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Zukunft 2030
Für unsere Zukunftsserie haben wir Wissenschaftler aus der ganzen Welt in Universitäten, Schulen und Labors der Industrie besucht.

04. Juni 2012

Interview zu Kunstfleisch: Ein Hamburger aus dem Labor

Ob der Burger auch mit Kunstfleisch schmeckt?  Foto: imago

Anfang des Jahres machte der niederländische Gefäßmediziner Mark Post weltweit Schlagzeilen, als er einen Hamburger mit künstlichem Fleisch ankündigte. Entwickelt wird es an der Universität Maastricht, das Geld kommt von einem anonymen Spender. Im November will Mark Post seinen Kunstburger dem Publikum vorstellen.

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Eigentlich hat Mark Post gar keine Zeit für künstliches Fleisch: Der 1957 in Amsterdam geborene Mediziner leitet das Institut für Physiologie an der Universität Maastricht und erforscht Mittel gegen Gefäßverschlüsse beim Menschen. Aber das Laborfleisch-Projekt, das er anfangs nur zum Spaß betrieben hat, beansprucht inzwischen fast seine ganze Energie. Gelingt das Vorhaben, das ein Sponsor mit 300.000 Euro fördert, hat Mark Post seine Kollegen in Europa und USA klar überholt. Gut zwei Dutzend Labors weltweit arbeiten an diesem Thema. Zusammen mit ihnen will Post den Kunstburger weiterentwickeln.

Weiterführende Links

Video "How growing meat in a petri dish may be the future" (BBC-Beitrag mit Mark Post)

Video "The World in 2030" (Bevölkerung)

Video "The World in 2030" (Vortrag von Michio Kaku)

Werden Sie den Termin im November schaffen?

Ja, sicher. Hier in meinem Labor laufen gerade die technischen Vorbereitungen. Nach der Sommerpause fangen wir mit der Produktion an. Drei Monate wird es dauern, dann haben wir genug Fleisch für einen Hamburger. Im November wollen wir ihn öffentlich grillen und verspeisen.

Warum machen Sie so ein Spektakel daraus?

Weil ich unbedingt will, dass aus dem Projekt etwas wird. Noch stehen wir ganz am Anfang. Was wir Ende des Jahres vorstellen, ist nicht mehr als ein Prototyp, der beweisen soll, dass künstliches Fleisch im Prinzip möglich ist. Um ein marktreifes Produkt zu entwickeln, werden wir sehr viel Geld brauchen. Das Grillfest wird, so hoffe ich, Investoren auf uns aufmerksam machen.

Mit welchen Kosten rechnen Sie?

Allein die Herstellung unseres Viertelpfünders verschlingt schon eine Viertelmillion Euro.

Und das ist erst der Anfang?

Ja, wahrscheinlich sind mehrere hundert Millionen Euro erforderlich, um irgendwann einmal gutes Laborfleisch zum günstigen Preis anbieten zu können. Es handelt sich um ein gigantisches Vorhaben, gewissermaßen um ein Manhattan-Projekt der Welternährung.

Ist der Vergleich nicht zu hoch gegriffen?

Nein, ich glaube, die Dimension stimmt. Aber statt der Welt zu schaden, wie das Atombomben-Projekt, wird Labor-Fleisch von großem Nutzen sein. Es wird die traditionelle Fleischproduktion ablösen. Zum Glück! Denn die Viehmast beansprucht heute schon siebzig Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen und nahezu zehn Prozent des Süßwassers. Sie verursacht fast ein Fünftel aller Treibhausgase. Das ist eine Riesenbelastung. Und sie wächst ins Unerträgliche, wenn sich der Fleischkonsum bis 2050 verdoppeln sollte, wie die Welternährungsbehörde FAO prognostiziert. Hinzu kommen die Probleme der Massentierhaltung und das große ethische Dilemma: Millionen Tiere müssen ihr Leben für den Menschen lassen.

Sie kommen völlig ohne Schlachtung aus?

So weit sind wir noch nicht. Noch benötigen wir Stammzellen von Spendertieren. Irgendwann reicht vielleicht eine kleine Gewebeprobe. Falls künstliches Fleisch sich durchsetzt, würden millionenfach weniger Tiere als heute geschlachtet werden müssen. Ganz Deutschland könnte sich von einer Kuh ernähren.

Wie wird aus Tiergewebe Fleisch ?

Zuerst isolieren wir reife Stammzellen aus den Muskeln gesunder Rinder. Diese Zellen können sich noch in mehrere Richtungen entwickeln, in Muskeln oder Fett, aber ein ganzes Tier kann aus ihnen nicht mehr werden. Diese Zellen legen wir in eine Nährlösung auf der Basis von Rinderserum und beobachten, wie sie sich vermehren. Aus einer Stammzelle können eine Billion Körperzellen entstehen. In Zukunft wird der Prozess großtechnisch in Bioreaktoren ablaufen. Zurzeit passiert das alles noch in der Petrischale. Wir züchten separat Muskelzellen und Fettzellen, denn die beiden brauchen wir für unser Vorhaben. Vor dem Grillfest werden wir etwa dreitausend Gewebestückchen miteinander vermengen und einen Hamburger daraus formen.

Das klingt alles so einfach.

Für Hackfleisch wird die jetzige Methode ausreichen. Ein Steak könnten wir damit aber nicht herstellen. Dafür müsste das Fleisch in eine bestimmte Form wachsen und eine gewisse Dicke erreichen. Jetzt sind unsere Zellschichten aber höchstens einen Millimeter hoch. Das wird auch so bleiben, bis wir einen Weg finden, um Sauerstoff und Nährstoffe ins Fleischinnere zu leiten. Im Tier passiert das über die Blutadern.

Gibt es schon Ideen zur Lösung des Problems?

Man könnte die Zellen an einem Gerüst aus biologisch abbaubarem Material wachsen lassen. So ließe sich einerseits die Form des Fleischs bestimmen, andererseits wäre es möglich, Nährstoffe nach innen leiten. Ähnlich macht man das ja auch in der Medizin, bei der Züchtung von Gewebe für den Menschen.

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