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Was von Auschwitz bleibt

Mindestens ein Jahr vor der Befreiung des Vernichtungslagers wusste die Welt von den Morden - wollte es aber nicht wissen. Auschwitz ist die Metapher des Todes. Das Vernichtungslager der Nationalsozialisten steht für unvorstellbare Verbrechen der NS und für ein Scheitern der Aufklärung. Heutzutage werden mit dem Verweis auf Auschwitz militärische Interventionen rechtfertigt. Der Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main war 1963 der erste Versuch, ein umfassendes Bild der Gräuel der NS-Diktatur zu entwerfen.

Aufklärung: Die Besatzung eines alliierten Flugzeugs der britischen Royal Air Force machte diese Aufnahme vom Vernichtungslager Auschwitz am 31. Mai 1944. Links sieht man den Rauch aus dem Krematorium aufsteigen, in dem die Getöteten verbrannt wurden. Doch die Welt wollte damals noch nichts wissen von der industriellen Ermordung von etwa 1,5 Millionen Menschen. Das Bild stammt aus der Sammlung des Aerial Reconnaissance Archives (TARA) an der Keele University in Nordwest-England. Im Internet sind die Bilder der alliierten Luftaufklärung auch unter www.evidenceincamera.co.uk zu recherchieren.
Aufklärung: Die Besatzung eines alliierten Flugzeugs der britischen Royal Air Force machte diese Aufnahme vom Vernichtungslager Auschwitz am 31. Mai 1944. Links sieht man den Rauch aus dem Krematorium aufsteigen, in dem die Getöteten verbrannt wurden. Doch die Welt wollte damals noch nichts wissen von der industriellen Ermordung von etwa 1,5 Millionen Menschen. Das Bild stammt aus der Sammlung des Aerial Reconnaissance Archives (TARA) an der Keele University in Nordwest-England. Im Internet sind die Bilder der alliierten Luftaufklärung auch unter www.evidenceincamera.co.uk zu recherchieren.
Foto: ap

Wo Auschwitz liegt. Rudolf Vrba hat lange gebraucht, um diesen Ort zu finden. Zu finden also, wo er zwei Jahre seines Lebens gewesen ist. Als man ihn 1942 nach Auschwitz brachte, hieß Vrba noch Walter Rosenberg. Seit er den Ort wieder verlassen hat, nennt er sich Vrba, Rudolf Vrba.

Zu Auschwitz gehörte für manche Gefangenen, die die SS für Aufräumarbeiten einsetzte, auch der Teil des Lagers, den sie "Kanada" nannten. Kanada stand für eine gewisse Sehnsucht. Wegen der Entbehrungen. Dort zu arbeiten, vermerkt die Historikerin Sybille Steinbacher, "galt als Privileg". Kanada bezeichnete einen Platz, an dem die Terrororganisation das aufbewahrte, was ihre Gefolgsleute eintreffenden Gefangenen abnahmen, bevor sie sie weiterschickten - in den Tod oder zur Zwangsarbeit.

Auschwitz

Auschwitz gehört zur Signatur des 20. Jahrhunderts. Auschwitz ist die Metapher der Katastrophe und bündelt als Begriff die Erfahrung des Tötens in bis dahin nicht gekannten Dimensionen. Auschwitz steht für unvorstellbare Verbrechen und somit als radikale Infragestellung sämtlicher Aufklärung.

Die Auseinandersetzung mit Auschwitz gilt als Programm für eine Erziehung zur Mündigkeit und zielt auf den Widerspruch zur Leugnung des Holocaust. Das war in Deutschland bis Ende des 20. Jahrhunderts akzeptiert - bis zur Rede des Schriftstellers Martin Walser über die "Auschwitz-Keule".

Seit der anschließenden Kontroverse wird die Erörterung des Holocaust von tief sitzenden Gereiztheiten begleitet. Mit dem Kosovo-Krieg ist Auschwitz zur außenpolitischen Chiffre geworden - im Namen von Auschwitz setzt der Westen, angeführt von den USA, sein Militär zur Durchsetzung und zum Erhalt der Menschenrechte ein.

Prof. Dr. Rudolf Vrba, Zeuge im Auschwitz-Prozess und Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz, bei der Gedenkstunde zum Auschwitz-Prozess.
Prof. Dr. Rudolf Vrba, Zeuge im Auschwitz-Prozess und Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz, bei der Gedenkstunde zum Auschwitz-Prozess.
Foto: FR

In Kanada, in diesem gelobten Land, gab es Gold und Schmuck; Gegenstände, die im Lager als Währung dienten. Walter Rosenberg gehörte in Auschwitz zu den "Aufräumern", später setzte ihn die SS als Schreiber ein. Mit diesen Tätigkeiten erschloss sich für den 19-Jährigen aus dem tschechoslowakischen Topolcany allmählich, dass dieser Ort in der Nähe des Flusses Sola liegen müsse. Von dort aus flussaufwärts kommt man in die Slowakei. Das zumindest legte die Karte nahe, die er aus dem Atlas eines Jungen gerissen hatte.

Wo Auschwitz liegt, das hat US-Präsident Jimmy Carter dem Schriftsteller Elie Wiesel 1979 bei ihrem ersten Treffen gezeigt. Carter überreichte Wiesel eine Luftaufnahme von Auschwitz-Birkenau - entstanden 1944, während des Kriegs also. Auschwitz-Birkenau ist in der Verwaltungssprache der SS Auschwitz II und liegt etwa drei Kilometer vom Stammlager entfernt. Damit bezeichnet ist der eigentliche Ort der Vernichtung. Wiesel hatte in Monowitz - oder auch Auschwitz III - Zwangsarbeit leisten müssen. Zwei Monate nach dem Treffen mit Carter sehen sich die beiden wieder. Wiesel kommt auf das Geschenk zu sprechen, um auf die Verantwortung der Zeugen für die Gegenwart anzuspielen: Damals, sagt Wiesel, habe die Welt alles gewusst, aber sie habe geschwiegen.

Spätestens im Frühjahr 1944 konnte die Welt es wissen. Allerspätestens. Am 7. April gelingt Vrba gemeinsam mit Alfred Wetzler die Flucht aus Auschwitz. Zu diesem Zeitpunkt weiß Vrba, wo Auschwitz liegt. 120 Kilometer von der slowakischen Grenze entfernt. Immer flussaufwärts. Ein mühsamer Weg für die Flüchtlinge, die diese Strapazen auf sich nahmen, weil sie an eine Mission glaubten. An ihre Mission. Sie wollten Zeugnis ablegen, Klarheit schaffen, der Welt die Augen öffnen. Über Auschwitz und das, was Auschwitz ist.

Was ist Auschwitz? "Das menschliche Bewusstsein", notiert Vrba in seiner 1964 erschienenen autobiografischen Skizze Als Kanada in Auschwitz lag. Dieses Bewusstsein "musste erst dazu erzogen werden, die Vorstellung von Massenmorden nach Auschwitzer Maßstäben in sich aufnehmen zu können". Eine Einsicht, die auf die Zweifel an den Schilderungen zurückgeht und die radikale Ablehnung , die Geflüchtete vielerorts erfuhren.

Die Welt konnte nach den Berichten von Vrba und Wetzler wissen, was in Auschwitz passierte, konnte erfahren, dass "die Deutschen einen fabrikartig organisierten Riesenschlachthof betrieben". Die Welt - der Vatikan inklusive - mochte aber nicht. Weil sie es nicht glauben konnte. Nicht glauben konnte, dass es Auschwitz auf dieser Welt gab. Vor allem aber, da ist Vrba sich sicher, weil Opportunismus der Einsicht entgegenstand. Er hielt nie seine Kritik zurück, etwa an den ungarischen Judenräten, die den Deportationen aus dem von der Wehrmacht seit März 1944 besetzten Land nahezu gleichgültig entgegen gesehen hätten. Nach Ansicht von Vrba hätte sich durch Entschlossenheit das Schlimmste verhindern lassen - Mitte 1944 mussten an der "Judenrampe" täglich 10 000 ungarische Juden zur Selektion antreten.

Für die Entwicklung einer Vorstellung von Auschwitz im menschlichen Bewusstsein, wie Vrba sie sich vorstellte, gehörte die genaue Skizzierung des Todeslagers wie auch der Schilderung von täglichen Ereignissen. "Keiner von denen, die das Lager A in Birkenau überlebt haben", schreibt Vrba in seinem von der Öffentlichkeit zunächst weitgehend unbeachteten Buch, "wird jemals den 7. September 1943 vergessen". Der Tag, an dem im angrenzenden Lager B Zivilisten ankamen, denen gegenüber sich die SS-Leute ausnehmend freundlich gaben. Die Zivilisten kamen aus Theresienstadt nach Auschwitz. Endstation. Doch über die Tötungsabsichten durfte Vrba zufolge unter den in Theresienstadt verbliebenen Gefangenen der Nationalsozialisten nichts bekannt werden - Himmlers Terrororganisation SS wollte jeden Widerstand unbedingt vermeiden.

In ihrem Bericht über Auschwitz schätzen Vrba und Wetzler die Zahl der Opfer - Juden, Oppositionelle, Sinti und Roma - auf 1,75 Millionen Tote. Das ist zu hoch gegriffen. Als gesichert gilt, dass in Auschwitz bis zu 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden. Doch die Schätzung der Geflüchteten deutet bereits auf die Dimension des Verbrechens hin. Sie wurden nicht allein Opfer des Hasses. Die Täter seien sicherlich auch von Hass angetrieben worden. Sagt Elie Wiesel, fast zwei Jahrzehnte nach seinen Zusammenkünften mit Jimmy Carter. Seit dessen Amtszeit ist Wiesel vor allem unter dem Demokraten Bill Clinton ständiger Begleiter des Holocaust-Gedenkens in den USA.

Über das Motiv der Gier sprach Friedensnobelpreisträger Wiesel zu Beginn einer Konferenz über Restitutionsansprüche von Holocaust-Opfern im Dezember 1998 in Washington. Von der Entschädigung früherer Zwangsarbeiter, die etwa für die IG Farben in Auschwitz geschuftet und gelegentlich überlebt hatten, war zu diesem Zeitpunkt noch immer keine Rede. Es ging um Raubgüter, mitunter um Sachen, die in "Kanada" gelandet sind. Ein feierlicher Akt im Holocaust Memorial Museum, mit einer Ansprache von Wiesel, dem Zeugen der Zeit. Im Dienst der gerechten Sache, der sich auch Washington zu diesem Zeitpunkt verschrieben hat: Präsident Clinton dringt darauf, alte Lasten aus dem 20. Jahrhundert an dessen Ende abzutragen und die Welt auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten. Im Namen von Auschwitz - sozusagen: Damit entreißt man Auschwitz dem nationalen Gedächtnis und pflanzt diese Chiffre der Unmenschlichkeit in ein menschheitsgeschichtliches Gedächtnis um.

Was von Auschwitz bleibt. Auschwitz bedurfte der Zeugenschaft. Das hat manche Überlebende wohl überhaupt nur am Leben gehalten. Hermann Langbein etwa, der spätere Generalsekretär des Internationalen Auschwitz-Komitees, Mitglied des Rats für die Gedenkstätte in Auschwitz und Chronist des Frankfurter Auschwitz-Prozesses: "Ich hatte den festen Eindruck gefasst", notiert der 1942 nach Auschwitz deportierte Langbein, "nicht freiwillig in den Tod zu gehen, was auch immer geschehen möge. Ich wollte alles sehen, alles durchmachen, alles erfahren, alles in mir aufnehmen. Zu welchem Zweck, wenn ich doch niemals Gelegenheit finden sollte, der Welt das Ergebnis meiner Entdeckungen entgegenzuschreien? Einfach deshalb, weil ich mich nicht ausschalten wollte, nicht den Zeugen ausschalten, der ich sein konnte", sagt der Mann, der im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, der auch die so genannte Kampfgruppe Auschwitz immer wieder angespornt hatte.

Zeuge im Auschwitz-Prozess. Vrba, der am Samstag zur Eröffnung der Ausstellung über das Verfahren in Frankfurt am Main sprechen wird, sagte damals aus: in der Sache gegen Mulka und andere. "Dieser Prozess ist deswegen wichtig", sagt der 79-Jährige heute, "weil zum ersten Mal bewiesen wurde, dass es Auschwitz gegeben hat."

Autor:  Matthias Arning
Datum:  24 | 3 | 2004
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