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Zeitgeschichte

10. Juni 2009

Widerstand: "Wer Mauern baut, hat es nötig"

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Der Westberliner Student Klaus-Michael von Keussler gehört zu einer Gruppe von Fluchthelfern, die einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch graben. Im Oktober 1964 gelingt 57 Menschen unterirdisch die Flucht. Rund 70 Tunnel zwischen Ost-und West-Berlin sind heute bekannt.  Foto: dpa

Als die DDR ihre Grenze abriegelte, gab es mehr Widerstand als zunächst bekannt.

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"Nicht teilgenommen": Der Chef des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, Erich Mielke, hat es eigenhändig auf die Einladung geschrieben. Dabei kam sie von ganz oben: "Der Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Genosse Walter Ulbricht, bittet Sie, an einer Zusammenkunft der Mitglieder des Ministerrates am Sonnabend, den 12. August 1961, 16.00 Uhr, im Wochenendheim des Vorsitzenden des Staatsrates in Dölln teilzunehmen. Mit sozialistischem Gruß ..."

Mielke konnte sich das sparen. Er wusste, was Ulbricht den Ministern "bei Kaffee und Tee, bei schönem Wetter auf der Terrasse, sonst im Kaminzimmer" sagen wollte. Es ging um die Abriegelung von West-Berlin, geplant für den nächsten Tag, den 13. August 1961.

Ulbricht drängte gegenüber der Vormacht Sowjetunion schon seit 1952 auf einen Riegel mitten durch Berlin, damals, als die Grenze durch Deutschland mit Stacheldraht befestigt wurde. Doch die Sowjets gaben nicht nach. Sie mussten in der Vier-Mächte-Stadt Rücksicht auf die einstigen Alliierten USA, Großbritannien und Frankreich nehmen. Jede Änderung konnte die Westmächte aufbringen und womöglich zu einer Berlin-Krise führen, die in einen Krieg hätte münden können.

Große Sorgen aber machte Chruschtschow wie Ulbricht die "Abstimmung mit den Füßen". Mehr als drei Millionen Menschen hatten seit 1945 den Bereich der Sowjetherrschaft verlassen. Grenzpolizisten kontrollierten Autos, Bahnpolizisten Züge, S- und U-Bahn. Aber mögliche "Republikflüchtige" so aufzuspüren, war bei einer Million Grenzpassagen am Tag fast unmöglich.

Mit dem Vorschlag von 1958, den Westteil Berlins zur "Freien Stadt" zu machen, wollte Chruschtschow den ungehinderten Zu- und Weggang von dort ins Bundesgebiet (via Flugzeug) unmöglich machen; den Transit sollte die DDR völlig kontrollieren, auch den der West-Berliner. Chruschtschow aber unterschätzte den Westen. Zwar wollte Englands Premier Harold Macmillan dem Ansinnen entgegenkommen. Doch die USA und Frankreich lehnten strikt ab. So ging Moskau auf den West-Vorschlag einer Viermächtekonferenz mit den Deutschen "am Katzentisch" ein; doch sie endete ergebnislos.

Heute sind sich Historiker einig: Die Entscheidung zur Abriegelung fiel erst wenige Tage vor dem 13. August; nur über das genaue Datum gehen die Meinungen auseinander. Die einen meinen, Ende Juli, die anderen Anfang August in Moskau, wo die Ostblockführer zusammen trafen. Am 15. Juni war die Entscheidung offenkundig noch nicht gefallen. Da fragte die Berliner Korrespondentin der Frankfurter Rundschau, Annamarie Doherr, Ulbricht auf einer Pressekonferenz, ob er "mit allen Konsequenzen" am Brandenburger Tor eine Staatsgrenze einrichten wolle. Ulbricht ist wohl mit der Antwort "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" auf Doherrs besonders betonte Worte "mit allen Konsequenzen" hereingefallen, mutmaßt der Berliner Historiker Hans Hermann Hertle - das M-Wort war gefallen. "Letzte" Konsequenz sei für Ulbricht stets eine Mauer gewesen, meint Hertle. Doch Chruschtschow ließ Ulbricht mehrfach abblitzen; er glaubte an die "Freie Stadt", fürchtete, eine Abriegelung könne der Sowjetunion als Schwäche ausgelegt werden und auch zu Wirtschaftssanktionen für alle Ostblockländer führen.

Erst als US-Präsident John F. Kennedy am 26. Juli Freiheit und Zugang für Berlin garantierte, sich aber trotz aller Viermächterechte nur auf den Westteil bezog, traf Ost-Berlin offenbar erste Vorbereitungen. Vier Tage später sagte US-Senator William Fulbright: "Ich verstehe nicht, warum die Ostdeutschen nicht die Grenze schließen, ich glaube, sie haben ein Recht dazu."

Am Montag, 7. August, trat in Ost-Berlin das SED-Politbüro, der höchste Führungszirkel, unter Ulbricht zusammen. Beschluss: "Der Beginn der vorgesehenen Maßnahmen zur Kontrolle erfolgt in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag auf Grund eines Beschlusses des Ministerrates." Am Mittwoch trat der Einsatzstab unter Erich Honecker zusammen; Ulbrichts späterer Nachfolger gab sich als Organisator des Mauerbaus zu erkennen. Am Freitag, 11. August, bereitete Stasi-Chef Mielke seine Leute auf die "Aktion Rose" vor, "einen neuen Abschnitt der tschekistischen Arbeit". "Jetzt müssen wir beweisen, ob wir die Politik der Partei verstehen ...", zitieren Historiker aus Stasi-Akten. "Feinde sind streng und in der jetzigen Zeit schärfer anzupacken. Feindliche Kräfte sind sofort ohne Aufsehen unter Anwendung entsprechender Methoden festzunehmen, wenn sie aktiv werden." Gegen 16 Uhr am 12. August unterzeichnete Ulbricht die Einsatzbefehle. Um 1.30 Uhr wurde der durchgehende Verkehr unterbrochen, Gleise wurden durchtrennt, spanische Reiter aufgestellt, Straßen aufgerissen. Morgens um sechs Uhr war der "technische" Teil der Aktion abgeschlossen. Oder, wie es freilich erst 1989 SED-Politbüromitglied Werner Jarowinsky westlichen Diplomaten sagte: "Der Kerker für 17 Millionen war da."

In der DDR aber gab es mehr Widerstand als bisher bekannt. So verzeichnen Stasi-Berichte "größeren Unmut bei Jugendlichen". In der Bevölkerung werde gesagt, statt der Grenzsperrung hätte man "freie Wahlen" unter internationaler Kontrolle durchführen sollen; und: "Die Maßnahmen dienen lediglich dem Zweck, die Entvölkerung der DDR zu verhindern" und könnten "einen Krieg heraufbeschwören".

Es gab Aufschriften wie "Wer Mauern baut, hat es nötig". In den drei Wochen danach wurden 6000 Menschen festgenommen, 3000 blieben inhaftiert. Bis 1989 nahmen Proteste und Fluchten zwar ab, aber aufgehört haben sie nie, auch wenn mancher angesichts der Gewalt resignierte. 1981 spielte sich diese Szene am Brandenburger Tor ab: "Mutti, warum stehen die Soldaten da?" - "Die Soldaten stehen da, damit keiner von drüben herkommt." Und dann, deutlich leiser: " ... und damit keiner von hier nach drüben kann." Umstehende können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Da brüllt die Frau sie an: "Dann sagen Sie doch dem Kind, was hier los ist."

Der englische Pfarrer Paul Oestreicher besuchte 1962 Ulbricht im Auftrag von Amnesty International; er setzte sich für den entführten Gewerkschafter Heinz Brandt ein. Ulbricht habe sich als eine Art Opfer der Mauer gesehen, erzählt Oestreicher der FR. Die Mauer habe er um der Zukunft des Sozialismus willen bauen müssen. "Jeder Schuss an der Mauer ist ein Schuss auf mich." Dem erstaunten Zuhörer erläuterte Ulbricht: "Jeder Schuss ermöglicht neue Propaganda gegen die DDR."

An Mauer und Stacheldraht wurden von 1961 bis 1989 35.000 Gewaltakte und mehr als 900 Tote registriert; es gab über 250.000 politische Strafverfahren. Als die Mauer im November 1989 fiel, ging ziemlich schnell die Existenz der DDR zu Ende. Nichts hätte deutlicher machen können, wodurch ihr Bestand bis dahin garantiert worden war: durch eine versperrte Grenze und 400.000 sowjetische Soldaten.

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