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Zukunft 2030
Für unsere Zukunftsserie haben wir Wissenschaftler aus der ganzen Welt in Universitäten, Schulen und Labors der Industrie besucht.

14. Juni 2012

Experten-Interview: Hoffnung aus der Petrischale

Zur Welt kam Rudolf Jaenisch 1942 in Niederschlesien. 1967 ging er in die USA. Dort entwickelte er die ersten Mausmodelle zur Erforschung menschlicher Krankheiten. Heute ist er einer der führenden Stammzellforscher.  Foto: dapd

Rudolf Jaenisch ist einer der führenden Stammzellforscher. Er arbeitet mit humanen Embryostammzellen. Weil das in Deutschland schwierig und umstritten ist, arbeitet er in den USA.

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Berlin –  

Als Medizinstudent hat Rudolf Jaenisch noch gelernt, dass eine Körperzelle, wenn sie einmal ausgereift ist, nicht mehr in den ursprünglichen Zustand zurück kann. Das war in den Sechzigerjahren in München, bevor er gen Westen aufbrach und in den USA einer der angesehensten Biowissenschaftler der Welt wurde.

Auch dank seiner Studien ist heute klar, dass die Entwicklung einer Zelle sich sehr wohl umkehren lässt und man, jedenfalls im Prinzip, alle Zelltypen in alle anderen umwandeln kann: Hautzellen in Blutzellen, Leberzellen in Nervenzellen.

Die Geschichte vom gestürzten Dogma bekommt jede neue Studentengeneration zu hören, die zu Jaenischs Whitehead Institute in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts pilgert. Sie enthält viel von der Lebenserfahrung des 70-jährigen, jugendlichen Stammzellforschers, der ans Aufhören nicht denkt.

Herr Professor Jaenisch, welche Rolle spielen Stammzellen für die Medizin der Zukunft?

Sie werden bei vielen Krankheiten den Durchbruch bringen. Zum Beispiel beim weit verbreiteten Diabetes Typ 1. Das ist eine Autoimmunkrankheit, bei der eigene Immunzellen die insulinproduzierenden Zellen des Körpers abtöten. Ich gehe davon aus, dass man in Zukunft aus Hautzellen eines Patienten körpereigene Insulin-Zellen herstellen kann. Die werden dann transplantiert und produzieren im Körper das dringend benötigte Hormon. Für den Patienten wäre das eine große Erleichterung im Vergleich zum heute noch obligatorischen, lästigen Insulinspritzen.

Wann ist mit dieser Therapie zu rechnen?

Es wäre unseriös, wenn ich Ihnen jetzt ein Datum nennen würde. Aber solche Transplantationen von körpereigenen Zellen sind in der Entwicklung. Nicht nur für Diabetes 1, sondern auch für bestimmte Blutkrankheiten. Etwa die Sichelzellenanämie, die zu lebensgefährlichen Durchblutungsstörungen führen kann.

Wie weit ist man da?

Aus Tierversuchen wissen wir, dass die Therapie im Prinzip funktioniert. Sie muss jetzt auf den Menschen übertragen werden. Einige technische Fragen sind noch zu klären, aber daran wird in zahlreichen Labors mit Hochdruck gearbeitet. Es wird gelingen, da bin ich sicher.

Gibt es heute schon erfolgreiche Anwendungen der Stammzellentherapie beim Menschen?

Eine Therapie bewährt sich seit dreißig Jahren, das ist die Knochenmarktransplantation. Dabei werden, etwa nach einer Chemotherapie, ausgereifte Blutstammzellen übertragen, die dann im Patienten neue Blutzellen bilden. Jüngeren Datums sind Therapieversuche mit embryonalen Stammzellen. Die waren alle uneffektiv und zum größten Teil sogar skandalös.

Was hat Sie am meisten aufgeregt?

Dass eine Düsseldorfer Klinik eine völlig unerprobte Therapie mit Stammzellen aus dem Knochenmark gegen Parkinson und Alzheimer anbieten durfte. Erst als Patienten starben, konnten die Behörden die Klinik im vergangenen Jahr schließen. Es gibt derzeit keine wissenschaftlich begründete Stammzelltherapie gegen solche Hirnleiden, und wer so etwas heute anbietet, ist ein Scharlatan.

Besteht denn Aussicht auf eine wirksame Stammzellbehandlung bei Parkinson und Alzheimer?

Ich glaube nicht so recht daran. Bei diesen Krankheiten sind ja alle Nervenzellen irgendwie beeinträchtigt. Es handelt sich um Milliarden Zellen und alle auszutauschen, das geht nicht. Weitaus mehr verspreche ich mir von der Entwicklung neuer, gezielter Medikamente. Mit den derzeit üblichen Arzneimitteln kommt man ja nicht sehr weit. Wir brauchen dringend neue Ansätze und die werden aus unseren Labors kommen. In diesem Bereich wird die Stammzellforschung den größten Beitrag leisten.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Wir arbeiten mit Zellen von Patienten, die an einer genetisch bedingten, früh ausbrechenden Form der Parkinsonschen Krankheit leiden. Da lässt sich die Ursache viel eindeutiger bestimmen als bei der häufigeren Variante, die im Alter auftritt. Eine winzige Veränderung in zwei genetischen Bausteinen der DNA reicht aus, um die schweren Symptome der Krankheit hervorzurufen. Für unsere Untersuchungen reicht es, wenn wir Hautzellen von den Patienten erhalten. Die wandeln wir im Labor zunächst in pluripotente Stammzellen um, die alle Körpergewebe hervorbringen können. Diese sogenannten iPS-Zellen differenzieren wir dann in den Typ von Nervenzellen, der bei Parkinson abstirbt. Gleichzeitig züchten wir gesunde Kontrollzellen in der Petrischale: Sie sind vom gleichen Patienten, doch in ihnen haben wir vorher das defekte Basenpaar durch ein normal funktionierendes ausgetauscht. Durch den Vergleich der beiden Zelllinien können wir jetzt genau untersuchen, warum die kranken Zellen früher sterben. Der nächste Schritt ist, ein Molekül zu finden, das genau am Ort des Schadens andockt und die unheilvolle Entwicklung blockiert. Das wäre ein direkter Weg zu einer Therapie.

Gibt es diese Hoffnung auch für Alzheimer?

Ja, auch da gibt es Formen, die nur eine genetische Veränderung haben und die ebenfalls in jüngeren Jahren ausbrechen. Daran lässt sich der Krankheitsmechanismus gut studieren, alles andere ist zu komplex. Und ebenso wie bei Parkinson ist auch hier denkbar, dass man über die Stammzellforschung gezielt wirkende Substanzen findet, die den Zelltod verhindern. Das wird man erst in der Petrischale testen, dann an Tieren, denen man die defekten menschlichen Gene eingeschleust hat. Und schließlich, wenn alles gut geht, an kranken Menschen.

Werden die Medikamente auch denen helfen, die erst im Alter erkranken?

Da ist unsere Hoffnung.

Eignet sich diese Methode auch für andere Krankheiten?

Ja. Überall auf der Welt, in Tausenden von Labors, werden auf diese Weise Zellen von Patienten gezüchtet. Es geht um die unterschiedlichsten Krankheiten und darum, die Mechanismen auf molekularer Ebene zu verstehen. Was genau führt zu dem Defekt, der die Krankheit auslöst? Und mit welchen Wirkstoffen lässt sich die unheilvolle Kaskade unterbrechen? Solche Fragen beschäftigen derzeit eine ganz Armada von Forschern. Das Gebiet ist überhitzt, die Konkurrenz wahnsinnig groß. Und leider werden immer wieder Ergebnisse vorschnell publiziert.

Mit welchen Konsequenzen?

Die Forscher kommen schnell an ihre Meriten, können aber auch tief stürzen, wenn ihre Studie nichts taugt. Und die Patienten entwickeln möglicherweise völlig überzogene Hoffnungen.

Braucht gute Stammzellforschung heute noch Embryozellen?

Ja. Stammzellen aus dem Embryo haben das größte Entwicklungspotenzial. An ihnen müssen wir die Ergebnisse unserer Arbeit messen, sie sind unser Goldstandard. Wenn wir irgendwann einmal exakt wissen, was eine gute Zelle ausmacht, brauchen wir sie vielleicht nicht mehr. Aber bis dahin ist es erforderlich, immer wieder neue Zelllinien aus Embryonen anzulegen, weil die bestehenden nicht optimal sind.

Was Sie an Ihrem Institut machen, wäre in Deutschland illegal.

Meine ganze Forschung wäre in Deutschland unmöglich gewesen. Das ist ein wichtiger Grund, weshalb ich nicht nach Deutschland zurückgegangen bin. Diese ideologisch verhärtete Diskussion, diese wahnwitzige Bürokratie, das schreckt mich ab. In den USA gibt es auch strenge Kontrollen, aber die Forschung wird nicht behindert. Und genau dazu führt die deutsche Gesetzgebung. Sie ist, aus der Warte der Patienten betrachtet, unethisch, weil sie ihnen Heilungschancen vorenthält. Ich verstehe medizinische Ethik anders und habe absolut kein Problem damit, abgetriebene und für Forschungszwecke freigegebene Embryonen zu nutzen.

Wird man die Medikamente aus Ihrer Forschung auch in Deutschland nutzen, obwohl zu ihrer Entwicklung Embryostammzellen nötig waren?

Davon bin ich überzeugt. Diese ganze Debatte wird irgendwann eine historische Posse sein.

Wenn Sie an 2030 denken: Was werden Stammzellforscher dann erreicht haben?

Man wird vielleicht einige der heute noch unheilbaren Krankheiten beherrschen lernen, mit Hilfe hochwirksamer Medikamente oder durch Zelltransplantationen. Die Menschen werden dadurch länger leben können.

Vielleicht sogar ewig, wie es einige Science-Fiction-Autoren verheißen?

Das ist Unsinn. Die Zellen degenerieren mit der Zeit, man wird nicht den gesamten Alterungsprozess aufhalten können. Aber man kann die schweren Symptome von Krankheiten lindern. Das macht das Leben lebenswerter.

Interview: Lilo Berg

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