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09. November 2015

Flüchtlinge: Deutsch als Zweitsprache

 Von 
Harte Arbeit: Flüchtlinge lernen Deutsch im Kurs bei der Volkshochschule.  Foto: Alex Kraus

Der Juniorprofessor Giulio Pagonis spricht im Interview über das Lehren und Lernen von Fremdsprachen. Gerade hat er mit seinem Team eine zweitägige Fortbildung konzipiert, an deren erster Runde etwa 80 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer teilgenommen haben.

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Giulio Pagonis ist ein gefragter Mann. Zurzeit kommen bei ihm beinahe täglich Anfragen von staatlichen Institutionen, Initiativen, Schulen, Fortbildungseinrichtungen und Privatleuten an. „Wie können wir es schaffen, den vielen Flüchtlingen Deutsch beizubringen?“, lautet sinngemäß die Frage, die ihm dabei regelmäßig gestellt wird. Pagonis, Kind von Gastarbeitern, ist Juniorprofessor an der Universität Heidelberg. Sein Ziel ist es, Menschen dazu zu befähigen, jene Deutsch zu lehren, die mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind. Gerade hat er mit seinem Team eine zweitägige Fortbildung konzipiert, an deren erster Runde etwa 80 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer teilgenommen haben.

Professor Pagonis, Sie sind in Deutschland geboren und haben bis zu Ihrem fünften Lebensjahr kein Wort Deutsch gesprochen. Warum?
Aus dem gleichen Grund, aus dem Sie mit fünf bereits fließend Deutsch sprachen. Ein Kind erwirbt diejenige Sprache, die es ihm erlaubt, zwei grundlegende Bedürfnisse zu befriedigen. Es will sich mit den Menschen verständigen, die es umgeben und versorgen. Und es will sich so verhalten wie diese Menschen, mit denen es sich identifiziert. Das gilt auch für deren Sprache.

Welche Sprache war das bei Ihnen?
Das Italienische. Da ich nur für kurze Zeit den Kindergarten besuchte, erfüllte in meinen ersten Lebensjahren die Sprache meiner Mutter diese beiden Funktionen des Verständigens und Identifizierens. Meine Eltern waren als Gastarbeiter Deutschland gegenüber zwar generell positiv eingestellt. Dennoch entwickelten sich soziale Kontakte zu deutschen Familien nur allmählich. Auch wenn wir mitten in Deutschland lebten.

Haben Sie sich damals mit Deutschland identifiziert, auch wenn Sie kein Deutsch konnten?
Meine Lebenswelt beschränkte sich auf das unmittelbare häusliche Umfeld, stärker noch als bei anderen Vorschulkindern. Meine ersten Lebensjahre glichen deshalb wohl eher einem Leben in einer familiären Blase. Für Identifikation mit irgendeinem Land war da kein Raum.

Zur Person

Giulio Pagonis (42) ist in Leverkusen als Kind von Gastarbeitern geboren und in Köln aufgewachsen. Sein Vater kam aus Griechenland, die Mutter aus Italien. Nach dem Abitur arbeitete er als Deutschlehrer in Athen. Pagonis ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Er ist Junior-Professor an der Universität Heidelberg, wo er den Master-
Studiengang Deutsch als Zweitsprache verantwortet. Die Professur wurde von der Günter-Reimann-Dubbers- und Dürr-Stiftung ins Leben gerufen. pgh

Warum spielte Deutsch in Ihrem Umfeld offenbar keine Rolle?
Da war einerseits die sprichwörtliche Reserviertheit der Deutschen. Andererseits hatte ich ein Gefühl der Unsicherheit, wie es gerade auch aufgrund der sprachlichen Beschränkungen bei Arbeitsmigranten oft entsteht.

Wann wurde Deutsch für Sie wichtig?
In der Grundschule, in der ich als sogenanntes Ausländerkind die Ausnahme war. Alle meine Schulfreunde sprachen Deutsch. Darüber hinaus wurde das Deutsche für mich nun auch wichtig, um Anerkennung und Akzeptanz zu bekommen. Alles Gründe, die den Spracherwerb vorantrieben. Übrigens wurde dabei die italienische Familiensprache schrittweise verdrängt. Dieses Phänomen ist weit verbreitet, eine gleichberechtigte Rolle beider Sprachen gelingt in eher bildungsfernen Familien leider nur selten.

Wie haben Sie Deutsch gelernt?
Ganz ohne gezielte Sprachförderung, zumindest nicht in der institutionalisierten Form, in der das heute zunehmend an den Schulen angeboten wird. Das ist in dieser Form ja relativ neu. Wir wohnten in einer deutschen Nachbarschaft, meine neuen deutschen Schulfreunde wurden zu Spielkameraden am Nachmittag. Da war reichlich Gelegenheit, Deutsch zu lernen. Und allmählich wurde das Deutsche ja auch zur Familiensprache.

Und die Schriftsprache?
Die habe ich ausschließlich in der Schule erlernt, da konnten mir meine Eltern auch keinerlei sprachliche Unterstützung bieten. Aber es gab vereinzelt Lehrerinnen, die sehr verständnisvoll waren und mich förderten. Sie erklärten mir Dinge geduldig, gaben mir zusätzliche Arbeitsblätter, bei Schularbeiten durfte ich in die Pause hineinschreiben. Dieser besondere Einsatz einzelner Lehrerinnen hat sicher nicht nur positive Effekte auf meine Motivation, sondern auch auf meine Sprachkompetenz gehabt.

Nun kommen Zehntausende von Flüchtlingen zu uns. Wer soll ihnen Deutsch beibringen?
Unter günstigen Bedingungen können die Menschen Schritt für Schritt eine Sprachkompetenz entwickeln, die zumindest für den Normalgebrauch ausreicht, um erfolgreich zu kommunizieren. Und dies ganz ohne Deutschunterricht. Dafür allerdings müssen sie im Alltag ausreichend viel Zugang zur deutschen Sprache haben. Dann genügt das angeborene Vermögen zum Spracherwerb. Jede Maßnahme, die die Kontaktmöglichkeiten zum Deutschen erhöht, ist auch aus dieser Sicht erstrebenswert.

Gerade die große Zahl der Ankommenden lässt doch eher vermuten, dass die Menschen untereinander eher ihre Herkunftssprache verwenden und eben nicht Deutsch – so wie es bei Ihnen in den frühen Lebensjahren war. Die Flüchtlinge haben dann ja auch niemanden, den sie sich als Vorbild nehmen könnten.
Das stimmt schon. Wenn der sprachliche Input quantitativ und qualitativ ungenügend ist, können aber Sprachförder- und Unterrichtsangebote helfen.

Gibt es dafür genug qualifizierte Lehrer?
Aus meiner Sicht sind auf der Seite des Lehrers besondere Kenntnisse notwendig, die unter anderem den Spracherwerb und seine didaktische Beeinflussbarkeit betreffen. Dass zum Beispiel pensionierte Deutschlehrer, die man ja unter anderem dafür einsetzen will, über dieses Wissen verfügen, kann nicht vorausgesetzt werden. Die allermeisten Betroffenen müssen auf jeden Fall fortgebildet werden.

Geschieht das?
Es ist jedenfalls begrüßenswert, dass der Bereich Deutsch als Zweitsprache mittlerweile sowohl im Lehramtsstudium als auch in der Lehrerfort- und -weiterbildung verankert wird. Dies braucht jedoch Zeit.

So viel Zeit ist aber nicht, es muss sofort geholfen werden.
Richtig. Deshalb sind Sofortmaßnahmen erforderlich, die momentan aber häufig von ehrenamtlichen Laien umgesetzt werden.

Können die das leisten?
Man muss pragmatisch sein und schauen, wie zumindest die grundlegendsten Prinzipien der Sprachvermittlung in Fortbildungen vermittelt werden können. Aktuell bieten wir an unserem Institut Fortbildungen an, mit denen wir auf die zahlreichen Anfragen von Menschen reagieren, die ehrenamtlich helfen wollen und bisher nur geringe Erfahrungen mit Sprachförderung vorweisen. Dass diese Sofortmaßnahmen Kompromisse darstellen, die unter dem akuten Druck zustande kommen und in keiner Weise eine fundierte Ausbildung von Expertinnen in Deutsch als Zweitsprache ersetzen, sollte jedem klar sein.

Mehr dazu

Sie sprechen perfekt Deutsch. Bis zu welchem Lebensalter gelingt es, eine zunächst fremde Sprache bis zum Niveau eines Muttersprachlers zu erlernen?
Diese Frage nach dem Altersfaktor im Spracherwerb wird seit Jahrzehnten heftig diskutiert. Es ist ja tatsächlich so, dass ein Kind, das seine Muttersprache nicht perfekt erwirbt, genauso als Ausnahme gilt – wie ein erwachsener Lerner, der in der Fremdsprache ein muttersprachliches Niveau erreicht.

Gibt es da Unterschiede zwischen der Schriftsprache und der gesprochenen Sprache?
Der Bereich, in dem der Altersfaktor am offenkundigsten zutage tritt, ist sicher die Aussprache. Zumindest für diese wird angenommen, dass ein früher Erwerbsbeginn, etwa im Kindesalter, Voraussetzung für das Erreichen einer muttersprachlichen Kompetenz ist. Warum dies so ist und ob der Vorteil eines frühen Erwerbsbeginns auch für alle anderen Bereiche der Sprache gilt, kann derzeit nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Welche Veränderungen erwarten Sie durch die Zuwanderung für die deutsche Sprache selbst?
Sprachen entwickeln sich in der Regel ungeplant. Schon heute können in der Interaktion zwischen zwei deutschen Schülern Einflüsse aus den sogenannten Lernersprachen von Migranten herausgehört werden. Das betrifft zum Beispiel die Aussprache bestimmter Wörter, wie „isch“ oder auch längere Ausdrücke wie „musstu…“ und so weiter. Dass diese sprachlichen Einflüsse auch in die Standardsprache übergehen, bezweifle ich aber.

Interview: Peter Hanack

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