Und das gilt heute noch. Die Kriegsgeneration hat schamhaft geschwiegen. Keine Spur von Trauer. Und deren Kinder haben ihre Eltern angeklagt, ebenfalls ohne Mitgefühl, ohne Trauer. Sie haben sich von ihren Vätern abgeschnitten. Und da sind wir wieder bei der Religion. Bei der Suche nach Gott geht es letztlich darum, die Figur des Vaters wiederzufinden.
Hat die Bundesrepublik ihre Chance für echte Trauer über den Faschismus endgültig vertan?
Überhaupt nicht. Wer jemals auf einem Friedhof stand, weiß das. Was man zu Lebzeiten mit seinen Eltern nicht ausmachen konnte, kann man immer noch an ihrem Grab ins Reine bringen. In einer KZ-Gedenkstätte oder auf einem jüdischen Friedhof habe ich nicht das Gefühl, die Hölle zu betreten, sondern heiligen Boden. Ich werde still und andächtig. Wenn wir lauschen, können wir dort Frieden finden.
Aber haben die Deutschen sich nicht geradezu exzessiv mit den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit beschäftigt?
Im Kopf ja, aber nicht tief im Herzen. Um einen Platz im Kosmos zu finden und glücklich zu werden, müssen Menschen mindestens drei Generationen zurückschauen. Wie ein Indianer, der sagt: Ich sitze auf den Schultern meiner Väter. Wir müssen unsere Vorfahren kennen und anerkennen, um zuversichtlich in die Zukunft schauen zu können. Ahnenreihen laufen nach hinten und nach vorne.
Tiefe Gefühle und ein oberflächliches Medium wie das Fernsehen, wo Sie als Talkmaster auftreten widerspricht sich das nicht?
Überhaupt nicht. Alle deutschen Showmaster, die Millionen verdienen, haben als Messdiener angefangen. Wo haben sie das Showgeschäft gelernt? In der katholischen Messe. Religion, Medizin und Theater haben die gleichen Wurzeln. Sie inszenieren etwas in Bildern, das eigentlich unbeschreibbar ist. Auch in Theater und Fernsehen geht es um die großen Dramen, um die Liebesgeschichte mit dem eigenen Leben.
Sie nutzen Ihre Fernseh-Berühmtheit, um Geld zu sammeln.
Aber nicht für mich, sondern für Menschen, die in Not geraten sind. Denen helfen ich und meine zehn Mitarbeiter, die speziell dafür geschult sind. Sowohl seelisch, indem wir zuhören und trösten. Aber auch ganz praktisch, indem wir ihnen gegenüber Behörden helfen oder sie finanziell unterstützen.
Warum wenden sich Notleidende an eine Fernsehfigur?
Weil sie wissen, dass ich echt bin. Sie haben in meinen Sendungen erlebt, wie ich zuhöre und mitfühle. Sie vertrauen mir.
Interview: Michael Gleich, Hajo Schumacher