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Zuwanderung in Rhein-Main
Auch in Frankfurt und Rhein-Main stranden viele Frauen und Männer - oft nach einer langen und gefährlichen Flucht. Viele Einheimische unterstützen die neuen Nachbarn.

29. Januar 2016

Flüchtlinge in Frankfurt: Flüchtlingshelfer schlagen Alarm

 Von 
Lange Gänge und viele Menschen: das Flüchtlingszentrum auf dem einstigen Neckermann-Gelände.  Foto: Alex Kraus

Welcome Frankfurt fordert die Schließung der Flüchtlingsunterkunft auf dem Neckermann-Gelände. Lebensbedingungen sowie medizinische Versorgung seien dort mangelhaft. Der Verein warnt vor einer „menschlichen Katastrophe“.

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Die Vorwürfe wiegen schwer: In der Flüchtlingsunterkunft auf dem einstigen Neckermann-Gelände müssten die Menschen vor den Toiletten Schlange stehen, gebe es „nur selten“ warmes Wasser, nicht ausreichend zu essen und die medizinische Versorgung sei mangelhaft. Diese und weitere Missstände prangert der Verein Welcome in einem offenen Brief an, der die FR-Redaktion am Freitag nach 15 Uhr erreichte. Sie klingt wie ein Hilferuf: „Wir wenden uns an Sie und Ihre Organisation aus einer Notsituation heraus“, heißt es in dem Schreiben, das an mehrere Institutionen ging und auch auf der Homepage stand. Telefonisch war Welcome Frankfurt am Nachmittag nicht erreichbar.

Die Einrichtung

Mitte Dezember zogen die ersten Flüchtlinge auf das einstige Neckermann-Gelände, die größte hessische Erstaufnahmeaußenstelle außerhalb Gießens.

Die Bewohner bleiben einige Wochen, bis sie weiter auf die Kommunen verteilt werden. Zuständig ist das Land.

Betreiber ist der Arbeiter-Samariter- Bund (ASB), die Sicherheitsleute stellt die Firma Ponds. jur

Brief: http://welcome-frankfurt.de

Der Verein fordert die „sofortige Schließung dieser Unterkunft“. Bis dies geschehe, müssten „sofort“ die aufgelisteten Missstände behoben werden, wozu auch ein „unfreundlicher und aggressiver Sicherheitsdienst“ gehörten und fehlende soziale Angebote.

Eine „unabhängige Beobachtergruppe“ müsse ungehinderten Zugang zu der Unterkunft erhalten, um Kontakt mit den Bewohnern aufnehmen zu können. Wie alle 40 hessische Erstaufnahmeeinrichtungen und ihre Außenstellen ist auch das Neckermann-Gelände in Fechenheim für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Vor einer Woche hatte die Landesregierung einen ersten Presserundgang in der von 1200 Menschen bewohnten Unterkunft organisiert, in der Platz für bis zu 2000 Menschen ist. Die örtliche Ehrenamtskoordinatorin Melanie Freitag sagte der FR, dass sie täglich sechs Stunden Betreuung für die Kinder koordiniere.

Der Leiter widerspricht

Der diensthabende Leiter der vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) geführten Einrichtung sagte der FR am Freitagnachmittag, er könne die Anschuldigungen nicht nachvollziehen. „Wir haben ausreichend sanitäre Anlagen.“ Im dritten Stock gebe es 200 Duschen sowie 100 Toiletten plus weitere 100 Toiletten im vierten Stock. Der Durchlauferhitzer sei für die Größe der Einrichtung ausreichend. Für weitere Auskünfte verwies der Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, an die zuständigen Landesbehörde. Das Sozialministerium gab bis Redaktionsschluss keine Auskunft.

Die medizinische Versorgung, heißt es in dem offenen Brief, sei „unzureichend“ – „Medikamente beziehungsweise Rezepte werden nicht in ausreichendem Umfang ausgegeben“. Diese Schilderung sei unzutreffend, versicherte der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk: Seine Behörde habe einen Pool von 100 Ärzten, von denen drei täglich vor Ort Sprechstunden abhielten – „auch ein Kinderarzt“. Die medizinische Versorgung sei „optimal“, Medikamente würden nach Bedarf ausgegeben. In der Kantine habe er sich auch schon umgeschaut. Wem die Portionen zu klein seien, der bekomme Nachschlag. Und Gemüse und Obst gebe es auch. Er sei schon mehrfach auf dem Neckermann-Gelände gewesen, sagt Gottschalk: „Ich habe einen sehr guten Eindruck von der Einrichtung.“

Welcome Frankfurt kommt zu einem anderen Schluss: „Der Hilfeschrei der dort zusammengepferchten Menschen ist für uns nicht mehr ertragbar“, schreibt die Initiative und warnt: „Diese Unterkunft ist darauf ausgerichtet, in einer menschlichen Katastrophe zu enden.“ Es stelle sich die Frage, ob es in Frankfurt mit seinen 42 000 Hotelbetten keine Alternativen gebe. Ein Security-Mitarbeiter habe eine Afghanin und ein Kind angegriffen; daraufhin habe es Streit geben. „Die Polizei musste die letzten Tage wiederholt kommen.“ Ein Sprecher der Polizei bestätigte dies nicht. Der einzige Vorfall in dieser Woche datierte vom Mittwoch: Zwischen zwei Männern aus Afghanistan und dem Iran war es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Einer erlitt eine Platzwunde am Kopf, der andere eine leichte Handverletzung.

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