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Zuwanderung in Rhein-Main
Auch in Frankfurt und Rhein-Main stranden viele Frauen und Männer - oft nach einer langen und gefährlichen Flucht. Viele Einheimische unterstützen die neuen Nachbarn.

02. Januar 2016

Flüchtlinge in Frankfurt: Deutschkurse für geflüchtete Frauen

Eine nach Deutschland geflüchtete Frau schreibt in ihr Vokabelheft.  Foto: dpa

Für die erfolgreiche Integration von Einwanderern ist das Lernen der deutschen Sprache besonders wichtig. Ein Projekt in Frankfurt bietet spezielle Kurse für Frauen an - inklusive Kinderbetreuung.

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Deutschkurse, Rechtsberatung, Begleitung zum Arzt - «wir machen eigentlich alles», sagt Manneesorn Koldehofe vom Mädchenbüro in Frankfurt. Die Einrichtung für Mädchen mit ausländischen Wurzeln unterstützt seit kurzem auch geflüchtete Frauen: Seit September können diese an Deutschkursen teilnehmen, während gleichzeitig ihre Kinder betreut werden. «Flüchtlingscafé Milena» heißt das Projekt.

1996 hatte Maneesorn Koldehofe die interkulturelle Einrichtung gegründet, kurz darauf kam Oksana Frei dazu. «Seit 18 Jahren arbeiten wir jetzt schon zusammen», sagt Frei. Ziel ist es, Mädchen mit Migrationshintergrund zu helfen und Chancengleichheit zu fördern. Seitdem kommen jeden Tag nach Schulschluss zwischen 20 und 30 Mädchen ins Mädchenbüro. Dann wird gekocht, bei Hausaufgaben geholfen oder ein Ausflug gemacht. Im Laufe des vergangenen Jahres kam aus den Reihen der Mädchen die Idee, auch Flüchtlingen helfen zu wollen.

«Wir wollen teilen. Wir wollen, dass die Frauen und Kinder hierherkommen und dann helfen wir denen», sagten die Mädchen zu den Betreuerinnen. Die beiden Hauptamtlichen sind stolz, dass das Projekt von den Mädchen entwickelt wurde. Schnell kam dann der Vorschlag, das Projekt «Flüchtlingscafé Milena» zu nennen. Milena gehörte zu der Gruppe von Mädchen, bis sie 2014 im Alter von zwölf Jahren starb. Mit dem Café lebt die Erinnerung an sie weiter, sagt Koldehofe.
Im Mädchenbüro gibt es eine kleine Küche, in der einige der insgesamt 30 ehrenamtlichen Frauen gerade das Mittagessen zubereiten. Im Aufenthaltsraum schreit ein Baby, in den hinteren Zimmern wird Deutsch gepaukt. Es ist ein bisschen wie in der Schule, mit einem Unterschied: Bei den Lernenden handelt es sich um geflüchtete Frauen, die teilweise nicht schreiben oder lesen können. «Ein paar sprechen Englisch», sagt Koldehofe. Die Kurse seien aber nur auf Deutsch. «Die Frauen wollen das. Die sagen: Wir sind hier um die Sprache zu lernen», sagt die 43-Jährige. «Und Bildung beginnt mit der Sprache.»

Die meisten sind Ende 20

Die Frauen hätten aus verschiedenen Ländern fliehen müssen, etwa aus Eritrea, Syrien, Äthiopien, Afghanistan oder dem Irak. Die meisten sind Ende 20, die Älteste ist 45 Jahre alt, die Jüngste 21. «Sie sind geflohen vor dem Krieg und müssen hier neue Existenzen gründen», berichtet Koldehofe. Sie verstehe, wenn die Frauen sich zerrissen fühlten. Koldehofe selbst stammt aus Laos.

Im Mädchenbüro gerät die schwere Reise in den Hintergrund. «Hier fühlen sie sich wohl», sagt Frei. Während der Kurse werde gelacht, auch untereinander verstünden sich die Frauen, darunter einige Mütter, gut. Ihre Kinder werden in der Zeit von ehrenamtlichen Helferinnen im Aufenthaltsraum betreut. Das kleinste Baby ist 15 Tage alt. Es werden Spiele gespielt, Brötchen geschmiert oder Windeln gewechselt. Bei den meisten anderen Angeboten für Deutschunterricht gibt es keine Kinderbetreuung. Der Bedarf dafür sei aber sehr hoch, meint die 38-jährige Frei.

Im Moment können gleichzeitig 21 Frauen das Angebot wahrnehmen. Und es gebe noch viele, die auch gerne kommen würden. «Aber dafür brauchen wir erst neue Räume», sagt Frei.

Mit der Linsenhoff Stiftung erhielt das Mädchenprojekt kürzlich einen zweiten Förderer, der die Einrichtung zusammen mit der KfW-Stiftung die nächsten vier Jahre unterstützt. «Jetzt haben wir erstmal Sicherheit», sagt Koldehofe. Bei der Vorstellung der Zusammenarbeit Ende November erklärte Stifterin Ann Kathrin Linsenhoff, Kinder brauchten menschliche Wärme. «Hier bekommen sie und ihre Mütter eine Art Zuhause, das sie sonst nicht haben.» Bernd Siegfried, Geschäftsführer der KfW-Stiftung, sprach von einem beispielhaften Flüchtlings-Projekt.

Ende November fand auch erstmals das «Erzählcafé» statt. Dabei kamen die Schulmädchen, deren Mütter und die geflüchteten Frauen und Kinder am Nachmittag zusammen und tauschten sich aus. Einmal im Monat soll nun so ein Treffen veranstaltet werden, zu verschiedenen Themen wie Rechtsberatung, Jobsuche oder Informationen zum Aufenthaltsstatus.

Für das neue Jahr wünschen Koldehofe und Frei sich neue Räume und, dass ihre Arbeit auch nachhaltig etwas bringt. «Integration ist keine Einbahnstraße. Integration ist ein Prozess», sagt Koldehofe. Frei ergänzt: «Wir wollen die Frauen begleiten, selbstständiger zu werden - auch länger als nur für das nächste Jahr.» (dpa)

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