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Zuwanderung in Rhein-Main
Auch in Frankfurt und Rhein-Main stranden viele Frauen und Männer - oft nach einer langen und gefährlichen Flucht. Viele Einheimische unterstützen die neuen Nachbarn.

15. Mai 2015

Flucht: Endlich raus aus Syrien

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Eine Flüchtlingsfamilie auf dem Weg in die hessische Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. (Symbolbild)  Foto: dpa

Eine Flüchtlingsfamilie berichtet von ihrer dramatischen Reise über das Mittelmeer und von ihrem Neuanfang in Frankfurt, wo sie endlich in Sicherheit leben kann.

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Wer die Familie von Ahmad kennenlernt, käme nie darauf, was die sechs alles durchgemacht haben. Mit einem freundlichen Lächeln öffnet der 42-Jährige die Tür, seine Frau Heba und sein Neffe Wesam schütteln die Hände der Gäste, die beiden Söhne Ammar und Obada, 11 und 9 Jahre alt, testen ohne Scheu und mit glühenden Gesichtern das Deutsch aus, das sie in der Schule gelernt haben. Die kleine Sara, gerade erst zwei Jahre, weiß nicht so recht, was sie von dem ganzen Trubel halten soll. Sie schaut etwas verunsichert. Dann schläft sie auf dem Sofa ein.

„Wir haben großes Glück gehabt, dass wir das hier gefunden haben“, sagt Ahmad, während er ins Wohnzimmer bittet. Die Wohnung in Bornheim, in der die Familie seit Anfang März lebt, ist klein, aber gemütlich. Heba trägt das Essen auf den Tisch: Pizza, Foul – ein arabisches Bohnengericht – und Salat, Kuchen und Pudding. Ein Festschmaus.

Serie zur Flucht

Die neue FR-Serie „Stationen einer Flucht“ beleuchtet von heute an zwei Wochen lang jede Station, die ein Flüchtling in Hessen durchläuft: Von der Ankunft in Frankfurt über die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen bis zur Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und zur Integration in einer neuen Heimat. Jeden Tag berichten wir über einen Abschnitt einer Flucht, sprechen mit Behörden, Anwälten, Helfern – und natürlich mit den Betroffenen selbst.

Wir schauen genau hin und wollen kritisch untersuchen, wie Hessen mit Menschen umgeht, die Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen. Dazu kümmert sich unser Autorenteam auch um Detail-Aspekte des Themas Flucht: Wir besuchen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, berichten über Menschen im Kirchenasyl, über Abschiebungen und das umstrittene verkürzte Asylverfahren am Frankfurter Flughafen. han

Dabei ist der Anlass für das Treffen alles andere als erfreulich: Ahmad und seine Familie wollen erzählen, warum sie aus ihrer Heimat Syrien geflohen sind – und warum sie so glücklich sind, jetzt in Frankfurt zu leben. Im Sommer 2012 hat Ahmad, der zu dieser Zeit seit zehn Jahren einen Handyshop in Damaskus betrieb, beschlossen, zu fliehen. Zuerst habe er noch geglaubt, den Bürgerkrieg in seiner Heimat überstehen zu können, sagt er. Als die Vorstadt im Nordosten, wo er aufgewachsen ist, von den Soldaten des Machthabers Assad in Grund und Boden gebombt wurde, seien sie zuerst ins Stadtzentrum gezogen. Aber dann sei die Lage auch dort eskaliert. „Es gab keine Schule mehr für unsere Kinder“, sagt Ahmad. „Manchmal haben wir sogar Leichen in den Straßen gesehen. Wir mussten raus aus Syrien.“

Als erstes floh die Familie nach Damiette, eine Hafenstadt im Norden Ägyptens. Das Klima sei dort wie zu Hause, sagt Ahmad, und alle sprächen Arabisch. Zu Beginn habe Ägypten ihm gut gefallen, er habe einen neuen Laden eröffnet und gute Geschäfte gemacht. „Aber dann bekamen wir immer mehr Probleme mit den Ägyptern.“ Nach dem Putsch gegen die Muslimbrüder habe sich das soziale Klima verschärft, ägyptische Konkurrenten hätten ihm gedroht, weil er ihnen angeblich die Kunden wegnehme. „Einige meinten sogar, wir hätten unsere Probleme aus Syrien nach Ägypten gebracht“, sagt Heba.

Lebensgefahr auf dem Meer

Wieder blieb nur die Flucht. „Wir wollten nach Deutschland oder Schweden“, sagt Ahmad. „Sichere Länder, wo noch individuelle Rechte gelten.“ Im August vergangenen Jahres ging es mit dem Flugzeug nach Algerien, dann auf Schleichwegen durch die Wüste nach Tunesien. Ahmad zeigt Fotos auf seinem Handy, er und Heba mit ernsten Gesichtern, Ammar und Obada auf der Ladefläche eines Trucks, lachend wie bei einem Abenteuerausflug. In Tunesien habe er 400 Dollar an eine Schlepperbande gezahlt, um nach Libyen zu kommen. „Die waren wie die Mafia“, sagt Ahmad. Zehn Tage hätten sie im Haus eines libyschen Schleppers ausharren müssen, mit zugezogenen Jalousien, bei Wasser und Brot, dass die Schlepper sich noch teuer hätten bezahlen lassen. Ständig hätten sie Angst gehabt, von der libyschen Polizei entdeckt zu werden.

Eines Nachts im September vergangenen Jahres hätten die Schlepper sie dann zum Strand gefahren, erzählt Ahmad. „Man sah nicht mal die Hand vor Augen.“ Insgesamt 275 Leute seien auf ein viel zu kleines Boot gestopft worden, das dann Kurs auf Italien genommen habe. „So haben wir gesessen“, ruft der kleine Ammar und kauert sich mit angezogenen Knien auf den Boden.

Nach kurzer Zeit sei mitten auf dem Meer Wasser ins Boot gelaufen, sagt Ahmad. Frauen und Kinder hätten geschrien, Panik sei ausgebrochen. Zwei quälend lange Stunden habe es gedauert, bis die Schlepper das Boot repariert hatten und klar war, dass sie nicht sterben würden. „Ich werde diese zwei Stunden niemals vergessen“, sagt Ahmad. Sein Blick macht deutlich, dass er dazu keine weiteren Fragen beantworten will.

Irgendwann wurden sie dann von einem Schiff der italienischen Küstenwache aufgesammelt. Die Behörden hätten sie durchgewinkt, sagt Ahmad, sie hätten nicht einmal ihre Fingerabdrücke festgehalten, wie europäische Abkommen das vorsehen. Mit dem Zug seien sie über Mailand, Nizza und Straßburg nach Frankfurt gefahren. Nach zwei Wochen in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, wo die Familie erstmals Asyl beantragte, ging es dann nach Bad Arolsen in der Nähe von Kassel, und schließlich nach Frankfurt, als die Aufenthaltserlaubnis kam. Insgesamt habe die Flucht ihn 10.000 US-Dollar gekostet, schätzt Ahmad. „Wenn ich vorher von den Problemen gewusst hätte, wäre ich nie losgegangen.“

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Jetzt ist die Familie überglücklich, in Frankfurt zu sein. Die Leute seien freundlich, sagt Heba, die Behörden hätten ihnen bei der Wohnungssuche geholfen und zahlten ihnen erst einmal den Unterhalt. Vor allem aber seien sie endlich in Sicherheit. Ammar und Obada gehen jetzt zur Schule, Ahmad und Heba besuchen ebenfalls vier Tage in der Woche einen Sprachkurs. „Ich hoffe, dass ich die Sprache schnell lerne und dann wieder Geschäfte machen kann“, sagt Ahmad. „Ich würde jede Arbeit annehmen. Wenn ich bleiben darf und selber mein Geld verdienen kann, dann ist alles gut.“

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