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TV-Pfarrer Jürgen Fliege: "Die Kirchen wissen wenig über die Seele"

Jürgen Fliege spricht über reuelose Christen, den Dalai Lama und die TV-Show als Gottesdienst.


Foto: dpa

Sie haben mal behauptet, Deutschland sei das schwierigste Missionsgebiet auf dieser Erde. Wie kommen Sie dazu?

Religion ist vor allem ein großes Gefühl. Religiöse Menschen fühlen sich verbunden mit dem Ganzen, empfinden sich als Teil von allem. Das bedeutet: Ich höre auf, mich und alles um mich herum kontrollieren zu wollen. Ich gehe abends ins Bett, spreche mein Nachtgebet und weiß, dass irgendwer auf mich aufpasst, wenn ich selbst nichts mehr tun kann. Ich gebe mich vertrauensvoll in Gottes Hand.

Und wir Deutschen können das nicht?

Hingabe fällt uns ungeheuer schwer. Das geht direkt auf die traumatisierenden Erfahrungen des Dritten Reiches zurück. Damals gab es Hingabe, massenweise. Millionen Männer gaben sich dem Faschismus hin oder wurden ihm geopfert. Millionen von Frauen wurden in ihrer Liebesfähigkeit missbraucht. Sie gebaren ihre Kinder nicht für ihre Familie oder das Universum, sondern für den Führer. Seitdem gibt es eine emotionale Sperre bei den Deutschen, sich als Teil eines Ganzen hinzugeben.

Wo gehen die Menschen dann mit ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit hin?

Sie irren umher. Sie suchen Geborgenheit und Gerechtigkeit, mal in der Gewerkschaft, mal in der Kirchengemeinde. Aber dort finden sie nichts.

Stattdessen beim Fernsehpfarrer Fliege?

Warum nicht? Sehen Sie den Fernseher doch einmal anders. Der flimmert blau, wie ein Stück vom Himmel, Stars kommen darin vor, ein Blick in die Weite. TV ist nun mal ein Stück Religionsersatz. Die Zuschauer vertrauen mir, weil ich keine Scheu vor den großen Gefühlen habe. Liebe, Schmerz, Trauer, das sind die Themen meiner Sendungen. Das ist zutiefst religiös.

Das Wohnzimmer wird zur Ein-Personen-Kirche?

Sie haben Recht, Religion braucht die Gruppe. Andere Menschen, die mich spiegeln, die mit mir teilen, singen, beten, tanzen. Aber das bekommen die großen Kirchen ja leider nicht hin. Ihr Tod ist programmiert.

Hätten die Kirchen mehr Zulauf, wenn sie sich mehr für soziale Gerechtigkeit engagieren würden?

Das tun sie doch schon. Sie profilieren sich als eine Agentur, die sich irgendwo zwischen Verdi, Grünen und SPD ansiedelt. Aber Religion hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Sie ist eine Antwort auf jene unvermeidbaren Wechselfälle des Lebens, die von uns als Krisen empfunden werden. Krankheiten, Jobverlust, Tod, meinetwegen auch die Finanzkrise. Deine Mutter stirbt und du bist traurig. Dein Vater stirbt und du bist wütend. Mit diesen Gefühlen müssen wir fertig werden. Aber genau da versagen die Kirchen.

Aber Seelsorge ist doch ihr Auftrag?

Ja, aber das Problem ist, dass die Kirchen so wenig über die Seele wissen. Die kleben an Buchstaben, statt sich für das Leben selbst zu interessieren. Das Wissen über unser Innenleben stammt von Psychologen wie Freud, Adler und Jung. Viele Kirchenleute sind in Sachen Seele schlicht inkompetent.

Also wenden sich die Deutschen anderen spirituellen Traditionen zu. Wie erklären Sie sich die Begeisterung ausgerechnet für den Dalai Lama?

Weil er kommt, lächelt und Hingabe lehrt. Er sagt: Stimme zu! Bejahe das Leben, egal wie es sich gerade zeigt. Wir sind beeindruckt von seiner inneren Ruhe. Der kratzt sich ausgiebig, während er sich mit dem Bundespräsidenten unterhält. Diese Kombination aus göttlicher Weisheit und Natürlichkeit kennen wir von unseren Klerikern nicht.

Führt die Zustimmung zu allem und jedem nicht zum Fatalismus? Wie kann der Dalai Lama zustimmen, wenn sein Land von Feinden besetzt wird?

Von einer höheren Warte aus gesehen gibt es keine Feinde, sondern einfach nur Menschen, die auch eine Familie haben, ihre Ziele verfolgen, Irrtümer begehen. Dem gilt es erst einmal spirituell zuzustimmen. Das kann dennoch bedeuten, sich politisch zur Wehr zu setzen. Aber nicht hasserfüllt, sondern so paradox es klingt in Achtsamkeit und Liebe.

Sehen Sie Unterschiede zwischen der katholischen und der protestantischen Haltung zu solchen Gefühlen?

Deutschland wird seit 500 Jahren vom Protestantismus geprägt. Emotionen, Bilder, Ekstase das alles wird ausgeklammert. Wahrscheinlich ist es die einzige Religion der Welt, die verspricht, man komme allein deshalb in den Himmel, wenn man nur feste glaubt. Die konkrete Lebenserfahrung zählt nicht. Also, nach der Geburt harrt man glaubensfest 85 Jahre auf Erden aus, dann Himmelfahrt, und Feierabend.

Was würden Sie antworten, wenn Bischof Wolfgang Huber zu Ihnen käme und sagte: Unseren Kirchen laufen die Leute weg, was soll ich tun, Fliege?

Er wird nicht kommen. Angeblich habe ich ihn vor 15 Jahren mal beleidigt. Mal abgesehen davon müssten die Kirchen sich zunächst einmal dazu bekennen, welche Rolle sie und ihre Mitglieder in der Nazizeit gespielt haben. Wie war das denn, als alle marschiert sind, als alle gesungen haben? Echte Reue wäre gefordert. Oft bekennen Protestanten zwar ihre Schuld, sagen aber gleichzeitig, wir waren es doch gar nicht. Sie müssen beginnen, um die Vergangenheit zu trauern.

Bereits in den sechziger Jahren bescheinigten die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich den Deutschen eine Unfähigkeit zu trauern.

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Datum:  29 | 7 | 2009
Seiten:  1 2
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