Die Studentenbewegung ist von Beginn an international ausgerichtet und vereint im Kampf gegen den Vietnamkrieg.
Die Hölle auf Erden: US-Truppen attackieren den Vietcong, den sie im Dschungel vermuten.
Foto: ap
Die Hölle auf Erden: US-Truppen attackieren den Vietcong, den sie im Dschungel vermuten.
Foto: ap
Die 68er fühlten sich als Internationalisten. Überall auf der Welt kam es zu Aufbrüchen, eine Art mega-utopische Stimmung grassierte, Teil einer "globalen Revolte" zu sein. Zu den wichtigsten Austragungsorten dieser vermeintlichen "Weltrevolution" zählen Amsterdam und Athen, Berkeley und Belgrad, Lissabon und London, Madrid und Mailand, Paris und Prag. Und alles geschieht in atemloser Gleichzeitigkeit. Die Aktionen werden durch die magischen Kanäle des Fernsehens, das damals zum Leitmedium avancierte, in jeden Winkel der Welt getragen. Die 68er - als erste "TV Generation" - verfolgen ihre Rebellionen gegenseitig im Fernsehen, nehmen sich an den Aktionen von Berkeley bis Tokio (wo die militante Studentenorganisation der Zengakuren im paramilitärischen Straßenkampf Taktiken der alten Samurai einsetzt) ein Beispiel und wirken stimulierend auf diese zurück. Insofern steht 1968 auch für eine Medienrevolution. Das Fernsehen bildet den Weltbürger heraus: das eigentliche revolutionäre Subjekt von 1968.
Es ist der "schmutzige" Krieg, den die US-amerikanischen Truppen in Vietnam führen, der dem Jahr 1968 vielleicht am nachhaltigsten seinen Stempel aufdrückt. Im Pentagon sitzen die Regisseure des Schaukastenkampfs Vietnam selbst im Glashaus, The Whole World is Watching. Zugleich stammten viele der wichtigsten Protest- und Widerstandsformen aus der "Höhle des Löwen": Hier halten die Revolutionswächter der amerikanischen Counter-Culture ihre Happenings ab.
Der Schrei: Das Mädchen Phan Ti Kim Phuc, das nach einem Napalm-Angriff nackt aus seinem Dorf flieht, wird zum Symbol der Amerika-Kritiker.
Der Schrei: Das Mädchen Phan Ti Kim Phuc, das nach einem Napalm-Angriff nackt aus seinem Dorf flieht, wird zum Symbol der Amerika-Kritiker.
Auch die deutschen Studenten weigern sich, Vietnam und seinen heroischen Kampf Davids gegen Goliath als fernes Geschehen zu begreifen. Dabei ging es selbst da, wo amerikanische Flaggen öffentlich verbrannt wurden, nicht um einen platten Antiamerikanismus. Viel zu sehr hatte die Weltkultur der Rock- und Popmusik ihre Fans überall in der Weltalltagskultur umgarnt.
Den größten Coup landet man hierzulande im Februar 1968, als der SDS in West-Berlin den Internationalen Vietnam-Kongress organisiert. Führende Vertreter internationaler Studentenverbände wie Daniel Cohn-Bendit, Alain Krivine oder Tariq Ali finden sich in Berlin ein, um sich zu verschwören. Der apostelhaft schöne APO-Sprecher Rocky Dutschke hält das Hauptreferat. Eineinhalb Stunden lang predigt er auf Zehenspitzen die Revolution. Er spricht in Zungen, weil ihm die Bewegung die Macht dazu verleiht: "Genossen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und keine Phrase!"
Vietnamkrieg - Wer, wie, warum?
Bildergalerie ( 26 Bilder )
Vietnamkrieg - Wer, wie, warum?
De Gaulles Frankreich erobert das Land bis zum 16. Breitengrad zurück und wird bei seinen Bestrebungen von Groß-Britanien und auch den USA unterstützt. Der neue US-Präsident Truman ist von Ho Chi Min abgerückt. Er glaubt im Gegensatz zu seinem Vorgänger Roosevelt, der auf die Souveränität der Nationen setzte, eine französische Kolonie in Indochina sei vorteilhaft für die USA.
Foto: SPI, 1954
Verhandlungen zwischen Frankreich und der Viet Minh scheitern, torpediert durch die von Frankreich eingesetzte Kolonialregierung. Das französische Militär bombadiert am 23. November '46 Haiphong und die Viet Minh gehen am 19. Dezember '46 zum bewaffneten Widerstand über. Der Krieg zieht sich bis 1954 hin, die Franzosen müssen sich immer weiter zurück ziehen. Nachdem die französische Kolonialarmee in der Schlacht von Dien Bien Phu unterlegen war, werden Friedensverhandlungen eröffnet.
Foto: UPI, 1954
Am 21. Juli '54 wird die Teilung Vietnams entlang des 17. Breitengrades beschlossen. Der Norden wird von den Kommunisten unter Ho Chi Minh regiert, der Süden von Ngo Dinh Diem. Die USA erkennen dieses Abkommen nicht an. Nach allgemeinen freien Wahlen soll das Land wiedervereinigt werden. Dazu kommt es allerdings nicht. Statt dessen entsteht in Südvietnam unter den Repressalien des Diktators Diems ein bürgerkriegsähnlicher Zustand.
Das Foto zeigt den buddhistischen Mönch Thich Quang Duc, der sich als Zeichen gegen die Unterdrückung verbrennt.
Zahlreiche Militärcoups und die Stationierung US-amerikanischer Militärberater gegen die Guerillas des Viet Cong (Nationale Front für die Befreitung Südvietnams) folgen.
Foto: AP, 1963
Die Amerikaner fürchten eine Ausdehnung des Kommunismus in der ganzen Region, wenn der vom kommunistischen Nordvietnam unterstützte Viet Cong in Südvietnam die Oberhand gewänne (Domino-Theorie).
Der Tonkin-Zwischenfall im August 1964, bei dem ein amerikanisches Kriegsschiff in ein Gefecht mit nordvietnamesischen Schnellbooten verwickelt worden sein soll, ist der Anlass für ein offenes Eingreifen der USA. Am 2. März 1965 landen die ersten regulären Truppen im Land. Bis zum Ende des Jahres sollen es 184.000 Soldaten sein.
Foto: AP, 1965
Die USA kämpfen in Vietnam an zwei Fronten: gegen die von der Sowjetunion und China unterstützten nordvietnamesischen Truppen und die Aufständischen des Viet Cong im Süden. Dabei wird der Süden stärker bombardiert als der Norden.
Foto: Roll
Es kommt zum Einsatz von giftigen Entlaubungsmitteln und Napalm. Die Zivilbevölkerung wird enorm in Mitleidenschaft gezogen,
Foto: dpa/UPI,1964
Tausende amerikanische Soldaten werden veletzt und getötet, aber der militärische Effekt der Kampfhandlungen ist minimal.
Foto: AP, 1966
Die Amerikaner ziehen sich in schwer befestigte Stellungen zurück, um den Nachschub für den Viet Cong aus dem Norden zu unterbinden.
In Khe Sanh wird eine solche Stellung von Januar bis April '68 von der nordvietnamesischen Armee belagert. Sie kann die Befestigung nicht einnehmen. Aber die Strategie der Amerikaner erweist sich als nicht durchführbar.
Foto: dpa, 1968
Im Januar 1968 starten der Viet Cong und die nordvietnamesische Armee überraschend die Tet-Offensive. Diese kann zwar von den Amerikanern zurückgeschlagen werden, obwohl viele Kräfte in Khe Sanh gebunden sind. Sie erschüttert aber das Selbstbewusstsein der USA schwer. Als Folge werden erste Friedensverhandlungen aufgenommen.
Foto: dpa, 1965
Nur Trümmer bleiben, wo im Chinesen-Viertel Cholon der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon erbittert gekämpft wird. Die Vietkong haben ausgebrannte Autos in dieser früheren Geschäftsstraße als Feuerschutz und Deckung genutzt. Das Bild zeigt südvietnamesische Soldaten beim Vorrücken.
Foto: AP, 1968
Von beiden Seiten finden Übergriffe auf die Zivilbevölkerung statt: Beim "Massaker von My Lai" von US-amerikanischen Soldaten ermordete Frauen und Kinder.
Foto: ap,1968
Durch die militärischen Schwierigkeiten, die Bilder von Massakern und Napalm-Opfern kippt auch die Zustimmung zum Krieg in den USA.
Foto: AP, 1972
Vietnamisierung: Von 1969 bis 73 werden die US-amerikanischen Truppen aus Vietnam abgezogen.
Foto: Roll
Zur Aufmunterung der noch nicht abgezogenen Truppen trägt der Komiker Bob Hope bei.
Foto: AP, 1970
Die nordvietnamesische Propaganda legt Wert auf die vollständige Mobilmachung der Bevölkerung, auch der Frauen.
Foto: dpa, 1966
Während die Verhandlungen zum Friedensabkommen zwischen den USA und Nordvietnam schon laufen, halten vereinzelte Kampfhandlungen an.
Foto: dpa, 1971
Am 27. Januar 1973 wird in Paris das Friedensabkommen unterzeichnet. Innerhalb von zwei Monaten sollen die US-amerikanischen Truppen komplett abgezogen sein, zwischen Nord- und Südvietnam herrscht ein Waffenstillstand, der von den Nordvietnamesen am 13. Dezember '74 gebrochen wird.
Foto: REUTERS/VNS
Ohne die Unterstützung der USA hat Südvietnam keine Chance, die nordvietnamesische Armee aufzuhalten. Hunderttausende hungernder, weinender Menschen versuchen, sich vor den kommunistischen Truppen in Sicherheit zu bringen.
Foto: dpa, 1975
Die Südvietnamesen fürchten die Rache der einmarschierenden Truppen für die Zusammenarbeit mit den USA.
Foto: ap, 1975
2.4.1975: Chaotische Szenen spielen sich bei der Evakuierung von Nha Trang ab. Ein amerikanischer Berater versucht, einen Südvietnamesen mit Gewalt von der Tür eines Flugzeugs zu vertreiben, an der sich der Mann verzweifelt festklammert.
Foto: dpa, 1975
29.4.1975: Auch Saigon, das heutige Ho-Chi-Minh-Stadt, muss evakuiert werden. Die Nordvietnamesen stehen unmittelbar vor der Einnahme der Stadt. Im Hintergrund Rauchwolken vom brennenden Flughafengelände, das erstmals von nordvietnamesischen Einheiten angegriffen worden ist.
Foto: dpa, 1975
Bei der Evakuierung Saigons kommt es wieder zu dramatischen Szenen: US-Ledernacken (Mitte) mit kugelsicheren Westen müssen den Sturm von angsterfüllten Südvietnamesen, die in letzter Minute noch auf Evakuierung hoffen, auf die zum Flughafen fahrenden Busse teilweise mit Gewalt abwehren.
Foto: dpa, 1975
Noch Jahre später leidet die Bevölkerung Vietnams unter dem Krieg: Der 1981 geborene Ha wird mit schweren Missbildungen geboren und leidet unter Chlorakne, die große Teile seines Körpers mit Pusteln und Zysten bedeckt. Seine Mutter Tan Bin war als Kind in den "Agent Orange"-Regen gekommen.
Mehr Bilder aus '68
Foto: Goro Nakamura, 1982
Seit dem 19. Jahrhundert ist Indochina französische Kolonie. Nachdem die Franzosen ihre Herrschaft in der Region im Zweiten Weltkrieg mit den Japanern teilen mussten, versuchten sie, sich die Alleinherrschaft nach der Kapitulation Japans zurück zu holen.
Da hat der Viet Minh, die Liga für die Unabhängigkeit Vietnams, unter Ho Chi Minh, aber schon die Unabhängigkeit des Landes Vietnam erklärt. Unter dem Einfluss der amerikanischen Unterstützung im Widerstand gegen die Japaner, orientierte sich der Viet Minh in seiner Unabhängigkeitserklärung an der "United States Declaration of Independance".
Foto:
dpa, 1951
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Linkspartei in der Krise
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Es bildet sich ein festes Zeichensystem heraus, mit dem man weltweit seine Zugehörigkeit zur Protestbewegung markieren kann. In allen Himmelsrichtungen prangen die Säulenheiligen Mao, Che, Ho. Eine Trikontinentale Trinität, die den Dschungelkampf der Dialektik überstrahlt: Antikapitalistisches, Antiimperialistisches, Antikolonialistisches, Antidiktatorisches, Antiautoritäres. Martin Luther King zitiert Mahatma Gandhi, der Henry David Thoreau zitiert. Franz-Josef Degenhardt zitiert Mikis Theodorakis, der Pablo Neruda zitiert. Jean-Paul Sartre zitiert Frantz Fanon, der Sartre zitiert.
Die Jugend der Industriestaaten adoptiert diese Großmeister des Widerstands, rote Anti-Autoritäten, Gründerväter und Überväter, und trägt sie vor sich her. Der Autor Bahman Nirumand: "Ich denke, es ist eine Sehnsucht gewesen, auch der Deutschen, nach einer anderen Welt, eine Sehnsucht nach Befreiung. Im Grunde haben die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt - die man in Deutschland gar nicht so genau kannte - bei den Deutschen eine Sehnsucht erweckt, die mit der Lage der Menschen in Deutschland etwas zu tun hatte. Da war auch ein Schuss Exotik dabei. Sie wollten einfach raus aus dem Muff, der damals in Deutschland kulturell herrschte. Da ist der innere Zusammenhang." Und der Sozialwissenschaftler Claus Leggewie, erst Praktiker und dann Theoretiker der ersten "globalen Revolte", erinnert sich: "Man muss sich einfach vorstellen, dass man die chinesische Kulturrevolution als etwas Weltbewegendes fand. Eines Tages fing ich an, an die Tafel Zitate von Mao Tse-tung zu schreiben. Da standen dann so schwachsinnige Sätze wie ,Die Basis ist die Grundlage des Fundaments' - das steht da, glaube ich, wirklich drin. Oder: ,Gewalt ist unter allen Umständen gerechtfertigt', solche Dinge. Ich hab' das damals wie eine Bibel gelesen, hab' gesagt, das isses."
Man erhebt Maos Sprüchesammlung in den Status einer heiligen Schrift. Von der Kommune I in Berlin bis zum Trikont-Verlag in München bestellt man die Mao-Bibel in großem Stil direkt vom chinesischen Propaganda-Ministerium, um sie auch in Deutschland unters Volk zu bringen. Schon lange bevor die APO in die sogenannten "K-Gruppen" zersplittert, ist es opportun, die Spruchweisheiten des großen Vorsitzenden in Streitgesprächen als Munition zu benutzen.
Maos "Langer Marsch" zur Macht wird in der Folge zum Referenzpunkt für die Rede vom "langen Marsch durch die Institutionen". Und noch immer klingen die Echos der blutigen "chinesischen Kulturrevolution" mit, wenn die Revolte von 1968 heute als "Kulturrevolution" bezeichnet wird. Dazu Nirumand heute: "Man hat gar nicht dahintergeschaut, was da alles innerhalb dieser ,Befreiungsbewegungen' passiert. Was in China während der Kulturrevolution passiert ist, dass da Hunderttausende, Millionen umgebracht wurden, das alles wussten wir nicht. Da hätten wir schon besser hinschauen können."