenigen Porträts der Ausstellung zeigt einen angespannt dreinschauenden Dutschke, im Ringelpullover, mit neuen Jeans, locker ein dickes Buch unter den Arm geklemmt. Obwohl das Bild wie für ein Modemagazin inszeniert zu sein scheint, wirkt Dutschke in sich gekehrt, abwesend. Den radikalen Dandy der Revolte sollte ein paar Jahre später Andreas Baader mit seinem ausgeprägten Sinn für Selbstdarstellung geben. Die Erben von 1968 sind bereits mit im Bild. Eine Demo-Szene zeigt den jungen Jan-Carl Raspe.

Die Ausstellung unternimmt den Versuch, den Blick zu weiten. Als reisender Fotograf hat Ruetz auch ein internationales 1968 erfasst. Reportagen aus Chile, Griechenland und Portugal brachten andere Formen politischer Unfreiheit zu Tage, in deren Licht die Berliner Revolte heimelig wirkte.

Ruetz war auch in Auschwitz. In eindrucksvollen Porträts zeigt er Holocaust-Überlebende bei einer Gedenkfeier. Im Kontext der Schau soll es wohl ein Hinweis sein, dass die politische Revolte eine Reaktion auf das Schweigen der Tätergeneration war. In dieser bemerkenswerten Ausstellung mutet das wie eine nachträgliche Retusche an. Auschwitz erscheint in der Bildsprache von Auschwitz. Neben den Fotos über 1968 sind die Porträts der Überlebenden Fremdkörper.

Akademie der Künste, Berlin: bis 27. Juli. www.adk.de

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  25 | 4 | 2008
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