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Zuwanderung in Rhein-Main
Auch in Frankfurt und Rhein-Main stranden viele Frauen und Männer - oft nach einer langen und gefährlichen Flucht. Viele Einheimische unterstützen die neuen Nachbarn.

24. März 2014

Flüchtlinge in Frankfurt: FC Lampedusa greift an

 Von 
Bakary Diakité und Lars Schlichting trainieren die Flüchtlinge ehrenamtlich.  Foto: Alex Kraus

Die meisten Flüchtlinge in der Gutleutkirche haben kaum Aussicht auf eine Aufenthalts - und Arbeitserlaubnis. Beim Fußballtraining vergessen sie immerhin für eine Weile ihre Sorgen.

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Die Vereinten Nationen sind im Rückstand. „Hey, United Nations, come on“, ruft Trainer Bakary Diakité und klatscht aufmunternd in die Hände. Die Vereinten Nationen rennen, schwitzen, kontern – und erzielen wenig später den Ausgleich, gehen schließlich sogar in Führung. Es steht 4:3, Ghana gerät unter Druck, kämpft aber. Ein Spieler dribbelt an Torhüter Lars Schlichting vorbei, schießt und gleicht aus; Ghana sucht den Sieg, aber es bleibt beim 4:4 Endstand. Bakary Diakité pfeift ab.

„Wir versuchen immer, es nach Möglichkeit unentschieden enden zu lassen“, sagt Diakité später, als die Mannschaften in der Kabine verschwunden sind. Schließlich gehe es um den Spaß, es solle keine schlechte Stimmung aufkommen. Die herrsche bei den Spielern ohnehin – und begründeterweise – oft genug. Denn hinter den Mannschaften von Ghana und den Vereinten Nationen, die der ehemalige Eintracht- und Mainz 05-Spieler Diakité gemeinsam mit Personal Coach Schlichting ehrenamtlich trainiert, steht rund ein Dutzend westafrikanische Flüchtlinge. Sie gehören zu den 22, die im vergangenen Jahr unter der Untermainbrücke campierten und schließlich ein vorübergehendes Winterquartier in der Gutleutkirche beziehen konnten.

Seit rund zwei Monaten können sie einmal die Woche auf dem Rasen der SG Bornheim für ein, zwei Stunden ihre Sorgen vergessen und einfach nur Fußball spielen. Initiiert haben das Projekt der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die den Flüchtlingen auch täglich Deutschunterricht erteilt, und die von der IG Metall unterstützte Initiative „Respekt! Kein Platz für Rassismus“. Eintracht Frankfurt sponserte die Trainingskleidung, die SG Bornheim stellt ihren Platz zur Verfügung.

Dort steht Lars Schlichting gerade im Mittelkreis und ruft englische Kommandos in die laue Märzluft. „Up! Down! Left! Right!“, und die 11 jungen Männer in Eintracht-Stutzen, Podolski- oder Henry-Trikots wuchten Fußbälle hoch und runter, beugen die Knie links und rechts. In einer weiteren Aufwärmübung haben sie sich zuvor gegenseitig durch den Mittelkreis getrieben und Fangen gespielt, bis alle elf Spieler sich in einer langen Reihe an den Händen hielten. Gelächter schallt über den Platz. Nach dem Training, sagt Schlichting, der einst als Profi in den USA, Griechenland und Zypern kickte, seien die Männer meist „ein bisschen glücklicher“. „Es hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen“, sagt er, in ihrem Quartier komme ja sonst langsam „ein Lagerkoller“ auf.

"Wir spielen nicht, um einen Cup zu gewinnen. Wir spielen, um uns am Laufen zu halten", sagt einer der Männer.  Foto: Alex Kraus

Die Männer flüchteten übers Mittelmeer nach Italien

Einer der Männer im Team, das heute nicht „FC Lampedusa“ sondern „Vereinte Nationen“ heißt, ist Eric Oko. „Das Training ist mir sehr wichtig“, sagt der 27-jährige Nigerianer. „So können wir uns hier ein bisschen zu Hause fühlen.“ Sonst säßen sie meist tagein, tagaus in der Kirche, da gebe es viel Frust und es komme auch zu Missverständnissen in der Gruppe.

„Wir haben ja keine Perspektive hier zu bleiben“, sagt Oko, der einst in Libyen arbeitete, ehe dort die Bomben fielen und der Bürgerkrieg ihn zur lebensgefährlichen Flucht übers Mittelmeer gen Lampedusa zwang. In Italien habe er wie die meisten anderen ein Bleiberecht als anerkannter Flüchtling, aber das helfe ihm wenig, es gebe dort keine Arbeit. Mit 500 Euro sei er einst aus dem Flüchtlingscamp in Sizilien entlassen worden und lebte fortan ohne Aussicht auf Arbeit auf der Straße. „In Frankfurt kann ich wenigstens Pfandflaschen sammeln“, sagt Oko, der seit rund sieben Monaten hier ist und sagt, es gehe ihm eigentlich nur darum, „irgendwo einmal anzukommen“.

Ob er und die anderen eine Chance haben, dass dies in Frankfurt der Fall sein wird, ist unwahrscheinlich. Die insgesamt rund 20 Männer im Kirchenasyl sind aus Italien und Spanien nach Frankfurt gekommen und haben dort bereits ihre Fingerabdrücke hinterlassen. Laut der Dublin-Verordnung im europäischen Asylrecht aber darf ein Flüchtling, der Europa erreicht, nur in jenem Land Asyl beantragen, in dem er zuerst europäischen Boden betreten hat.

"Unser Leben ist wie der Wind"

Andere EU-Staaten können ihn nach Abgleich der Fingerabdruckdaten direkt in dieses Land abschieben, ohne ihn ein weiteres Mal zu seinen Fluchtgründen anzuhören. Und auch wer etwa in Italien schon als Flüchtling anerkannt wurde und dort einen sicheren Aufenthaltstitel hat, hat in Deutschland in der Regel keinen Anspruch auf eine Arbeitsgenehmigung. Nur zwei der Männer in der Gutleutkirche haben momentan Aussicht auf eine Arbeit in Frankfurt.

Der Fußball lässt die Männer "für einen Moment Lebensfreude entwickeln", sagt Trainer Diakité.  Foto: Alex Kraus

Entsprechend wortkarg reagieren die Männer auf Fragen nach ihrer Zukunft. „Erst hieß es, wir müssen bis Ende März die Kirche verlassen, jetzt heißt es Ende Mai. Aber wo wir dann hinsollen, wissen wir nicht“, sagt der 20-jährige Ghanaer Anaba Issa. Seine Zukunft liege in der Hand Gottes, meint ein 42-jähriger Nigerianer, der nur Ola genannt werden will. Und sein 40-jähriger Landsmann Oliver Laz sagt nüchtern: „Unser Leben ist wie der Wind, wir wissen nicht, wohin er uns weht. Wenn du nicht selbst über dein Leben entscheiden kannst, haben deine Träume enge Grenzen.“

Es sei nicht leicht für die Männer, diese Sorgen und die Angst vor Abschiebung abzuschütteln, sagt Trainer Bakary Diakité. „In so einer Situation kann kaum Lebensfreude und Gemeinschaftsgefühl aufkommen.“ Das Fußballtraining könne an der rechtlichen Situation natürlich auch nichts ändern. „Aber es bringt ihnen wenigstens Spaß und lässt sie für einen Moment Lebensfreude entwickeln.“ Wichtig sei aber auch, ergänzen David Dilmaghani vom AWO-Kreisvorstand und Asma Diakité von der Respekt-Initiative, dass die Hintergründe der europäischen Asylpolitik in der Öffentlichkeit breiter diskutiert würden. Schließlich, so Asma Diakité, sei es ja nur „der Kulanz“ der Kirche zu verdanken, dass die Flüchtlinge nicht auf der Straße schliefen.

Dafür und für das Fußballtraining, sagt Anaba Issa, „sind wir dankbar“, das Training sei ein wöchentliches Highlight. „Aber“, wirft Oliver Laz ein, „wir spielen nicht, um einen Cup zu gewinnen. Wir spielen, um uns am Laufen zu halten.“

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