Berlin. Manchmal ist es einfach mit der Wahrheit: Wer nicht danach fragt, erfährt sie nicht. "Man muss erst einmal auf die Idee kommen", sagte Marianne Birthler, Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, als sie am Dienstag ihren jährlichen Tätigkeitsbericht vorstellte.
Die Idee, auf die lange niemand kam, war, Karl-Heinz Kurras für ein SED-Mitglied und einen Stasi-Spitzel zu halten. Der West-Berliner Polizist hatte 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen. Der Zufall führte einen Mitarbeiter der Birthler-Behörde zu den 17 Aktenbänden des Falles. Sie waren ein Teil der "Geheimen Ablage" des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) - 358 Meter Papierwall, bis heute nur zu sechs Prozent durchforscht.
Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Birthler-Behörde, dem der Fund glückte, ist Helmut Müller-Enberg. Seine Chefin hat er lange nicht informiert. Erstmal schrieb er in Ruhe für die Fachzeitschrift Deutschland Archiv einen Beitrag, Titel: ",Der 2. Juni 1967 und die Staatssicherheit". Redakteur Marc-Dietrich Ohse sagte der Mitteldeutschen Zeitung, der Text sei seit Mitte März geplant gewesen; er selbst habe erst seit Anfang Mai gewusst, worum es gehe. Birthler erfuhr eigenen Angaben zufolge erst am Donnerstag, 20. Mai, von der Causa Kurras - unmittelbar bevor ZDF, FAZ und Deutschland Archiv sie öffentlich machten.
Birthler, seit 2000 Herrin über das, was vom Archiv des DDR-Geheimdienstes blieb, muss sich viel Kritik anhören: Ist sie auf dem westdeutschen Auge blind? Sich zu sehr auf Ostdeutschland konzentriert? "Die Westarbeit der Stasi ist völlig unterbelichtet", wirft ihr Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat vor. 20 Jahre nach dem Untergang der DDR müsste das Archiv systematischer erschlossen sein.
Der Berliner Innensenator Eckhart Körting (SPD) wunderte sich laut, dass ein so brisanter Fall nach 20 Jahren zufällig ans Licht kam. Und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) mischte sich am Dienstag mit der Idee ein, vergangene westdeutsche Bundestage auf Stasi-Mitarbeiter zu überprüfen. Er sehe "hinreichenden Anlass", sagte Lammert, für eine mögliche Untersuchung von Abgeordneten, die schon 2006 überlegt, aber fallen gelassen wurde.
Birthler hält nichts davon. "Ich warne vor allzu großen Erwartungen." Sie erinnert an eine Überprüfung des sechsten Bundestages (1969 bis 1972): "Die Befunde zeigen, wenn wir uns nur auf Abgeordnete konzentrieren, wäre der Erkenntnisgewinn gering." Man müsste auch in der zweiten und dritten Reihe der Mitarbeiter nachforschen. Das würde, mangels Kapazität, das Ende aller anderen Forschungsprojekte bedeuten.
Insgesamt, schätzt Müller-Enbergs, haben etwa 12 000 Menschen in der alten Bundesrepublik für die Stasi gearbeitet. Etwa die Hälfte führte die Auslandsspionageabteilung des MfS; die Akten wurden 1989 und 1990 vernichtet. Die Akten der anderen 6000 lagern noch, sagt Müller-Enbergs in einem Interview, in der Birthler-Behörde. Darunter die 17 Bände zu Karl-Heinz Kurras. Erst wenige Hundert West-Spione des MfS seien der Öffentlichkeit bislang bekannt geworden - "mit Überraschungen ist noch zu rechnen".
Wie sehr die West-Berliner Polizei von Agenten aus dem Osten durchsetzt war, welchen Einfluss das Mielke-Ministerium hatte, ist bis heute unbekannt. Dazu gebe es kein Forschungsprojekt, sagte Birthler: "So wichtig die Westthemen sind, es sind nicht die einzigen." Zu Josef Bachmann, der 1968 den Studentenführer Rudi Dutschke erschoss, gebe es jedenfalls keine Stasi-Akte. Das hat Marianne Birthler sicherheitshalber recherchieren lassen.