Mai 1968. Ich bin nicht in Paris, sondern 9500 Kilometer entfernt in Kalifornien, um eine Dozentenstelle an der dortigen Universität anzutreten. Als ich in Venice ankomme, einem Badeort, wo ich ein Apartment gemietet habe, bietet sich mir ein Bild aus biblischen Zeiten. Der Strand ist, so weit das Auge reicht, bevölkert mit Menschen in langen zerschlissenen Gewändern, eine bunte, etwas zerzauste Menge. In der Luft hängt der Geruch von Marihuana.
Hinter den Menschen, auf dem Gehweg, steht eine Reihe von Polizeiwagen, in jedem ein Beamter, der demonstrativ die Schrotflinte aus dem Fenster hält. Es herrscht eine bedrohliche Atmosphäre. Bis zu diesem Tage war ich weder in Kontakt mit Marihuana gekommen, noch hatte ich das Wort "Hippie" gehört. Es war zu jener Zeit in England noch kaum in Gebrauch.
68er: Fotos, Leserberichte und alle Originalausgaben der FR von damals
In Europa waren die Radikalen ziemlich konventionell - Studenten, die sich austobten, deren Radikalität aber nicht sehr weit ging. Ein Radikaler in Kalifornien dagegen musste radikal in allem sein. Ein Bekannter von mir, ein normaler Mathematikprofessor, mit Schlips und Kragen, Kurzhaarschnitt, Ehefrau und Kindern, verschwand für mehrere Monate vom Campus. Als ich eines Tages auf dem Weg zur Arbeit war, erschien eine Jesus-ähnliche Gestalt am Horizont. Er hatte blonde schulterlange Haare, einen langen Bart und trug ein wallendes Gewand.
Ich erkannte ihn nicht, bis er stehen blieb und mich begrüßte. Er hatte die Mathematik und seine Stellung aufgegeben, seine Frau und Kinder verlassen und war in der Wüste von New Mexico in eine Kommune gezogen, wo er als Handwerker arbeitete.
Es war auch die Zeit mehrfacher sozialer Bewegungen. Die 68er haben ihre Wurzeln in den Bürgerrechtsbewegungen der Südstaaten, die einige Jahre zuvor begannen, und im Free Speech Movement von Berkeley. Zur gleichen Zeit formierte sich die Bewegung gegen den Vietnamkrieg, der vielen Radikalen als Ventil diente. Auch die Hippie-Bewegung fällt in diese Zeit, obwohl die meisten Hippies gegen alle Arten von politischer Macht und Autorität waren.
Es gab einige Maoisten, die aber nicht so viel Einfluss hatten wie in Europa. Dann waren da noch die Black Panther und andere schwarze Dissidentengruppen, von denen einige zum Islam konvertiert waren. Und selbstverständlich gab es noch den Feminismus, und zwar von einer ganz neuen, allumfassenden Art. Dieser Feminismus war eher ein Produkt der 68er als ein Teil von ihnen, insofern dass einige seiner Vertreterinnen sich von den 68ern in die Radikalität getrieben fühlten und den Standpunkt vertraten, die Revolution sei von Männern für Männer gemacht.
Zehn Jahre später erhielt ich einen Brief von dem Mathematikprofessor, der ausgestiegen war. Er war nun wieder vereint mit seiner Frau, trug gepflegten Haarschnitt und Anzug, war zurück in seiner alten Umgebung und bemüht darum, seine alte Stellung wieder zu bekommen. Wie war es möglich, dass all die Radikalität und die Hoffnungen von 1968 fast so schnell wieder verschwanden, wie sie aufgekommen waren?
Die Gründe hierfür sind so vielschichtig wie das Phänomen selbst. Das Ende des Vietnamkrieges nahm vielen Regimekritikern den Wind aus den Segeln. Die Black Panther wurden von der Obrigkeit mit legalen wie illegalen Mitteln zerschlagen. Viele der persönlichen und sozialen Experimente der Hippies hinterließen einen schalen Nachgeschmack. Freie Liebe war zu einem Decknamen von sexuellem Kommerz geworden; Drogen führten in die Abhängigkeit statt zur Befreiung des Geistes. Hinzu kommt, dass die 68er einige Dinge in Frage stellten, die jede ordentliche Gesellschaft nötig hat. Sie waren gegen die Bürokratie, aber eine komplexe Gesellschaft kommt ohne ein bestimmtes Maß an bürokratischer Ordnung nicht aus. Keine Gesellschaft kann auf Grundlage allein von Rechten funktionieren.
Überlebt hat vor allem der Feminismus und zwar, weil er weniger Teil von 1968 war, als vielmehr durch 1968 provoziert wurde. Wichtig an den 68ern waren nicht nur die eigentlichen Bewegungen, sondern die tiefgehenden gesellschaftlichen Veränderungen, die ihren Ausgang in den späten 50er Jahren hatten und die sich in den 68ern widerspiegeln.
Noch heute spüren wir die volle Kraft dieser Veränderungen und sind bemüht, mit ihnen fertig zu werden. Zu nennen sind: der Status der Familie einhergehend mit einer Abwertung der Ehe und einer Akzentverlagerung auf die Qualität von Beziehungen (und von Sex); der massive Eintritt der Frauen in den Arbeitsmarkt; niedrigere Geburtenraten und das "geachtete Kind"; die Notwendigkeit, einen Lebensstil zu wählen, statt in ihn hineingeboren zu werden; das Aufkommen von Identitätspolitik; die Weigerung, Autoritäten anzuerkennen, nur weil dies Personen und Institutionen fordern.
Es wäre verfehlt, diese Veränderungen den 68ern zuzuschreiben, die lediglich ein Ausdruck derselben waren. So gesehen haftet den 68ern ein Nimbus an, den sie nicht verdienen, und die Konservativen, die ihnen die Schuld für unsere Probleme geben, haben ebenfalls Unrecht. Trotzdem muss ich die 68er bewundern. Ihre Befreiung war eine Illusion, aber zumindest lehrten sie uns, das vermeintlich Selbstverständliche zu hinterfragen.
Übersetzung: Andrian Widmann