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Suhrkamps '68er-Reihe: Revolution oder Befreiung

Schimpfen, Beleidigen, Dagegen-sein und etwas Spaß haben. Suhrkamps neue '68er-Reihe.

Ein Unterdrückter bei seinem Befreiungskampf.
Ein Unterdrückter bei seinem Befreiungskampf.
Foto: Getty

Wer heute Herbert Marcuses "Versuch über die Befreiung" aus dem Jahre 1969 wiederliest, der wird sich daran erinnern, wie befreiend der Essay damals wirkte. Man war vom Druck befreit, eine Revolution bewirken zu müssen. Befreiung genügte. Es ging nicht darum, wie man die Zentralen der Macht stürmen konnte, es ging auch nicht darum, die Massen - ohne die eine Revolution, so hieß es, nun mal nicht zu machen sei - in Bewegung zu setzen, sondern es ging noch nicht einmal darum sich zur Wehr zu setzen. Es genügte, sich gesellschaftlichen Zwängen zu verweigern.

Es genügte, weil man davon ausgehen konnte, dass diese Weigerung ansteckend wirken würde, dass erst wenige und dann immer mehr den Mut bekämen, die Bedingungen, unter denen sie arbeiteten und lebten, in Frage zu stellen. Befreiung war darum das richtige Wort, weil es die bewaffneten Kämpfer der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt ebenso meinte wie die Vertreterinnen des amerikanischen Woman\'s Lib, die ihre Büstenhalter öffentlich verbrannten. Für die Befreiung gab es keine Kommandozentrale. Jeder bestimmte selbst, welchem Zwang er sich verweigern oder gar entgegenstellen wollte.

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Marcuses Überlegungen basierten auf der Einsicht, dass die technologische Entwicklung einen Stand erreicht hatte, der es möglich machen würde, die Grundbedürfnisse - und auch noch eine ganze Reihe mehr - der Menschheit bei minimalem Arbeitsaufwand zu befriedigen. Krieg um Ressourcen, entfremdete Arbeit schienen mühsam künstliche aufrechterhaltene Überreste einer längst überholten Gesellschaftsorganisation.

Man liest das heute mit einigem Befremden. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität hat in den vergangenen vierzig Jahren noch einmal ein paar kräftige Sprünge gemacht. Als Marcuses Essay erschien, wechselte der 13jährige Bill Gates auf eine Schule, in der er seiner Computerbegeisterung - weitgehend freigestellt von ablenkenden Zwangscurricula - nachgehen konnte. Sechs Jahre nach dem "Versuch über die Befreiung" wurde Microsoft gegründet. 1975 mag in unseren Augen kein Datum in der Befreiungsgeschichte der Menschheit sein, aber es ist eines in der Geschichte der Revolutionierung der Kommunikation. Marcuses Essay ist in der Reihe "Suhrkamp 1968" zusammen mit einem Interview - auf DVD -, das Ivo Frenzel 1976 mit Marcuse führte, wieder zu haben.

Frantz Fanons Pathos in "Die Verdammten dieser Erde" erscheint heute dem weniger aufmerksamen Leser komisch. Dem aufmerksamen aber verlogen. Die Vorstellung, der Unterdrückte habe nicht nur ein Recht darauf, sich mit der Waffe zu wehren, sondern würde erst dadurch zum Menschen, hatte wohl damals schon jenen falschen Klang. Er entging damals vielen der \'68er Leser nicht. Aber sie hielten ihn - so falsch er war - für genau richtig. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, war eine Parole der Zeit, die gerne so verstanden wurde, dass man desto richtiger lebte, desto vehementer man sich wehrte.

Dass jede Befreiung erst einmal ein Schritt in die richtige Richtung sei, war so etwas wie der Grundton jener Jahre. Man spürt ihn in vielen der Texte und man sieht in den beigefügten Filmen und Interviews sehr deutlich, was damit gemeint war. Es war ein Lebensgefühl, in dem sich scheinbar widerspruchslos verbanden vietnamesische, bewaffnete Kaderkommunisten mit im Drogenrausch tanzenden Hippies. Erika Runges "Bottroper Protokolle" erschlossen dem ja noch sehr kleinen akademischen Nachwuchs der Bundesrepublik eine Welt, die ihm fast ebenso fremd war, wie die von Horlemann und Gäng geschilderte in "Vietnam - Genesis eines Konflikts". Es ist schade, dass auch in dieser Neuauflage nicht vermerkt ist, dass das Buch auf dem Baukastenreferat des SDS beruhte, also über seine Verbreitung als Buch hinaus, unzähligen Referenten als Grundlage diente.

1966 erschien Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung". Wer die beigefügte Aufzeichnung der Uraufführung - im Frankfurter Theater am Turm unter Claus Peymann - anschaut, dem wird klar, dass 1968 nicht nur das Ende der Nachkriegsgeschichte war, sondern auch ein Anfang.

Das war damals schon "Rhythm and Poetry". Wir lesen heute, Rap sei Ende der 60er Jahre in den afroamerikanischen Großstadtghettos der USA entstanden. Das ist ganz sicher richtig. Aber in Kärnten gab es den 1942 geborenen Peter Handke, der 1966 schon einen mehr als einstündigen Rap auf die Bühne legte, und es gab ein Theater, das diesem Rap Gehör verschaffte. Gehör? Nein, einen gewaltigen Widerhall. Die "Publikumsbeschimpfung" war die Aufführung gewordene Verweigerung des Theaters. Man kann Tankred Dorsts "Toller" - auch bei "Suhrkamp 1968" erschienen - daneben betrachten und es wird einem klar, was für eine Bombe auch gegen den revolutionären guten Geschmack Handkes Stück war. Als die Sprecher den Text rappten "Sie sind unbefangen. Ihre Gedanken sind frei. Indem wir das sagen, schleichen wir uns in Ihren Gedanken. Sie haben Hintergedanken. Indem wir das sagen, schleichen wir uns in Ihre Hintergedanken", da jubelte in Frankfurt das adornitisch geschulte Publikum. So hatten sie es gelernt: Es gab kein Entrinnen.

Handke ging es aber nicht um diese Botschaft. Sie war ihm Material. Er spielte mit ihr, er nutzte sie, um kräftiger auftreten zu können, um nichts auszulassen, um nicht nur den gesunden Menschenverstand des Publikums, sondern auch den der kritischen Köpfe den Rhythmen seiner Sprache einzuverleiben. Damit führte er vor, dass zur Befreiung auch die vom Sinn gehören muss. Handke zerschlug die überkommenen Einsichten in Klänge und Gesten ohne der Versuchung nachzugeben, gleich neue zu bieten. Handke zeigte, dass die Zerstörung ein lustvoller, ein schöpferischer Akt ist. Darin war er ein \'68er.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  7 | 8 | 2008
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