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14. Juni 2012

Neue Ära der Heilkunst: Erst zum Gentest, dann die Therapie

 Von Lilo Berg
Beim Krebsgenomprojekt werden wird auch das X-Chromosom untersucht.  Foto: Reuters

Anna hat einen Hirntumor. Die Therapie für sie ist auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Ein Beispiel dafür, dass sich personalisierte Medikamente für spezielle Patienten mehr und mehr durchsetzen. Den Anfang macht die Krebsmedizin.

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Anna hat einen Hirntumor. Die Therapie für sie ist auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Ein Beispiel dafür, dass sich personalisierte Medikamente für spezielle Patienten mehr und mehr durchsetzen. Den Anfang macht die Krebsmedizin.

Kopfschmerzen hat Anna nur noch selten. Sie kann wieder Trompete spielen und nach der Schule geht sie am liebsten zum Fußballspielen. Vor ein paar Wochen ist das hübsche, dunkelhaarige Mädchen acht Jahre alt geworden. Dass es an einem Hirntumor erkrankt ist, sieht man ihm nicht an.

Vor einem Jahr wurde die Geschwulst entdeckt. Immer öfter hatte Anna über Kopfweh geklagt und manchmal musste sie sich ohne ersichtlichen Grund übergeben. Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass in ihrem Kopf ein Astrozytom wuchs, ein Tumor im Stützgewebe des Gehirns. Um fürs Erste die Beschwerden zu lindern, entfernte ein Chirurg ein Stück davon.

Eine nachhaltige Therapie war das nicht, das wussten Annas Eltern, die noch zwei jüngere Kinder zu versorgen haben. Doch welcher Weg war nun der beste: eine sofortige Chemo- und Strahlentherapie oder einfaches Abwarten?

Ein gefährlicher Eingriff

Annas Eltern entschieden sich zunächst für einen neuartigen molekulargenetischen Test. Im Labor wurden daraufhin charakteristische Gendefekte im Tumor entziffert, und zwar anhand des kleinen Gewebestücks, das man bei der Operation entnommen hatte.

Als das Ergebnis feststand, eine Veränderung im Gen B-RAF, waren die Eltern erleichtert. Diese Mutation kommt bei 70 Prozent der Astrozytome vor und sie ist das Erkennungszeichen der harmlosesten, weil nur langsam wachsenden Variante des Tumors. Kinder, die davon betroffen sind, leben mit einer Wahrscheinlichkeit von gut 90 Prozent auch noch zehn Jahre nach der Erstdiagnose. Andere Hirntumore sind viel aggressiver.

Anna musste nicht wieder ins Krankenhaus. Die Ärzte rieten den Eltern, sich in Geduld zu fassen und ihr Kind alle halbe Jahre im Kernspintomographen untersuchen zu lassen. Dann jedoch zeigte eine Aufnahme, dass der Tumor wieder wächst. Der Chirurg riet nun dringend, ihn diesmal ganz zu entfernen. Der Eingriff sei nicht ungefährlich, denn empfindliche Hirnstrukturen könnten zerstört werden. Annas Eltern zögerten und wandten sich an die Heidelberger Universitätskinderklinik – mit der Bitte um eine zweite Meinung.

Keine Operation

Dort arbeitet Stefan Pfister. Der junge Arzt ist Spezialist für Gehirntumore bei Kindern und forscht im benachbarten Deutschen Krebsforschungszentrum. Bei seinen Untersuchungen hat er entdeckt, wie eine B-RAF-Mutation über eine Kaskade von Signalen in den Zellen bestimmte Tumore auslöst. Das war vor vier Jahren und seither hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. Für Anna wird er keine Operation empfehlen, sondern eine Strahlen- oder Chemotherapie.

Das ist die herkömmliche Art der Krebsbehandlung, bei der die Wirksamkeit nicht garantiert ist. Oft stellen sich vor allem die Nebenwirkungen ein, der gewünschte Effekt bleibt gering. Vorhersagen lässt sich das Ergebnis kaum, und so probieren die Ärzte, bis endlich etwas anschlägt oder das Repertoire an Wirkstoffen erschöpft ist. Millionen von Krebskranken haben das am eigenen Leib erfahren. Ob künftige Generationen sich damit abfinden müssen, hängt von Forschungen ab, wie Stefan Pfister sie verfolgt.

Das Ziel ist die personalisierte Therapie. Damit ist nicht das Eingehen des Arztes auf die persönlichen Bedürfnisse des Patienten gemeint. Es handelt sich vielmehr um ein Konzept, bei dem vor der Gabe von Medikamenten molekulare Tests gemacht werden, um abzuschätzen, ob sie dem Kranken helfen. Im Idealfall erhält der Patient auf diese Weise schnell die Arznei, die am besten für ihn geeignet ist und ihn am wenigsten mit Nebenwirkungen belastet.

Anders als der Name suggeriert, wird die personalisierte Medizin keine individuell maßgeschneiderte Therapie bieten, sondern vielmehr spezielle Behandlungen für kleine Gruppen von Patienten. Aber auch das wäre schon ein großer Fortschritt und daher sagen viele Experten eine neue Ära der Heilkunst voraus.

Tablette gegen Leukämie

Wie erfolgreich das Konzept sein kann, zeigen die Erfolge in der Blutkrebsbehandlung. Noch in den Siebzigerjahren war die Diagnose chronisch myeloische Leukämie praktisch ein Todesurteil. Der Wendepunkt kam 1983, als der Gendefekt gefunden wurde, der die Krankheit verursacht. Nun konnte die Entwicklung eines Medikaments beginnen, das den Defekt zielgenau ausgleicht.

1998 kam ein Präparat mit dem Handelsnamen Glivec auf den Markt. Es wird einmal am Tag in Form einer Tablette eingenommen und verwandelt das einst tödliche Leiden in eine chronische Krankheit, mit der die Betroffenen lange und gut leben können.

Anders als bei diesem Blutkrebs, an dessen Beginn nur ein einziges kaputtes Gen steht, werden die meisten Krebsarten durch Schäden in vielen Erbanlagen verursacht. Bei Brustkrebs kennt man inzwischen mehr als hundert Gendefekte. Und doch verknüpft sich gerade mit Brustkrebs eine weitere Erfolgsgeschichte der personalisierten Medizin.

Das Medikament mit dem Namen Herceptin heftet sich zielgenau an bestimmte Moleküle, die den Tumor zum Wachstum anregen, und blockiert sie. Etwa ein Viertel aller Brustkrebspatientinnen profitieren von dieser Therapie, denn sie haben eine genetische Veranlagung zur übermäßigen Produktion der Wachstumsmoleküle. Allen anderen nützt sie wenig. Mit einer Gewebeuntersuchung lässt sich feststellen, wer für die Herceptin-Behandlung in Frage kommt.

Keine Heilung, aber länger leben

Weder Glivec noch Herceptin heilen den Krebs. Sie können jedoch das Leben verlängern und die Lebensqualität erhöhen. Und viel mehr ist wohl auch nicht möglich bei einer Krankheit, die den Menschen seit Urzeiten begleitet. Einen Sieg über den Krebs halten die meisten Wissenschaftler inzwischen für ausgeschlossen. Zu tief ist die Krankheit im Bauplan des Lebens, im Genom, verankert.

Genau hier setzt die personalisierte Krebsmedizin an, und offenbar ist sie der Wegbereiter für bessere Therapien auch bei anderen Krankheiten. Hierzulande gibt es bereits 23 Wirkstoffe, bei denen ein Test vorgeschaltet wird und weitere fünf sind in der Zulassung. Immer mehr Pharmafirmen setzen auf das Konzept und Branchenpioniere wie der Schweizer Pharmakonzern Roche haben sogar ihr ganzes Programm darauf ausgerichtet.

Sein Medikament gegen Schwarzen Hautkrebs setzt interessanterweise auch am B-RAF-Signalweg an. Schon mutmaßen Experten, dass man künftig nicht mehr von Hautkrebs oder Hirnkrebs spreche, sondern von Signalweg-Krankheiten, etwa einem B-RAF-Tumor.

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