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04. Januar 2016

Flüchtlinge: „Viele kommen als Wracks an“

 Von Eva Schultheis
Viele Flüchtlinge haben monatelange Strapazen hinter sich, ehe sie Deutschland erreichen.  Foto: dpa

Migrationsforscher Yalcin Yildit spricht im FR-Interview über die Integration der Flüchtlinge. Viele kommen in Deutschland hoch traumatisiert an. Darauf gelte es zu reagieren.

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Die Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben dürfen, sollen möglichst schnell integriert werden. Yalcin Yildiz, Migrationsforscher aus Groß-Gerau, plädiert dafür, das Know-how der seit langem hier lebenden Arbeitsmigranten zu nutzen.

Viele der Flüchtlinge, die derzeit nach Hessen kommen, werden längere Zeit bei uns bleiben. Welche Angebote oder Hilfen sind für sie vorrangig?
Diese Menschen sind hoch traumatisiert. Sie haben Traumata in ihrer Heimat erlebt, im Bürgerkrieg, aber auch unterwegs. Priorität haben deshalb therapeutische und pädagogische Maßnahmen wie Familienhilfe. Die Flüchtlinge brauchen aber auch andere Dinge, wie zum Beispiel Telefone, um den Kontakt zur Heimat zu halten, oder Zugang zu Medien wie Zeitung oder Fernsehen. Vielleicht wollen sie auch Angehörige nachholen, das ist verständlich.

Ihre seelische Situation steht also an erster Stelle?
Ja. Deshalb müssen wir uns schon früher um sie kümmern, schon in Ungarn, Tschechien, dem ehemaligen Jugoslawien. Sonst werden die Probleme noch viel größer, sowohl ihre Traumata als auch ihre gesundheitliche Situation. Sie kommen hier als Wracks an. Sie hier erst aufzufangen, wird die deutsche Gesellschaft in jeder Hinsicht mehr kosten.

Wie kann man sie denn am besten auffangen?
Sie brauchen individuelle Pakete. Man müsste quasi mit jedem Migranten eine Art Anamnese machen und dann ein maßgeschneidertes Interventionspaket für jeden Einzelnen erstellen, das zum Beispiel Familienhilfe beinhaltet, Psychotherapie, Behördengänge, Sprachkurse. Auf jeden Fall müssen wir ihnen würdevoll begegnen, auf Augenhöhe und in einer gleichberechtigten Situation.

Zur Person

Yalcin Yildiz wurde 1973 in Wiesbaden als Sohn türkischer Eltern geboren. Er studierte Sozialpädagogik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und arbeitete danach als Familienhelfer und pädagogischer Leiter.

2010 promovierte er über Altern und Generationsbeziehungen im Migrationskontext (http://www.verlagdrkovac.de/978-3-8300-3966-2.htm). Zur Zeit arbeitet er in der Familienhilfe und betreut psychisch erkrankte Migranten im Kreis Groß-Gerau.

Derzeit ist Yildiz ist dabei, pädagogische Hilfspakete für Flüchtlinge zu entwickeln. Kontakt: Yalcinyildiz2002@yahoo.de. (esi)

Was ist denn der größte Unterschied zwischen den Flüchtlingen von heute und den Arbeitsmigranten, die seit den 60er Jahren nach Deutschland kamen?
Die Flüchtlinge, die jetzt aus Syrien oder dem Irak kommen, konnten sich auf nichts vorbereiten. Im Vergleich zu den Arbeitsmigranten haben sie nie beschlossen, dass sie mal auswandern und ein anderes Leben führen wollen. Das Bewusstsein, dass sie vielleicht nicht mehr zurückgehen werden, diese Dauerhaftigkeit, das wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Es wird natürlich ein gewisser Kontrollverlust bei ihnen stattfinden. Es wird ein Gefühl der Hilflosigkeit eintreten, Zukunftsängste entstehen, viele werden Depressionen bekommen. Eine sofortige Integration kann man von diesen Menschen nicht erwarten, aber sie werden sich auch nicht abkapseln, sondern sich allmählich anpassen.

Bei den Arbeitsmigranten hat die Integration ihre Zeit gebraucht. Wird das bei den Flüchtlingen auch so sein?
Wir haben es hier mit einer beschleunigten Sesshaftwerdung zu tun. Wir müssen schauen, wie wir die Ausbildungen und Erfahrungen der Flüchtlinge nutzen können, wie wir sie in den Arbeitsmarkt integrieren können. Das sollte keine 40, 50 Jahre dauern wie bei den Arbeitsmigranten. Wir sollten dieselben Fehler nicht noch einmal machen.

Könnte man nicht das Wissen der Arbeitsmigranten nutzen?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben hier so viele Menschen, die einen Migrationshintergrund haben und im sozialen Bereich arbeiten, sie könnten eine Lotsenfunktion übernehmen. Die klassischen Arbeitsmigranten haben hier nicht nur Ressourcen aufgrund ihrer Strukturen, die sie sich bereits geschaffen haben, wie die Moscheen und Vereine, sondern sie haben auch eine Verantwortung.

Was meinen Sie damit?
Ich zum Beispiel bin hier geboren, habe die deutsche Staatsbürgerschaft, meine Eltern waren Arbeitsmigranten. Ich könnte mich zurücklehnen und sagen, das geht mich nichts an, aber ich bin involviert. Und ich habe den Vorteil, dass ich eine Ausbildung in diesem Bereich habe – ich arbeite momentan in der Psychiatrie, habe auch schon viel mit Familien aus Syrien gearbeitet. Ich hoffe, dass die Politik uns da mehr einbezieht, da spreche ich für viele Pädagogen aus meinem Kulturbereich. Wir haben hier so viel aufgebaut, es wäre beschämend, wenn wir diese Flüchtlingssituation nicht meistern könnten, auch wenn es fünf Millionen werden. Wir sind bereit, für diese Sache zu arbeiten und zu kämpfen.

Interview: Eva Schultheis

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